Der erste Schultag am SMC – Ethik und Rhetorik im Sommer

Ich fühle mich wie ein kleiner Junge mit Schultüte, der von den Eltern zum ersten Schultag gebracht wird. Ein riesiges Grinsen auf meinem Gesicht, denn das hier ist mein erster Tag in einem College in den USA, die erste Stunde in einem anderen Bildungssystem. Total spannend.

Wie das Klassensystem im College funktioniert

Der SMC-Campus ist voller Leben, Studenten aller Hautfarben strömen in verschiedene Richtungen um mich herum. Ich habe eine Klasse belegt und meine Studiengebühren erst halb bezahlt. Meine Klasse über den Sommer – eine 6-wöchige Session – ist Ethik.

Sessions gibt es im Sommer und im Winter, und sie sind soviel wie komprimierte Semester. In einer Session lernt man in 6 Wochen so viel wie man in einem Semester in 16 Wochen lernen würde.

Wenn ich sage, Klasse, dann heisst das so etwas Ähnliches wie eine Fachhochschulklasse, bloss muss man sich selbst seinen Plan zusammenstellen, wie beispielsweise in österreichischen Universitäten. Meine zwei Jahre hier im Santa Monica College werden aus Klassen zusammengesetzt sein, die

1)      Die „General Education“-Bedingungen erfüllen: Klassen aus den Bereichen

  1. Englisch
  2. Mathematik
  3. Vortragen
  4. Soziale Studien
  5. Humanitäre Studien
  6. Fremdsprachen

2)      Erforderlich sind für zukünftige Studien an den höheren Universitäten: In meinem Fall sind das Klassen für UCLA oder USC im Bereich Psychologie und Film.

3)      „Electives“ – frei wählbare Klassen, die das Allgemeinwissen abrunden.

Ethik ist zum Beispiel eine soziale Studie. Meine Klasse findet in einem futuristischen grau-roten Betonbau statt, bei dem alle Klassen im Erdgeschoss eine Wand aus Glas haben und man damit den Unterricht genau sehen kann.

Meine Freundin, Lorena, beginnt zur selben Zeit ihre Sommer-Session, sie belegt  Deutsch anstatt Ethik. Gut für mich, dann kann ich mit ihr mein Deutsch üben. (sonst überlebt meine Muttersprache die Jahre in den USA nicht)

Die Ethik-Klasse und das Doping

Auch wenn ich nicht jede einzelne Klassenstunde in grossartigem Detail beschreiben werde, möchte ich Ihnen, werter Leser, mit dieser Stunde ein Beispiel geben, wie eine Collegeklasse in den USA aussieht. Die Klasse dauert von 14:45 bis 16:45. Wir sind etwa 40 Studenten in einem grossen, lichtdurchfluteten Klassenraum. Unser Lehrer Steve kommt wortlos in die Klasse und beginnt Dinge auf die Tafel zu kritzeln. Er trägt einen Anglerhut, den er nicht abnimmt – wahrscheinlich, um eine nahende Glatze zu verbergen. Er dürfte um die 40 Jahre alt sein, blickt durch eine runde, schwarze Brille und weiß, seine Rundlichkeit per Kleidung gut zu verstecken.

Kaum dreht er sich um, strömt eine Menge von Inhalt aus seinem Mund und ich habe Mühe, Schritt zu halten, während ich mich noch zurechtfinden muss, was die Notizen auf der Tafel bedeuten. Schnell stelle ich fest, dass meine Vorurteile und Ahnungen alles andere als richtig waren – das Niveau der Klasse ist exquisit, viele meiner Mitstudenten schieben sehr intelligente Meinungen, der Lehrer ist richtig gut und versteht etwas von seinem Fach.

Prinzipiell ist Ethik die Lehre über die Fragen, was moralisch richtig und falsch ist. Genauso wie die Mutter der Ethik, die Philosophie, gibt es hier keine wissenschaftlich richtigen Antworten; stattdessen ist es Sinn und Zweck der Ethik, ein breites Verständnis von Gut und Böse zu vermitteln und durch Diskurs mit anderen Studenten ein besseres Moralgefühl zu bekommen.

Verschiedene Schlagworte fallen: Todesstrafe, Genetische Manipulation, Abtreibung und Doping. Letzteres dreht sich um den Skandal eines Baseballspielers der LA Dodgers – und die Frage, wie sehr sein Doping zukünftige Spieler beeinflussen werde. Es fliegen Argumente durch den Raum und richtig intellektuelle Diskussionen werden geführt. Mein Vorurteil eines niedrigen Ausbildungslevels ist wie weggeblasen.

Der "Quad", eine gebogene Allee, die quer durch den Campus läuft

Der "Quad", eine gebogene Allee, die quer durch den Campus läuft

Die Rhetorik-Klasse mit der Stewardess

Jeder Mann hat wohl die Fantasie, von einer heissen Schnitte unterrichtet zu werden. Nun, in unserer Rhetorikklasse ist dies der Fall. Unsere Professorin unterrichtet nicht nur auf verschiedenen Colleges, sondern ist auch noch Flugbegleiterin. Meine Klassenkollegen sind buntest durchgemischt; wir haben einen Typen im Rollstuhl der ein wenig nach Gangster aussieht und sehr selbstbewusst auftritt; ein Rollstuhl-Mädchen, das ohne Pause von zwei Leuten unterstützt wird, extrem dünne Gliedmassen und durch einen Schlauch in ihrem Hals  beatmet wird (sie besucht den Kurs, um die Rechte von behinderten Menschen zu verbessern). Wir haben noch ein paar mehr “Gangster” (die richtig coole und gmiadliche Typen sind), dann zwei, ältere Semester die sich jeweils ein Bein gebrochen haben, ein paar fitte Leute jenseits der 30, ein paar Angestellte, die diesen Kurs zwecks ihres Jobs besuchen müssen, und eben die breite Meute von Vollzeitstudenten, zu denen ich zähle.

Das Wichtigste an dieser ersten Stunde waren wohl die Eisbrecher-Spiele; man kennt bald ein paar Namen, verbindet die Gesichter im Publikum mit Namen, Besonderheiten und Hintergründen und lernt Mitstudenten kennen. Schliesslich ist das Kennenlernen am SMC für manche etwas schwierig, gibt es doch schliesslich 33.000 Studenten auf diesem Community College.

Das Online-Portal, in dem die Studenten ihre Klassen hinzufügen und entfernen können

Das Online-Portal, in dem die Studenten ihre Klassen hinzufügen und entfernen können

So weit die Summer Session. Ich werde diese Klassen für sechs (Ethik) bzw. acht Wochen (Rhetorik) belegen, bevor dann das “echte” Collegejahr beginnt.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.