Umzug zu den Katzen und dünnen Wänden

Miettapetenwechsel

Am 30. Juni läuft mein (nicht sonderlich legales) Mietabkommen mit der Sprachlehrerin ab. Ich suche tagelang nach Wohnungen auf craigslist; verglichen mit letztem Jahr habe ich bessere Suchfähigkeiten entwickelt und bin überzeugt, ich würde eine Wohnung zwischen dem SMC und Lorenas Haus finden. Ich lehne eine sehr gute Wohnung ab und denke mir, ich werde schon noch etwas besseres finden.

Dann ist es 29. Juni und ich habe immer noch nichts gefunden. Nach der Rhetorik-Klasse sitze ich mit Lorena im Bus auf dem Weg nach Hause. Als SMC-Student darf man das umliegende Busnetz „Big Blue Bus“ gratis verwenden. Ein Obdachloser steigt mit einem zahnlosen Lachen aus und ich darf mich in seine unerwarteten Dunstreste setzen. Der Platz riecht nach Scheisse.

Ein unerwarteter Telefonanruf schreckt mich aus der nasalen Dramatik. „Hey, I read your reply on craiglist. Do you want to come by tonight and have a look at the place?” Und schon bin ich mit meinem ganzen Schulkram draussen an der kühlen Nacht. Ich warte vor einem riesigen Elektronikladen und starre auf ein 60er-Jahre Muskelauto. Jeder in Los Angeles hat ein Auto. Auch ich.

Der rostende Baron

Mein Lebaron, der derzeit in Invalidenrente herumvegitiert.

Mein roter Chrysler Lebaron Convertible, der derzeit in Invalidenrente herumvegitiert.

Mein roter Chrysler Lebaron steht verstaubt in einer Garage in Westwood. Nachdem ich meinen Auslandszivildienst abgeschlossen hatte, musste mein Auto einen vorübergehenden Nachfolger finden. Ich vermietete es für 200$ und sparte mir damit die Versicherung für zwei Monate, während ich einen Abstecher zurück nach Österreich machte. Dummerweise fiel das Auto nach einem Monat auseinander und mein Mieter musste den Abschleppdienst bezahlen. Jetzt steht es immer noch in seiner Garage und wartet auf eine göttliche Eingebung meinerseits, damit es wieder fahrtauglich wird.

Mehr zu meiner Mechanikerkarriere kommt später.

Ryu und die Katzen

Das Wohngebäude in dem ich mich einnisten werde (bei Tageslicht)

Das Wohngebäude in dem ich mich einnisten werde (bei Tageslicht)

Ich starre immer noch auf den 60er-Jahre Schlitten, als ein weisses Würfelauto vor mir anhält. So klobig es auch aussehen mag – Würfel auf Rädern, das einzige, was fehlt, sind Würfelaugen auf den Seiten – so geräumig ist es. Ich sehe einem lächelnden Asiaten in sein quadratförmiges Gesicht. Seine Haare sind silber gefärbt, er selbst dürfte wohl Mitte zwanzig sein. Angenehmer Kleidungsstil, Tattoos auf den Armen. Ein paar Runen auf dem einen Handgelenk, ein ärmellanges Tattoo über den ganzen Oberarm auf der anderen Seite. Er heisst Ryu. Wir biegen in eine Garage ein.

„Here we are!“, sagt er, und wir betreten einen Balkongang, der einen geräumigen Innenhof mit Bäumen und Grillzubehör umrundet. Weicher Teppichboden, dämmrig beleuchtet, saubere, offene Küche. Mein potenzielles Zimmer ist gross und hat einen Balkon. Zwei Katzen laufen zwischen ihrem Haus im Wohnzimmer und der Kacktruhe auf dem Balkon hin und her. Eine Grafikdesignerin ist die zweite Mitbewohnerin. Prinzipiell ist mein Zimmer ein abgetrennter Teil des Wohnzimmers – ganz nach IKEA-Style ist die Trennwand selbstgebaut. Das ruft geradezu nach Robinson-Crusoe-Burgenbau-Spielchen. „I guess I´ll take it!” Schön blöd wäre ich, das Angebot abzuschlagen, bei  500$ Miete im Monat (Für einen guten Bezirk in LA ist das ein Spottpreis).

DVDs bei Amoeba Music

DVDs bei Amoeba Music (Foto von Amoeba)

DVDs bei Amoeba Music (Foto von Amoeba)

Ryu und ichstellen schnell fest, dass wir beide total auf Filme stehen, also springen wir spontanerweise um zehn Uhr abends in sein weisses Kistenauto und fahren nach Hollywood zu Amoeba Music.  Ryu hat Film studiert und während dem Studium in einem Filmladen gearbeitet. Er kennt eine Unmenge an Filmen und Regisseuren und stöbert mit einem Korb unter dem Arm nach BlueRay-Goldstücken in den Regalen.
Ich sehe mir peinlicherweise nur die Deckblätter an… ich wusste nicht einmal, dass die Amöbenmusik eine Filmsektion hat.

Und was für eine: Filme nach Regisseuren geordnet, nach Genres, nach Herkunftsland, Filmstyle… tausende und abertausende verschiedener DVDs bieten die perfekte Auswahl für Zelluloidfreaks. Ich kaufe mir „Tape“, ein fantastischer Underground-Film von Richard Linklater, über den ich später berichten werde.

Die nächsten zwei Stunden verbringen wir philosophierend und Lebenserfahrungen-austauschend in Ryu´s Auto. Ich fühle mich seltsamerweise als würde ich mit mir selbst sprechen – bloss dass mein Spiegelbild asiatisch aussieht und Tattoos hat…

Meine neue Bude, direkt nach dem Einziehen

Meine neue Bude, direkt nach dem Einziehen

Mein neuer Kühlschrank, den ich mit Erdbeeren, Orangen, Pfirsichen, Miclh und Oliven fülle. Biblisch!

Mein neuer Kühlschrank, den ich mit Erdbeeren, Orangen, Pfirsichen, Miclh und Oliven fülle. Biblisch!

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.