Am Anfang war das Nasenbohren

Der Flug Wien – Düsseldorf – Los Angeles

Von Wien nach Düsseldorf gerate ich in eine Armee von anzutragenden Geschäftsleuten. Das Flugzeug ist gestopft voll mit raschelnden Tageszeitungen, gehobenen Nasen und extra-gestärkten Hemdkragen. Ich sage kurz hallo zu meinen Sitznachbarn und schlafe innerhalb von zehn Minuten ein, bevor das Flugzeug überhaupt losrollt. Als die Reifen des AirBerlin-Fluges auf der Landebahn in Düsseldorf aufschlagen, wache ich auf. Mein Gott, sind langweilige Geschäftsleute ein gutes Schlafmittel. Gemeinsam mit der Arbeitselite Deutschlands marschiere ich durch die gläsernen Gänge des Flughafens. Nasenbohrend, versteht sich.

Mindestens fünf Flughafen-Menschen in Düsseldorf melden mit bedauernder Miene, es gäbe keinen einzigen gratis Internet-Zugang am ganzen Flughafen. Rein zufällig finde ich in der Gabel zwischen Terminal B und C das Wireless-Netzwerk von Emirates Airlines – es ist nackt, ungeschützt, und obendrein mit dem Internet verbunden.

Während der Flug von Wien nach Düsseldorf eine einzige Horde krawattentragender Arbeitsameisen war, ist das Publikum des Fluges DUS-LAX um einiges volksnäher: Transvestiten, geile Schnitten, kleine Kinder, Tattoo-Träger und Bauchspeck-Touristenpärchen.
Meine Sitznachbarin ist eine nette Deutsche, die in den USA lebt und mit ihrem anderthalbjährigen Sohn unterwegs ist. Beschäftigt mit Aufmunterungsversuchen und Grimassenschneidereien für den Kleinen, vergesse ich beinahe komplett aufs Schlafen, obwohl ich zwei freie, weiche Sitzplätze neben mir habe. Auf dem Weg zum Klo drücken mir zwei deutsche Fußballfan-Menschen, die ich am Flughafen kennen lernte, 20 Euro in die Hand, mit dem Hinweis, ich solle ihnen ein Bier und zwei kleine Weinflaschen bringen, den Rest könnte ich selbst ausgeben. Als ich ihnen die georderten Getränke bringe, stellt sich eine Stewardess zwischen uns. “Die dürfen nichts mehr trinken, die haben schon genug!” Ich gebe den Alkohol zurück und erfahre, dass die beiden schon jemand anders dazu verleiteten, ihnen Nachschub zu bringen, nachdem sie Alkoholverbot bekommen hatten.

Drittklassiges Wetter und wartende Schweinegrippe-Opfer in Los Angeles

Unglaublich. Da fliege ich doch extra 9000 Kilometer weit weg, um endlich gutes Wetter zu sehen – und in Los Angeles ist es genauso bewölkt. Besser noch, am Flughafen erwartet uns eine Kontrolle der U.S. Immigration und U.S. Customs jenseits von Gut und Böse: Zwei Stunden Wartezeit. Die mit notdürftigen Papier-Atemmasken bewaffneten Touristen aus Korea tragen zum klinischen Flair bei. Ein Transvestit aus unserer Maschine wird bei der Einreisekontrolle samt seinen großen Händen und Brüsten beiseite genommen, taucht kurze Zeit später aber wieder zwischen den ganz normalen Schweinegrippe-Paranoiden auf. Hach, die USA sind einfach zu normal.

Auf der Fahrt vom Flughafen nach Westwood komme ich mit meinem Busfahrer ins Gespraech. Er erzaehlt mir Horrorstories über abgehackte Busfahrerbeine und die absolute Wahrscheinlichkeit, dass einem mindestens einmal in der Busfahrerkarriere ein Autofahrer vor der Kühlerhaube aufmuckt und als roter Spinat auf der Fahrbahn endet. Um Busfahrer zu werden, braucht man einfach nur einem eisernen Willen; anfangs ist es nicht untypisch, 14 Stunden pro Tag im Einsatz zu sein – dafür bekommt man auch ein baronisches Gehalt. Von einem Einschulungsseminar, bei dem etwa 100-200 Interessenten teilnehmen, halten meistens nur zwei bis drei Ausdauerkünstler durch. Nach nur 21 Fahrstunden ist man dann offizieller Busfahrer in Los Angeles, und bereit, mit etwa zwei bis drei Liter Kaffeegenuss pro Tag über den Asphalt zu brettern. Wollte ich immer schon mal wissen.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.