Unabhängigkeitstag = Jahrestag

Der amerikanische Independence Day

Für jeden US-Amerikaner, ob nun Patriot oder nicht, ist der Unabhängigkeitstag einer der Highlights des Jahres. Zugegeben, die meisten Leute rennen durch die an diesem Tag aussergewähnlich unbefahrenen Strassen oder durch ihre mit Steakdünsten zugegrillten Vorgärten und jauchzen den Namen ihres grossartigen Landes.
Nur in Ausnahmefällen ist es allerdings reiner Patriotismus; meistens eher der ebenfalls aussergewöhnlich hohe Alkoholgenuss dieses Tages oder einfach die Freude, nicht zur Arbeit gehen zu müssen. Nicht zu vergessen, die ganze Welt scheint in Rot-Weiss-Blau getaucht zu sein; amerikanische Flaggen in allen Grössen dürften wohl zu den meistverkauften Artikeln während den Unabhängigkeitstagsfeiern gehören. Knapp danach kommen wahrscheinlich die roten 0.5-Liter-Becher, mit denen nationsweit Bierpong gespielt wird.

EINSCHUB: Während ich diese Zeilen schreibe, fahre ich gerade einige Tage nach Handlungszeitpunkt mit dem Bus. Ein Mann in grünem T-Shirt mit Kleeblattaufdruck, mir gegenübersitzend, schreckt auf und schreit “Are we at Fairfax yet?!”. Auf das Verneinen der Busfahrerin hin schiebt er seine Sonnenbrille zurecht und beginnt lautstark irgendetwas von seinem Anwaltm brüderlicher Liebe und verhunzten Schulstipendien zu faseln, sodass es die ganze Passagierschaft hören kann.

Vor 365 Tagen lernte ich Lorena kennen

Schaltjahr hin oder her, vor genau einem Jahr traf ich meine Freundin. Auch wenn wir nicht an unserem ersten Treffen einen Ehevertrag unterschrieben oder Blutsbruderschaft schlossen, so darf der 4. Juli als Jahrestag gewürdigt werden.
Die darauffolgenden Monate letzten Jahres verbrachte ich in Kanada. Ich muss gestehen, dass ich mich im Gegensatz zu meiner Freundin während dieser Zeit nicht allzu keusch verhielt – schliesslich wusste ich nicht, ob ich sie überhaupt wiedersehen würde und hatte nicht die Energie, ein monatelanges Pokerspiel aufrecht zu erhalten. Aber das ist eine lange, emotionsgeladene Geschichte, die irgendwann einmal ein Ende haben sollte.
Da wir uns vor einem Jahr kennenlernten und nie so wirklich einen “offiziellen” Beginn unserer Beziehung hatten, entschloss ich mich, diesen Tag als unseren Jahrestag festzulegen.

Fahrradfahren bei den Veteranen endet immer in Gefechtsverletzungen

Das Freiland-Altersheim für Kriegsveteranen liegt sehr romantisch: Es grenzt direkt an den hauseigenen Krankenhauskomplex, wird überschattet von einem fensterlosen Regierungswolkenkratzer (inklusive Immigrantengefängnis im Keller) und liegt in Knochenwurfweite des benachbarten Nationalfriedhof von Los Angeles.
Trotz all dieser demotivierenden Nachbarn ist der Veteranenpark einer der idyllischsten Orte in LA. Riesige Eichen, uralte Palmen und weiches Gras – und inmitten all dieser Natur stehen viktorianische, weiss gestrichene Häuser mit den typischen Holzverandas und kreisrunden Einfahrten.
Fahrradfahren in diesem Paradies ist ein Genuss, zumindest bis zu dem Punkt, bei dem ich ein fotogenes Setup entdecke. Ich schnappe meine Kamera mit rechts, drücke die Fahrradbremse mit links und fliege in hohem Bogen über den Lenker. Ich bremse mit Ellbogen, Zehenknöchel und Nase auf dem Asphalt, den freien Arm mit der Kamera heroisch in die Luft gestreckt.

Eine Reihe aus Schulbussen - in diesem Parkplatz waren insgesamt locker dreimal so viele Busse zu sehen.

Eine Reihe aus Schulbussen - in diesem Parkplatz waren insgesamt locker dreimal so viele Busse zu sehen.

“Oh my god, Toby, are you okay?!”, ruft Lorena, kommt herangelaufen und nimmt mich in die Arme als wäre ich ein verwundeter Soldat. Der Schmerz ist wie weggeblasen… da verletze ich mich direkt gerne.

Jahrestag am Hollywoodsign – Piknick über den Raketen

Das Hollywood Sign vom Beachwood Drive aus gesehen

Das Hollywood Sign vom Beachwood Drive aus gesehen

Als Überraschung zum Jubiläum fahre ich Lorena – bloss nicht gucken – mitten in die Hollywood Hills hinein, North Beachwood Drive hoch und parke das Auto am Fusse des Griffith Park. Hier geht es zu Fuss weiter. Wir wandern vorbei an einer Pferdefarm, die seit letztem Jahr wohl Besucherzuwachs bekam und für 25$ eine einstündige Reitstrecke anbietet. Die Farm liegt in einem Kessel; von dem Rand des Kessels aus hat man einen guten Überblick über die geschäftigen Pferdetreiber:

Die Pferdefarm mitten in den Hollywood Hills, am Fusse des Hangs, der schlussendlich zum Hollywoodzeichen hochführt.

Die Pferdefarm mitten in den Hollywood Hills, am Fusse des Hangs, der schlussendlich zum Hollywoodzeichen hochführt.

Ein Pfau spatziert stolz in der Abenddämmerung auf einer Anhöhe herum und stellt einen glamorösen Vordergrund zum Hollywood Sign, das man von hier aus bereits sehen kann. Wir wandern etwa 20 Minuten lang, bis ich eine Abkürzung entdecke. Sie scheint steil zu sein, spart uns aber mindestens 20 Minuten. “I will NOT get up there, just that you know!”, meint Lorena. “Come on, I walked that path before, its really not that hard.”Wir beide tragen FlipFlops und allerlei Piknickgepäck; der Pfad wird steiler und sandiger, und wir rutschen immer mehr und mehr ab.
Zwanzig Meter vor dem Gipfel: “I hate you. Look at my Flip-Flops, they are completely ruined! They were new!”
Fünfzehn Meter vor dem Gipfel: “Seriously Toby, I know you always wanna do it the way you envisioned things, but this is outrageous!!”
Zehn Meter: “Ah, this was going to be romantic, wasn´t it?! And now, look! Awful! Ah, I hate you!”
Fünf: “I can´t do this any more, seriosuly Toby, NO! NO!”
Zwei: [bitterliches Weinen]

Und dann ist es geschafft, die Anhöhe bezwungen, der Berg erklommen, und weiter geht es auf der gemütlichen Bergstrasse. Wir beide schwitzen wie die Schweine nach dieser Kletteraktion, und Lorena ist bitterböse. Wir haben einen wunderschönen Ausblick auf North Hollywood, das in den Dunst der Dämmerung getaucht ist und von der untergehenden Sonne bestrahlt zu einem orangen Glühen wird.
Als wir bei der Radiostation ankommen, sind bereits ein paar Pärchen und Familien dort, ein paar mit dicker Piknickausrüstung.

Eine Gruppe von Menschen, die das Treiben des unabhängigkeitstages vom Hollywoodzeichen aus verfolgt.

Eine Gruppe von Menschen, die das Treiben des Unabhängigkeitstages vom Hollywoodzeichen aus verfolgt.

Der Sendemast über dem Hollywood-Sign im Licht der untergehenden Sonne.

Der Sendemast über dem Hollywood-Sign im Licht der untergehenden Sonne.

Aus dem Piknickrucksack zaubere ich Wassermelonen, Baguette, Karotten, Vitamin Water und selbstgebrateneSteaks. Während Lorena nach jemandem mit Handy sucht – ihr Handy scheint bei unserer Kletteraktion kaputt gegangen zu sein – schnitze ich ein Herz in das Brot, Botschaften des Friedens auf die Karotten und andere romantischen Symbole auf die Wassermelone. Als Krönung bringe ich eine grosse Seifenblasen-Flasche zum Vorschein, die ich aus Lorenas Haus mitgehen liess. Lorena liebt Seifenblasen.

Und so wird das anfängliche Martyrium doch noch zu einem ganz romantischen ersten Jahrestag, denn als wir unsere Köstlichkeiten verspeisen und es langsam dunkel wird, beginnen Feuerwerke aus dem Lichtermeer unter uns aufzusteigen.
Ein Helikopter landet langsam auf dem Gelände der Sendestation, und als das einzige Licht auf unserem Piknicktuch vom Mond und den Lichtern des Sendemasten kommt, können wir das Flimmern über den zwei Städten sehen. Die Hollywood Hills trennen den südlichen und nördlichen Teil von West Los Angeles – und wir sitzen am höchsten Punkt dieser Hügelkette.
Die Feuerwerke in bestimmten Baseballstadien sind beeindruckend und verträumt, Seifenblasen fliegen durch die Luft und Wassermelonen rutschen unsere Hälser hinunter, Lorena hat sich in ein Handtuch gehüllt und ich halte sie ganz fest.
Was für ein Abend.

Downtown Los Angeles im nächtlichen Smog, gerade noch durch den Mond beleuchtet.

Downtown Los Angeles im nächtlichen Smog, gerade noch durch den Mond beleuchtet.

West Los Angeles mit Feuerwerken bei Nacht

West Los Angeles mit Feuerwerken bei Nacht

Seifenblasen zum Independence Day

Seifenblasen zum Independence Day

Ein Pärchen vor dem nächtlichen Los Angeles; links die Sendestation.

Ein Pärchen vor dem nächtlichen Los Angeles; links die Sendestation.

Doch der Abend ist noch nicht vorbei

… denn bald darauf steigen wir wieder ab, fahren nach Westwood, treffen uns mit Freunden, fahren zu einer Party und machen uns – ganz amerikanisch – hackefett.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.