Immanuel Kant nistet sich in Amerika ein

Balance zu schaffen ist eine Kunst. Unser Professor versteht es trickreich, traditionell-europäische Philosophen und geistige Grössen aus dem Rest der Welt in unsere Diskussionen einzubinden. Unter anderem den gestauchten Schlumpf Immanuel Kant. Sie werden merken, werter Leser, dass ich kein allzugrosser Fan Kants bin. Das rührt vor allem von seinem Lifestyle, der ihn für mich mehr zu einer Maschine anstatt einem Menschen macht.

Moraltheorien und ethische “Gesetze”

Die Erklärversuche der Moral, auf die wir stossen, sind zahlreich: Subjektivismus, Utilitarismus, Hedonismus, Absolutismus, Naturalismus und so weiter.

Immanuel Kant, weltbewegender Philosoph und Kellerkind

Immanuel Kant, weltbewegender Philosoph und Ordnungsfan

Eine dieser Theorien, der Kategorische Imperativ, wurde von Immanuel Kant begründet:

Du sollst das tun, was allgemein immer getan werden sollte. Dein Handeln sollte als allgemeines Verhaltensgesetz dienen können.

Zum Beispiel nicht zu lügen – und zwar ausnahmslos. Keine “weissen Lügen”, keine Notlügen. Immanuel bringt das Beispiel eines Freundes, der in Ihr Haus stürzt und erklärt, er werde von einem Mann verfolgt, der ihn gerne mit einer Axt meucheln würde. Sie sollen diesen Freund verstecken und dem Axtmoerder klarmachen, dass hier niemand sonst im Haus sei. Und schon klopft es an der Tür.
Was tun also?
Laut Kant: Die Wahrheit sagen. Den Freund kleinhacken lassen. Grund: Um sich moralisch korrekt und gemäss den Kant’schen Regeln zu verhalten. Schliesslich ist es des Freundes Schuld, dass er Sie in diese missliche Dilemmalage brachte – und demnach ist er kein wahrer Freund.

Devils Advocate

Unser Ethikprofessor hat eine unterhaltsame Vorgehensweise gegen Kritik eines Studenten an der jeweiligen Moraltheorie: Er spielt “Devils Advocate”. Dabei nimmt unser Professor einfach die Position des Utilitaristen, Subjektivisten etc. ein und zeigt per Gegenargumentation Löcher in den Argumenten des Studenten auf. “According to Kant, it is more important not to lie than saving a friend who intends to compromise your morality by putting you in a dilemma.”

Ich hebe meine Hand. “Maybe that’s why Kant didn’t have many friends.” Allgemeines Gelächter, keiner kann Kant so richtig leiden.
Es entbrennen wieder grossartige Diskussionen und Ideen strömen wie Wellen durch den Klassenraum. Das einzig Gewöhnungsbeduerftige: Anstatt “Kant” sagen die Leute hier eben “Känt”.
Aus gutem Grund: [kant] = cunt = Schlampe

James Rachels’ Buch “The Elements of Moral Philosophy”

In Ethik verwenden wir ein sehr umfangreiches, jedoch nur knapp 100 Seiten dünnes Büchlein als offizielles Lehrbuch. Weg mit den vorgefertigten Schulbüchern, her mit Fachliteratur. Für jeden, der an Ethik Interesse hat, ist dieses Buch ein grandioser Einstieg; Rachels versteht es, den Leser verschiedenen Ansichten auszusetzen, und fügt schlussendlich eine sehr fundierte Deutung des Gesamtthemas an. Es dreht sich z.B. um Pflichten und Rechte, Abtreibung, oder das Welthunger-Problem.
The Elements of Moral Philosophy

Diese Klasse zeigt mir das enorme Tempo und das grandiose Niveau des Unterrichts am SMC. Ethik ist echt verdammt empfehlenswert – man findet in dieser Klasse zwar keine Antworten, dafür jedoch erweiterte Horizonte und profundere Ansichten, die einen das Leben lang begleiten werden. Major Awesomeness.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.