Im Harry Potter Rausch

Ich glaube, ich habe jedes der Harry-Potter-Bücher gelesen. Die Filme waren immer ein netter Weg, meine Fantasien in einer anderen Version auf Leinwand zu sehen. Rein aus Prinzip lachte ich immer diese Kinder aus, die sich verkleideten oder stundenlang anstellten, nur um das neue Buch als Erster zu lesen oder als Allererster im Kinosaal zu sitzen.

Zu einem neuen Level brachte es schliesslich der Fanatiker, der doch tatsächlich Selbstmord beging, bloss weil ihm jemand das Ende des Films verraten hatte. „Mein Leben macht jetzt keinen Sinn mehr.“ Jedem das Seine.

Der Prinz kehrt nach Jahren zurück

Lorenas ehemalig angebeteter Schwarm (gleichzeitig Cousin von Rachel) soll mit seiner Familie nach LA kommen. Cooler Typ, aber von Eifersucht meinerseits keine Spur. Lorena beschrieb ihn als Prinz auf Pferd mit strahlender Rüstung, und in der Realität ist er dann ein gut aufgelegter, käsebleicher Ire.

Lorena war vor vier Jahren Hals über Kopf in ihn verschossen – ob ich jetzt eifersüchtig bin? Nicht die Bohne. Ich lebe einfach mit der Überzeugung, dass Eifersucht eine Schwäche ist und mir kein anderer paarungswilliger Mann das Wasser reichen kann. Damit bin ich Selbstzweifel und Verlustängste los, die sowieso mehr Schaden als Nutzen anrichten würden.

Verkleidet und aufgemotzt für eine Gutenachtgeschichte

Es mag sein, dass ein paar Harry-Potter-Fans diesen Blog lesen, oder Leute, die sich gerne den Film ansehen wollen. Ich werde daher den „Spoiler“-Bereich markieren.

Um meiner Überzeugung, kein Harry-Potter-Fan zu sein, beizutragen, verkleiden wir uns alle für die Mitternachtsvorstellung vor dem Tag der offiziellen Premiere. Ich trage eine rote, knöchellange Robe mit weissem Emblem, einen Weihnachtsmannhut, der zaubern kann, ein lächerliches  Flamencotänzerhemd und einen kümmerlichen Ast, der als Zauberstab dient. Auf mein Gesicht habe ich mit Marker Rundbrille und Blitznarbe angebracht.

Die Mädchen entschliessen sich für das Outfit ungezogener Schulmächen, im kläglichen Versuch, Hermine Granger nachzuahmen. Niemand hat rote Haare, die zwei Cousins von Rachel sind aber schön kreidebleich, wie es sich für die englische Sippe im Film gehört.

Hexerei und seltsame Engländer

Wir sehen uns den Film im AMC Theatre in Century City an. Als wir aus den Untiefen der Parkstruktur entweichen, begegnen wir zwei Jungen. „HOKUS POKUS!“, rufe ich. Die beiden schrecken zurück. Noch gnadenloser verfahre ich mit zwei kleinen Asiatinnen, die ich in Grund und Boden hexe. Als wir um eine Ecke gehen, laufen wir beinahe einem gross gewachsenen Pärchen in die Arme. Mit Gebrüll verzaubere ich sie ins Jenseits. Sie ziehen lachend von dannen.

„Oh, Toby! That was Janice Dickinson!”
“Who?”
“She’s supposed to be the world’s first supermodel!”

Und sie war mit Silvester Stallone verheiratet. Und mit drei anderen Kerlen. Und hat ihre eigene Modelagentur. Geil – mein erster in Los Angeles gesichteter Star! Bis dato habe ich nur so Aussagen wie „Halt mal, war das …?“ machen können, aber jetzt, nach fast einem Jahr hier, habe ich endlich einen Star von ganz nah gesehen (Jack Nicholson sah ich aus 100m Entfernung während eines Basketballspiels) – und prompt verhext.

Die Harry-Potter-Geeks mit verwirrten Transformerfans aus England im Hintergrund.

Die Harry-Potter-Geeks mit verwirrten Transformerfans aus England im Hintergrund.

Vor dem Rolltreppenaufgang windet sich bereits die Schlange eingesessener Fans, die mit Hogwarts-Hauben und den notorischen, gelb-roten Schals vor Aufregung fast platzen. Wir reihen uns ein, treffen Mädchen in hautengen Schulmädchenkostümen und rennen käsigen Engländern über den Weg. Sie tragen Alufolien als Imitation einer lächerlichen Ritterrüstung auf ihrem Körper. Auf die Frage hin, was das mit Harry Potter zu tun haben soll, meinen sie lediglich, sie wären Engländer.

Nach zwei Stunden Warten betreten wir den Saal, in dem wir für eine weitere halbe Stunde nur auf den Film warten. Es wird dunkel, die alufolierten Engländer verkünden „Finally! We are going to see Transformers!“. Ein paar Leute lachen, und schon werden wir in ein düsteres Warner-Brothers-Logo hineingezogen.

SPOILER:

Film ab

Der Film ist düster, dunkel, blau und grün. Draco Malfoy ist der auserwählte Bösewicht und scheint moralische Probleme damit zu haben, welche sein Haar noch bleicher aussehen lassen. Harry, Ron und Hermine pflügen abstruse Beziehungskisten untereinander; während Ron sich eine relative simple Gespielin angelt, wird Hermine eifersüchtig und hat ihre Tage. Ich bin mindestens zehnmal im Film eingenickt; das Verhalten und die Story alterniert zwischen Donald-Duck-Comics und finsterem Hokuspokus. Man sollte unbedingt das – meiner Meinung nach sehr coole – Buch lesen, um die Story zu verstehen. Viele logische Ungereimtheiten und unzusammenhängende Erzählfäden spinnen sich durch die Geschichte; hierfür könnte aber auch meine durch das lange Warten erzeugte Schläfrigkeit Schuld tragen.

Im Allgemeinen hat der Film tolle Effekte und eine wahrlich grandiose Cinematik (Kameraführung und Lichtsetzung), aber erzähltechnisch gefällt er mir nicht.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.