Ethik: Das Finale

Eins ist klar in der Ethikklasse – alles Schöne hat sein Ende. Ungleich zur Schule in Österreich gibt es nach der Abschlussprüfung nichts mehr – die Noten werden vom Professor ins System eingegeben und sind ein paar Tage später online zu sehen. Keine Verhandlungen, Bitten, Betteln, Wiedergutmachungen.

Meine Ethikklasse am SMC - hier ist etwa die Hälfte der anwesenden Studenten abgebildet.

Meine Ethikklasse am SMC - hier ist etwa die Hälfte der anwesenden Studenten abgebildet.

Das A, B, C, D, E oder F steht wie ein Fels in der Brandung studentischer Widerspenstigkeit. Möglicherweise lässt sich in einer privaten Session mit dem Lehrer noch etwas drehen, aber nur vielleicht.

Unsere Abschlussprüfung in Ethik ist uns heilig, nicht nur, weil die Klasse schlichtweg AWESOME war, sondern der Lehrer uns auch eine Menge Vorfreude auf die Prüfung bereitet hat. Die Regel “Open Book, Open Notes” täuscht Einfachheit; zugegebenermassen stelle ich mir eine Prüfung an einer europäischen Universität schwieriger vor, auf der anderen Seite hat diese Klasse bestimmt eine breitere Interessensförderung unter den Studenten. Anstatt von 100+ Studenten sitzen in diesem Lehrsaal nur 35.

Schweiss, Tränen und andere Körperflüssigkeiten

Lorena und ich haben einen stressigen Tag, fahren zu spät los, müssen noch schnell bei meinem Apartment stop machen um Wechselgeld für die Parkuhren beim Santa Monica College einzusammeln und meine Aufzeichnungen mitzubringen – und schlussendlich ist es 2:20PM. Um 2:45 beginnt die Klasse. Wir schreien uns im Auto an, ich schwitze aus den Poren meiner Stirn, Tränen dampfen das Auto wolkig, und als wir um 2:35PM vor der Schule ankommen, schicke ich Lorena zur Klasse und versichere ihr, dass ich noch schnell Bücher kaufe, einen Parkplatz finde und ebenfalls zur Klasse komme. Zehn Minuten. Der Klassenraum ist lange drei Minuten Laufzeit entfernt. Ich haste in den Bücherladen, will Bücher für 5$ ausborgen, die Lorena und ich während dem Unterricht üblicherweise teilen.

“Sorry Sir, but this card doesn´t work.”
“Oh, uhm, maybe this here?” (ich krame in den Dollarscheinen und fische meine österreichische Bankomatkarte heraus) “Sorry, this one doesn´t work either.

Scheisse. Ohne die Bücher kann einer von uns nur die Aufzeichnungen zur PRüfung benutzen, und klarerweise haben wir nicht jede Lese-Hausaufgabe erledigt. FUCK. Dann wenigstens ein Parkplatz. “There is an undercover parking lot supervisor, he marks the tires. It wouldn´t be a good idea to leave the car here”, ruft mir der Heini aus dem Bücherladen hitnerher. Mein Schweiss rast bodenwärts, direkt durch die Boxershorts durch. Ich bin triefend gestresst.
Subway! Ich parke einfach beim Subway – Fastfood essende Leute müssen ja wohl nett sein. 2:45PM. Ich haste mitsamt tausend Gepäckstücken wie ein peruanischer Sherpa in die Hallen der Sandwiches. “PLEASE can I park on your lot? I have a final to write!”
“No man .. sorry!” “A FINAL! PLEASE, COME ON!”
Doch der Subwayer bleibt hart. Er empfiehlt mir die Parkplätze der fettigen Pizzeria nebenan. Pizza.

“CAN I PLEASE PARK ON YOUR PARKING LOT, I HAVE A FINAL TO WRITE! FIVE MINUTES AGO!”
Der dicke Koch mit rasiertem Kopf und fettiger Schürze dreht sich um. “I didn´t see anything buddy…”

Das ist ein Ja.

Bepackt mit meiner ledernen, 20 Jahre alten Studententasche, 2L Cola, 2L Sprite, Chips, zwei Decken, Kamera und Muffins humple ich gen Klassenraum. Alles scheint hinunterzufallen, und dann bin ich bei der Klasse. Angstschweiss vertreibt Stressschweiss. Scheiss Schweiss. Zu dumm, dass meine Hände voll bepackt sind, sonst könnte ich ihn mir abwischen.
Ich stutze ungläubig, als ich feststelle, dass der Lehrer noch nicht einmal da ist. Grosse Spitzenklasse.

Ein Kinderspiel

Ich schreibe den Test in null komma nichts, brauche kaum meine Aufzeichnungen, erinnere mich gut an den Unterrichtsinhalt. Gmiadlich! Und alle anderen arbeiten noch während ich fertig bin, ein Nickerchen halte, die Pissoirs teste (man darf einfach so während der Prüfung aufs Klo gehen), ein weiteres Nickerchen halte, alles Stifte zusammenräume und mich in den Annalen der Herrlichkeit sehe. Ich gehe noch einmal durch die Fragen und meine Antworten, und bin mir meiner Sache sicher. Ich nehme mein Heft, will bereits aufstehen, blättere noch einmal zurück und sehe die Rückseite des Angabezettels. Schmetternd schlagen sich drei weitere Fragen, mit Punktwerten jenseits von Gut und Böse, in meine Augen.

Kein Grund zur Nervosität, schliesslich habe ich trotz zwei Nickerchen noch eine Unmenge Zeit. Ich löse auch diese Fragen im Rambo-Style und erhebe mich als Vierter. “Thank you for this extraordinarily interesting class”, schreibe ich auf den Kopf des Angabezettels, “…and I mean this in an intrinsical way, not as a utilitarian approach to raise my test grade”.

Das After-Ethics-Picknick am Campus und Ende der Klasse

Wie zu erwarten war, trägt niemand weitere Köstlichkeiten zum Picknick bei, auch wenn in der vorletzten Stunde von mir angekündigt.  Nachdem ich mein Final eingereicht habe, setze ich mich auf die Wiese vor dem Humanities and Social Sciences Gebäude und packe den Picknickbaukasten aus. Der geschleppte Speis und Trank reicht für die kleine Splittergruppe der Klasse, die sich nach und nach um die Picknickdecke schart. Eines der Mädchen berichtet von ihrer Anstellung bei Hooters, dem Restaurant, bei dem alle Kellner junge, hübsche Mädchen sind. Sie erzählt von einer der Kellnerinnen, die weit über das Durchschnittsalter hinaus gearbeitet hat und mit knapp 30 Jahren eigentlich zum alten Eisen gehören sollte. Sie kellnert bei Hooters hauptberuflich und hat drei oder vier Autos. Wie das funktioniert?

Grob nacherzählt, etwa so:

Well, so she was the biggest slut of all of the waiters. I mean, the BIGGEST, seriously. She´d always get the good tables and then behave like she was horny as a monkey, and make the guys go crazy. One of her tricks was to go up to a guy, fill his beer until the foam top was bulging over the top of the glass – we call the foam top “head” – and then ask innocently “Shall I give you some more HEAD?” My god, she got so many tips…

Picknick vor dem Humanities and Social Sciences Gebäude des Santa Monica College, gemeinsam mit dem harten Kern der Ethikklasse.

Picknick vor dem Humanities and Social Sciences Gebäude des Santa Monica College, gemeinsam mit dem harten Kern der Ethikklasse.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.