Der sterbende Baron – ein Auto, ein Mann, eine Prokrastination

Unter der Haube des Lebaron - ein abgefallener Keilriemen und keine Ahnung, wie man ihn wieder draufmontiert

Unter der Haube des Lebaron - ein abgefallener Keilriemen und keine Ahnung, wie man ihn wieder draufmontiert

Der Chrysler Lebaron ist ein Wagen aus den 90ern, mit dem ich mir für 1600$ (Gegenwert rund 20.000.000 Reiskörner oder 7 Euro) den lange schlummernden Traum eines roten Cabriolets erfüllte. Als ich damals im Gymnasium “Fear and Loathing in Las Vegas” sah, war mir klar, dass ich mindestens einmal in meinem leben mit einem roten Amerikanomobil ohne Dach in die Stadt des Glücks und Verderbens brausen musste. Zwar bin ich bis dato noch nicht nach Las Vegas gedüst, aber das richtige Auto habe ich wenigstens.

Gerentet und in Rente gegangen

Nach meinem Auslandszivildienst ging ich für anderthalb Monate nach Österreich, um in Schulen über das einmalige Jahr im Ausland und meine gewonnene Lebenserfahrung zu sprechen. Insgesamt sprach ich zu etwa 600 Schülern in ca. 10 verschiedenen Schulen – nicht, weil ich Geld dafür bekam, sondern weil ich so vielen Schülern wie möglich diese fantastische Möglichkeit, den eigenen Horizont zu erweitern, zeigen wollte. Und ich konnte endlich meine Freunde wiedersehen … nur um sie anderthalb Monte später wieder zu verlassen und meine Träume zu verfolgen.

Während ich also zurück in Europa war, musste mein Auto irgendwo hin – würde es auch nur einfach herumstehen, müsste ich immer noch eine Versicherung von ca. 150$ im Monat zahlen. Jedes Auto in Kalifornien, das nicht in einem Bunker steht und damit möglicherweise in einen Unfall verwickelt wird, muss versichert werden. Am Tag vor meiner Abreise erfahre ich von meinem Mitbewohner, dass sein Freund ein Auto benötigt – und zwei Stunden später habe ich einen Mieter für den Baron. Er zahlt Versicherung, er zahlt Miete dafür, er hat eine Garage, in der er das Auto stellen kann: Was will man mehr?

Man will beispielsweise, dass das Auto nachher noch funktioniert, und nicht inmitten der anderthalb Monate eine Nachricht auf Facebook kommt, dass das Auto nicht mehr funktioniert.
Genau das passierte aber. Das Auto vermietet, das Auto umgenietet.

Mit den Konsequenzen kommt lange Weile und Erfahrung

Ich rief meinen Bekannten an und fragte ihn, wie das Autoproblem entstand. Er meinte, er wisse nicht wie, aber er weigerte sich, die Miete zu zahlen – schliesslich hatte er für den Abschleppwagen gezahlt. Währenddessen sass ich in Österreich und konnte weniger als gar nichts tun.

Schmalspurmechaniker und seine ölige Verkleidung

Schmalspurmechaniker und seine ölige Verkleidung

Als ich nach Los Angeles zurückkam, musste ich alle mögichen Sachen organisieren – Hostel finden, Busfahren, Bankkonten, Handy, College, Klassen, Einschulungstests usw. usw – und am Ende verging eine Woche und ich hatte immer noch nicht nach meinem Auto gesehen. In der zweiten Woche kam ich zum ersten Mal dazu, nach meinem fahrbaren Untersatz zu sehen.

“Toby, the tow truck guy said its maybe something with the transmission. It could also be that your engine is done, I mean, the car has 172.000 Miles and its a Chrysler, that’s roundabout what those cars are standing and then they break.”

, meinte Will, mein unzufriedener Automieter. Ich sah unter die Motorhaube   – und prompt sprang mir der grosse Keilriemen ins Auge. Er war von den Rollen gefallen. Zwar hatte ich keine Ahnung, wie ich diesen Riemen wieder einspannen könnte, aber ich hatte noch weniger Lust, einen teuren Mechaniker dafür zu bezahlen.
Ich probierte es selbst, wurde von oben bis unten dreckig, kletterte unter das Auto, auf das Auto, legte den Riemen wieder auf die Rollen, alles klappte … bis ich dann zur letzten Rolle kam, und nie im Leben konnte ich es auf diese Rolle bekommen. Der Riemen war zu kurz, oder zumindest unter zu viel Spannung. Ich konsultierte Google und kam zum Schluss, dass es eine Rolle geben musste, die Spannung im Riemen erzeugte; diese musste gelockert werden.

Alles nur Schall und Rauch

Also gehts ans Eingemachte: Drei Wochen … nichts! Prokrastinieren, prokrastinieren, gähnen, auf morgen verschieben – und nun sind es vier Wochen, und ich habe endlich das richtige Werkzeug von Auto Zone ausgeborgt, mit dem ich die Spannungsrolle per Hebelwirkung verschieben kann. Und wieder werde ich dreckig, ich presse, drücke, ziehe, halte mit den Zähnen, mit dem Knie, halb in den Motor hineinkippend … und geschafft! Der Riemen ist drauf!

Ich starte das Auto: Batterie leer. Gut, dass ich Lorenas Auto mithabe und per Kabel die Batterien verbinde. Und tatsächlich, mein Auto startet. Und es beginnt zu qualmen. Der Rauch strömt fröhlich von direkt unter dem Motor hervor. Ein Ölleck im Motor? Ein Problem mit der Kupplung? Wird der Baron je wieder auf der Strasse fahren können? Werde ich ein neues Auto kaufen müssen und mich für rausgeworfene 1600$ selbstgeisseln müssen?
Müssen kleine Hamster in Tierversuchslabors sterben?
Und warum gibt es keine Dinosaurier mehr?

Die Spannung ist geradezu nervenzerfetzend.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.