Mit grauen Hunden über die mexikanische Grenze – Teil 1

Stefan, ehemaliger österreichischer Auslandsdiener, ist auf Besuch. Sein Touristenvisum ist gültig bis morgen. Also enstcheiden wir uns, den Ratschlägen eines Marine bei der amerikanischen Einwanderungsbehörde zu folgen und den Sprung zur mexikanischen Grenze zu wagen. Dort ist der einzige Platz, an dem wir für Stefan ein neues Touristenvisum beantragen können.

Der singende alte Mann, der zur rechten Zeit einfach aus seinem Rollstuhl aufsteht und mit dem Busfahrer plaudern geht. Lächerlich.

Der singende alte Mann, der zur rechten Zeit einfach aus seinem Rollstuhl aufsteht und mit dem Busfahrer plaudern geht. Lächerlich.

Also, ab geht´s, und zwar mit dem Bus. Auch wenn Los Angeles ein erbärmliches öffentliches Verkehrssystem hat, kommt man so ziemlich überall hin; eben halb so schnell als würde man ein Auto nehmen. Als wir im Bus gen Downtown LA rasseln, wird die Treppe des Busses ausgefahren und ein Mann im Rollstuhl wird hochgeliftet. Die Technologie ist beeindruckend, liegt der Busboden doch mindestens einen Meter über dem Gehsteig. Nachdem der halbglatzige Asiate seinen elektrischen Rollstuhl geparkt hat, verwandelt sich die Hebebühne wieder in eine Treppe.

Der Mann singt eine kurze Melodie, sieht aus dem Fenster, singt wieder die Melodie, kratzt sich, Melodie … Stefan und ich scherzen darüber, dass er eigentlich gehen kann und nur aus Faulheit in diesem Rollstuhl sitzt. Ich spreche hier von einem Rollstuhl, der mehr einem Golfcart als einem klassischen Rollstuhl ähnelt. Und dann, zwanzig Minuten später, als ob es ein Scherz wäre, steht der Mann doch tatsächlich auf, läuft wie ein strammer Jüngling nach vorne, erkundigt sich  nach der Busstation, läuft zurück zu seinem Papamobil, quetscht sich auf den bequemen Sitz und lässt sich per Hebebühne auf den Gehsteig setzen. Was für ein fauler Sack.

Bei zwei Stationen sitzen offensichtlich Obdachlose, und der Busfahrer fährt einfach an ihnen vorbei, die Winkzeichen ignorierend, das verzweifelte und aussichtslose Nachhumpeln der offensichtlich benachteiligten Männer nicht beachtend. Ich hasse ihn dafür. Mag sein, dass diese Männer beizeiten betrunken sind und Unruhe im Bus stiften, aber das gibt dem Busunternehmen noch lange nicht das Recht, ihnen die letzte billige Transportationsmöglichkeit zu untersagen.

Touristen die in Downtown LA auf ein - so vermute ich - Theaterstück warten.

Touristen die in Downtown LA auf ein - so vermute ich - Theaterstück warten.

Die äusserst reizvolle Greyhound-Station direkt neben Skid Row

Wir planen, den Greyhound-Bus um 12 Uhr Mittags nach Tijuana zu erwischen. Wir verpassen ihn. Also soll es der 1-Uhr-Bus werden. Als wir beim Terminal ankommen, ist der Bus jedoch bereits fertig beladen und angeblich “voll”. Nach ein wenig Protest geben wir uns also mit dem 2-Uhr-Bus ab. Stefan und ich warten und warten, es wird 2 Uhr, und kein Bus in Sicht. Die Mitarbeiter auf der Station haben selbst scheinbar keinen Plan, was mit dem Bus passierte.
Nicht nur, dass die Station direkt neben den ärmlichen Obdachlosenbezirk Skid Row gepflanzt ist, sondern auch dass die Fahrpläne hier scheinbar als Klopapier benutzt werden und keinerlei Bezug zur Realität haben. Der 2-Uhr-Bus fällt einfach aus.

Um drei Uhr geht es endlich los.

Roadtrip im arktisch klimatisierten Bus

Der Busfahrer ist ein gmiadlicher Gschmuftel, der mit seiner werten Gattin in Spanisch am Handy telefoniert – nicht ganz gesetzestreu, aber schliesslich hat er ja sonst nichts zu tun. Wir sehen Hochspannungsmasten, chemische Fabriken, endlose Hügellandschaften auf der einen und den lautlosen Atlantik auf der anderen Seite. Wir ziehen durch verschiedenste Landstriche, passieren Disneyland, verlassen Orange County und nähern uns San Diego. San Diego liegt etwa zwei Autostunden südlich von Los Angeles. Als auf der Meeresseite der Flughafen auftaucht, zieht ein Jumbojet über unseren Bus hinweg, in den Sonnenuntergang hinein fliegend. Richtig Bilderbuch-mässig. (Natürlich ist meine Kamera genau in diesem Moment ausgeschaltet und verpasst den Moment)

Rechts zu sehen: Ein Laster mit Motorhauben-Ersatzteile für Trucks und Busse

Rechts zu sehen: Ein Laster mit Motorhauben-Ersatzteile für Trucks und Busse

Brücke über dem Hafen von San Diego

Brücke über dem Hafen von San Diego

Schlachtschiffe, die im Hafen von San Diego vor Anker liegen

Schlachtschiffe, die im Hafen von San Diego vor Anker liegen

Letzte Ausfahrt vor Mexiko..

Letzte Ausfahrt vor Mexiko..

Und dann, eine halbe Stunde später, ist es so weit … die Grenze taucht auf. Überall sind kleine Versicherungsunternehmen zu sehen, die Mexiko-USA Austauschversicherungen verkaufen. Die Schilder werden noch bilingualer als sie es schon in San Diego waren. Menschen wuseln durch die kleine Bahnstation, die ein paar Schritte vom Hauptgebäude der Grenzkontrolle entfernt liegt. Wir wechseln in eine mexikanische Buslinie, die unter ihrer eigenen Flagge Greyhound-Kunden über die Grenze bringt. Stefan ist sichtlich nervös.
Ich auch. Denn als internationaler F-1-Visa Student muss ich eine Ausreisebewilligung von meinem College einholen, um das Land wieder betreten zu dürfen. Ich finde eine Unterschrift auf meinen Papieren vor, bin mir aber nicht sicher, ob diese Unterschrift für eine Wieder-Einreise reicht. Der Bus rollt langsam im Grenzkontrollkomplex vorwärts und bleibt stehen. “Could I quickly talk to Immigration to make sure my papers are sufficient to return?”
“Sure.”
“So, where is the American immigration office?”
“Haha … well, we are already in Mexico, sir. But at the back of the building you can find the Mexican immigration office…”

Grossartig. Keine amerikanische Kontrolle, bevor man die USA verlässt. Keine mexikanische Kontrolle, wenn man einreist. Das Immigrationsbüro ist selbstverständlich unbesetzt.

An der amerikanischen Grenze in Richtung Mexiko strömen Menschen aus dem beigen Grenzkontrollkomplex.

An der amerikanischen Grenze in Richtung Mexiko strömen Menschen aus dem beigen Grenzkontrollkomplex.

Sechzig aufregende Minuten in Mexiko

Alle Seile losgelassen. Jetzt ist es sowieso nur mehr russisches Roulette, ob entweder Stefan oder ich oder beide in die USA zurückkehren können. Kaum jemand an Bord kann noch Englisch sprechen, plötzlich ist alles in Spanisch. Mit dem dröhnen der unsauber gefertigten Strassen rasen wir durch Hinterland, sehen Vororte, kommen näher zu einem stadtähnlichen Tijuana. Ich bin aufgeregt, ein neues Land zu sehen, das so anders aussieht als die nur wenige Kilometer entfernte US-Seite.
Ich bin schockiert, von der Armut, die so blossgestellt und offensichtlich ist. Fasziniert von der Schönheit der Landschaft, der kulturellen Prägung, der Menschen, die sich so anders als Amerikaner verhalten. Verblüfft von den kleinen Behausungen, die sich wie ein Steinrutsch auf den Hügellandschaften verteilt haben.

Sonnenuntergang über dem dicht besiedelten Tijuana

Sonnenuntergang über dem dicht besiedelten Tijuana

Kleine, farbenprächtige Häuser liegen in den Hügeln der abendlichen Vorstädte von Tijuana. Ach, was für ein Satz.

Kleine, farbenprächtige Häuser liegen in den Hügeln der abendlichen Vorstädte von Tijuana. Ach, was für ein Satz.

Slumartige Ziegelbauten an den Hängen von Tijuana. Die Armut nahe der Grenze ist erschreckend und faszinierend.

Slumartige Ziegelbauten an den Hängen von Tijuana. Die Armut nahe der Grenze ist erschreckend und faszinierend.

Mexikanisches Taxi und wartende Passagiere vor dem Tijuana Airport

Mexikanisches Taxi und wartende Passagiere vor dem Tijuana Airport

Die mexikanische Polizei, so korrupt sie sein mag, hat ganz schön geile Schlitten - fährt sie schliesslich mit Ford Mustangs auf Verbrecherjagd.

Die mexikanische Polizei, so korrupt sie sein mag, hat ganz schön geile Schlitten - fährt sie schliesslich mit Ford Mustangs auf Verbrecherjagd.

Ein bisschen mehr Polizeikontrolle am Strassenrand

Ein bisschen mehr Polizeikontrolle am Strassenrand

Auf dem Weg mit dem Bus durch die Hügel von Tijuana sehe ich diesen Mann mit zerfetzten Hosen und zerissener Kleidung in Richtung Strasse humpeln. Im Hintergrund werden Felgen und Autozubehör verkauft.

Auf dem Weg mit dem Bus durch die Hügel von Tijuana sehe ich diesen Mann mit zerfetzten Hosen und zerissener Kleidung in Richtung Strasse humpeln. Im Hintergrund werden Felgen und Autozubehör verkauft.

Vierzig Minuten später befinden wir uns auf dem zentralen Busterminal von Tijuana. Hunderte und Aberhunderte Menschen drängen sich durch die hell erleuchteten Hallen. Sie schleifen riesige Säcke hinter sich her, tragen Stapel von Kleidung unter ihren Armen – vorwiegend Grossfamilien, von kleinen Kindern bis zu alten Greisen. Alle Schilder sind in Spanisch geschrieben, es ist bereits dunkel draussen, und weder Stefan noch ich wissen mehr spanische Vokabel als ola, gracias und como estas… und wir haben nicht die leiseste Ahnung, wann und ob überhaupt ein Bus in die USA zurückfährt.

Keine Spur von Greyhound-Schildern, und der Schalter mit der mexikanischen Reiselinie, mit der wir hier ankamen, ist leer…

FORSETZUNG FOLGT. “Mit grauen Hunden über die mexikanische Grenze – Teil 2

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.