Der Autofriedhof in Sun Valley

Hart erkämpft: Ein SONY-Autoradio. Das ölige Tuch schützt gegen die brennend heisse Mittagssonne.

Hart erkämpft: Ein SONY-Autoradio. Das ölige Tuch schützt gegen die brennend heisse Mittagssonne.

Der Autofreund

Während einem Familienessen bei Lorena lerne ich einen Freund der Familie kennen, der exakt den selben Vor- und Nachnamen von Lorenas Vater hat, in der selben Bank arbeitete, selbe Geschwisterkonstellation hat usw. usw. Dieser schlanke, grosse Mann mit guten Lederschuhen kommt aus Mexiko und heisst Enrique. Er isst keine Nachspeise – Desserts sind ihm zu süss.

Unser gemeinsames Gesprächsthema kristallisiert sich in kurzem Männergespräch heraus: Autos und Autoreperaturen. Er erzählt mir von Abenteuern, bei denen er halbreparierte Jaguars für einen Spottpreis in den USA kaufte, sie reparierte und für das Fünffache des Kaufpreises in Mexiko an Sammler weiterverkaufte. Seine Geschichten faszinieren mich, und so beschliessen wir, uns am darauffolgenden Sonntag auf einem Autofriedhof zu treffen. Er, weil er so gut wie jeden Sonntag zum Autofriedhof pilgert, und ich, weil ich in die Welt der Automechanik tauchen möchte.

Mit dem Humpelmodus durch Los Angeles

“Pick your Part” heisst der Schrottplatz, der im wüstenartigen Klima des Industrieviertels Sun Valley liegt. Karte

Von meinem Haus aus habe ich etwa 40 Minuten reine Fahrzeit, in denen ich den Freeway über die Hollywood Hills nehmen muss. Seitdem ich mein Auto wieder fahrtauglich machte, gibt es allerdings ein Hitzeproblem mit dem Getriebe: Nach wenigen Minuten Fahrzeit schaltet der Bordcomputer in den “Limp-in Mode”, den Humpelmodus, in dem ich nur den ersten, zweiten und dritten Gang benutzen kann. Fatal natürlich, wenn man plötzlich auf der Autobahn nur noch 50km/h fahren kann…

Seit Tagen fahre ich also so wenig wie möglich, werde mitten in der Fahrt auf 40km/h heruntergedrosselt und die Kühlflüssigkeit blubbert au dem Überlaufventil kochend heiss auf den Asphalt. “Miete eben ein Auto“, rät Lorena. “Fahre eben mit öffentlichen Verkehrsmitteln“, sagt meine Logik. Doch das Mietauto für einen Tag kostet mindestens 50$ und die Vororte-Bahn, die von Downtown LA zu diesem Industrieviertel fahren würde hat lächerliche Intervalle von zwei Stunden.

Um 11AM soll ich Enrique treffen. Es ist 9:30AM. Anderthalb Stunden.

Der Countdown läuft

Ich setze mich in mein Auto, ohne Plan, biege auf die nächstbeste Strasse ein. Soll ich absagen? Im Limp-Mode für knapp anderthalb Stunden in den Norden fahren? Ein Mietauto suchen? Mit den Öffentlichen fahren und zwei Stunden zu spät kommen?

Scheiss drauf!“, sagt der Mensch in mir. Mit scheppernden Fenstern und offenem Verdeck fahre ich auf den Freeway auf. 30MPH … 40 … ich fühle die Automatik auf den vierten Gang hochschalten … 50 … 60 … das Tosen um die heruntergefahrenen Fenster wird lauter … und ich erreiche 75 MPH. 121 km/h. Fast wie in Europa. An mir zischen die Bankgebäude des Wilshire Boulevard vorbei, die glänzend weissen Hotels rund um westlichen Sunselt Boulevard, die Ausfahrt zum Mulholland Drive, welcher direkt zum Hollywood Sign  führt, und ich befinde mich mit meinem roten Lebaron Convertible mitten in den Hollywood Hills. Es herrscht wenig Verkehr an einem Sonntagmorgen und ich brause durch die beige-grüne Pampa.
Ich überquere die Passhöhe mit locker 70MPH und rausche abwärts ins Tal von North Hollywood. Der Freeway ist steil hier, bestimmt steiler, als man ihn in Europa bauen dürfte. Mir unbekannte Ausfahrten ziehen an mir vorbei, das Stadtbild wird industriell, flach, charakterlos. Ich weiss nur, dass ich es bis zum Ronald Reagan Freeway schaffen muss. Die Nervosität sitzt mir im Nacken, der Triumph liegt auf der Kühlerhaube. Ich habe es über die Berge geschafft, jetzt liegt mir nichts mehr im Weg…

WRRRRRRRR – und das Auto bremst, bremst, 60MPH, Nein, 50, komm schon, 40, 35 … ich rolle mehr oder minder nur noch aus, die Motorbremse beschleunigt den Vorgang. Ich fahre bei einem Exit namens Roscoe Boulevard ab, im Humpelmodus schaffe ich es bis zu einer Tankstelle. Mir reicht es. Dieses Auto ist am Ende. Doch es ist Sonntag, und auch in einer arbeitsorientierten Gesellschaft wie den USA haben alle kleinen Mechanikerläden geschlossen. Die Kühlflüssigkeit verdünnisiert sich durch das Überlaufventil und verleiht dem Tankstellenparkplatz ein friedliches Schillern.
Ich krame eine Strassenkarte von 1990 aus dem Kofferraum, die mir ein armenischer Freund einst gab. Roscoe, Roscoe …
Und da ist die Strasse, da ist der 405 Freeway – und ich traue meinen Augen nicht: Roscoe Boulevard bringt mich schnurstracks in den Sun Valley hinein – und ist zu allem Überfluss auch noch die Strasse, die direkt zu besagtem Autofriedhof führt. Limp-in Mode voraus!

Fahrrad Fetisch

Auf den letzten Metern zum Schrottplatz begegne ich einem sonderbaren Zeitgenossen, der weder Englisch noch Zeichensprache versteht. Auf seinem Kleinbus hat er an die fünfzig Fahrräder geladen, mit Stricken und Seilen an allen Ecken und Enden angebunden. An der Seite seines Autos steht eine bequemer Ohrensessel. Der Anblick scheint so absurd, dass selbst dem TÜV der Mund offenstünde – doch in Amerika ist so etwas machbar. Schliesslich ist es ja das Land der unbegrenzten Fahrmöglichkeiten, wie beispielsweise der Quotenreiter Pimp My Ride beweist. Oder eben jener fahrende Fahrradhändler.

Der Fahrradhändler und sein Laden - ein Bus, der um die 50 mit Stricken befestigten Fahrräder transportiert.

Der Fahrradhändler und sein Laden - ein Bus, der um die 50 mit Stricken befestigten Fahrräder transportiert.

Exquisiter Kundenkomfort: m bequemen Ohrensessel kann man die fahrbare Ware begutachten

Exquisiter Kundenkomfort: Im bequemen Ohrensessel kann man die fahrbare Ware begutachten

Tausende und abertausende Autos auf Stelzen

Oben eine Karte des "Pick your Part", unten eine Vergrösserung. Jedes dieser kleinen Rechtecke ist eine Autoleiche...

Oben eine Karte des "Pick your Part", unten eine Vergrösserung. Jedes dieser kleinen Rechtecke ist eine Autoleiche...

Enrique steigt aus seinem Mercedes – ein Prachtstück mit Klimaanlage, Stereo und Holzverkleidungen, den er voll funktionsfähig für 800$ am Schrottplatz kaufte. Dieser Kauf fand vor vier Jahren statt, und immer noch fährt das Auto einwandfrei.
Er zerrt eínen rieigen, fahrbaren Werkzeugkasten vom Rücksitz, leiht mir feste Schuhe und Socken (man bemerke, dass ich seit Wochen nur noch in FlipFlops herumrenne), empfiehlt mir, mein öliges Tuch als Sonnenschutz zu benutzen und wir fallen ein in das Paradies der Automechanik. Am Eingang unterschreiben wir ein Statement, dass wir alle Haftung für unsere etwaigen Verletzungen selbst übernehmen.

“Here … those are the Europeans, in the quarter back there we have the Japanese, all the cars that you can see over there are Americans. And here we have the cars that work, in the fenced area.”
Die Autos sind nach Herkunft geordnet, in einer rechteckigen Matrix aufgereiht und stehen auf metallenen Zylindern, die als Stelzen dienen. Auf dem Boden liegen halb geöffnete Motoren, Scherben, zurückgelassene Werkzeuge, aufgebogene Metallteile, Kabel, Schrauben, ganze Autofenster und aller mögliche Kram, den man aus einem Auto herausnehmen kann. Wie eine Metallplantage backen diese Autos mit vor sich hin. Stellt man sich in die Mitte einer Reihe, gähnen einem geöffnete Kühlerhauben bis in die schiere Unendlichkeit entgegen.

Offene Kühlerhauben bis zum Horizont des Schrottplatzes.

Offene Kühlerhauben bis zum Horizont des Schrottplatzes.

Rasterartigen, endlose Kolonnen von Ersatzteillagern, die einst Autos waren

Rasterartigen, endlose Kolonnen von Ersatzteillagern, die einst Autos waren

Sieg auf der ganzen Linie

Sieg auf der ganzen Linie

Und jener schlacksige Mann, an dessen Seite ich diesen Schrottplatz erkunde, wird zum Tier, wenn es um das Bergen eines kostbaren Kleinods geht: beispielsweise die Antenne eines Jaguars. Er nimmt das Hecklicht ab, findet eine Metallstange am Boden, biegt die Karosserie bis die Antenne in den Kofferraum gefädelt werden kann, birgt den Antennenmotor und präsentiert stolz seine Beute. Als ich ihn um Hilfe bete, ein Autoradio zu bergen, bricht er es mit beinahe blosser Hand heraus, reisst die Kabel aus dem Schlund der Montur und schnippelt das Metall mit einer Zange weg.

Er schenkt mir das Autoradio, für das er 15$ am Ausgang bezahlt. Wir sehen uns einen weiteren Schrottplatz an, auf dem neben dahinrostenden Autoleichen eine Sammlergalerie zu finden ist: Alte Schulbusse dienen als Tribüne, auf der diverse Oldtimer und Musclecars aufgereiht sind, auf dem Haupthaus des Schrottplatzes thront ein Wasserflugzeug, und irgendwo in der Mitte der Autos findet man sogar einen alten Army-Lastwagen, der mit Kurzstreckenraketen am Dach bestückt ist. Was für eine fantastische Welt…

Am Ausgang/Eingang des Schrottplatzes macht ein feilschender Werkzeughändler gutes Geschäft mit mir - nun kann ich auch mit Schraubenschlüsseln aller Grösse prahlen.

Am Ausgang/Eingang des Schrottplatzes macht ein feilschender Werkzeughändler gutes Geschäft mit mir - nun kann ich endlich mit Schraubenschlüsseln aller Grösse prahlen.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.