Mit grauen Hunden über die mexikanische Grenze – Teil 2

Fortsetzung von “Mit grauen Hunden über die mexikanische Grenze – Teil 1

Sechzig Minuten in Mexiko

Das vollgerammelte Busterminal von Tijuana, auf dem Stefan und ich kein Wort verstehen... Spanisch will gelernt sein.

Das vollgerammelte Busterminal von Tijuana, auf dem Stefan und ich kein Wort verstehen... Spanisch will gelernt sein.

Wir befinden uns auf dem Busterminal von Tijuana, einer Stadt im Norden Mexikos, die für Kaputtsauf-Kurzbesuche von US-Amerikanern und einer nicht ungefährlichen Kriminalitätsrate bekannt ist. Stefan, der mich auf seinem Weg vom Auslandsdienst in Kanada zurück nach Österreich besuchen kam, und ich, der ein paar klägliche Fetzen Spanisch beherrscht, stehen in einer mit Menschen und Geschrei erfüllten Wartehalle. Wir haben keine Ahnung, wie wir wieder zurück in die USA kommen.

Der Schalter unserer Reiselinie ist unbesetzt. Vielleicht gibt es einen zweiten Schalter? Vielleicht müssen wir einfach nur auf die Schalterbesetzung warten?
Ich höre ein schleifendes Geräusch neben mir. Eine Frau zieht einen Plastiksack voll weisser Bohnen zum Schalter und schultert ihr schweres Rucksackgepäck.
“To Los Angeles?” “Si!”
Wir sind im selben Boot. “Shall I help you with your backpack?”, frage ich sie.
“Yes!”

Ich bin verblüfft. Kein Herumgedruckse, keine falsche Bescheidenheit – ein einfaches Ja. Das ist wohl etwas an der mexikanischen Kultur, das ich mir in Kalifornien wünschen würde; mehr Ehrlichkeit, weniger Anstand.

Die Frau führt uns zu einem anderen Schalter der Reiselinie. Dieser Schalter ist besetzt. Durch zwei Fenster hindurch winkt uns unser ehemaliger Busfahrer zu. “You going back guys?! That was a short visit!” Besser auf Nummer sicher gehen, schliesslich ist es schon dunkel draussen, und wir müssen es noch bis Los Angeles schaffen.
Auf nächtlichen Strassen geht es zurück zur Grenze. Eine riesige Schlange von Autos wartet auf den Durchlass, wir fahren in einer seperaten Busspur ganz knapp zum Checkpoint und werden dann in ein Kontrollgebäude verwiesen. Nur noch wenige Meter bis zur Wahrheit. Werde ich es mit meinem möglicherweise unkompletten Studentenvisum durch die Kontrolle schaffen? Wird Stefans Visum verlängert?

Wie Ameisenstrassen schlängeln sich Autokolonnen an der US-amerikanischen Grenze von Mexiko kommend.

Wie Ameisenstrassen schlängeln sich Autokolonnen, von Mexiko kommend, an der US-amerikanischen Grenze.

Über den Jordan

“Next please.” Ich trete zum Schalter, “I am an F1 Student”.
“Ah, I see. Do you have your I-20 with you as well?” Das I-20 ist das wohl wichtigste Papier, das ich neben meinem Reisepass besitze; es dokumentiert meine Berechtigung, hier zu studieren.
“Yes, here.”
Der Beamte überfliegt die erste Seite. “Thank you.” Und ich bin zurück im gelobten Land. Stefan ist direkt nach mir, also warte ich auf ihn. “Sir, please go outside”, scheucht mich ein Immigration Officer von dannen. Also gut, warte ich eben draussen, auf US-amerikanischem Boden.

Und dann … kein Stefan. Zehn Minuten. Zwanzig. Ich frage zwei Wachbeamte. “It may take some time to issue a new visa”, meinen diese. Dreissig. Keine Spur von meinem Kumpanen.
Nach etwa vierzig Minuten kommt eine schweissgebadete Koexistenz vom sonst quirligen Stefan aus dem Gebäude. “Ich muss morgen das Land verlassen. Die wollten mir keine Verlängerung geben.”
KANNS NICHT SEIN!
In meiner Welt bedeutet das nur eines:

Krieg den bürokratischen Sesselfurzern

Jetzt werde ich aber richtig wütend. So eine Frechheit können sich diese überheblichen Typen nicht erlauben: Schliesslich hat genau derselbe Fall – ein fast ausgelaufenes Touristenvisum durch ein neues zu ersetzen – für mich an der kanadischen Grenze reibungsfrei geklappt. Ich überrede die Wachleute, Stefan zurück in das Gebäude zu eskortieren, um dort mit einer Autoritätsperson zu reden. Zehn Minuten später kehrt er zurück.
“Wir müssen über die Brücke gehen und die Grenze überqueren… dann können wir zurück und es noch einmal versuchen.”
…Anstatt einfach durch das Gebäude zu gehen. Umständlich, aber wenn das unsere einzige Möglichkeit ist, dann gehen wir eben über die Brücke. Keine amerikanische Kontrolle, und wir verlassen mir-nichts-dir-nichts das Land.
Auf der mexikanischen Seite passieren wir eine metallene Schleuse und werden wir von freundlichen Grenzbeamten zur Seite gebeten, die unser Gepäck kontrollieren wollen. Sie sind weitaus lockerer als die Amerikane, haben dafür M16-Sturmgewehre umgehängt und tragen Camouflage-Anzüge.

Taxis auf der mexikanischen Seite der Grenze, die Neuankömmlinge nach Tijuana bringen.

Taxis auf der mexikanischen Seite der Grenze, die Neuankömmlinge nach Tijuana bringen. Wir gehen lieber zu Fuss.

Eine weitere Brücke später finden wir uns vor einem grossen, metallenen Tor wieder. Durch eine Schleuse kommen wir in einen Vorhof, in dem ein Baum die sonst unschmucken, nächtlichen Gebäude dekoriert.
“Hier drinnen stellen sie die Visa aus”, meint Stefan und deutet auf einen Bungalow. Für die Beamten, die Stefans Bitte abgelehnt haben, ist es wohl eher ein Palast für sesselfurzende, pragmatisierte Prinzen und Prinzessinnen. Also, ab in die Halle der Exzellenzen.

Kaum kommen wir zum Schalter innerhalb des Palasts, läuft ein kleines Prinzesschen in schwarzer Uniform auf uns zu. “YOU AGAIN! Didn´t I tell you to leave?! Get out of here! We don´t want you here!”
“Hello. We came because we believe there was a misunderstanding.”
“NO! I TOLD HIM! He has to leave!”
“Please, just listen to what we have to say. I for example had the same case at the Canadian border, and they issued me a new tourist visa.” Ich schüttle meinen Kopf im entgegenkommenden Strom an emotionsgeladenen, leeren Argumenten.

“So who are YOU?”, schreit mich Prinzessin Supervisor an. Dass so jemand zu einem Supervisor-Posten kommt ist komplett lächerlich. “I am his friend, and I would like to be with him during the discussion.”
“HE IS A FULLY GROWN MAN! He can do this on his own. Leave this building now!”
Nicht so schnell, Prinzessin. Im Hintergrund sehe ich einen Asiaten in Supervisorkostüm mit Stefan reden, während das Rumpelstilzchen abwechselnd mich und Stefan anschnauzt.
“HELLO! I told you tol leave, you have nothing to do here! Do you want me to arrest you? Hm? Do you want to get in detention? HM?”
Nach ein paar weiteren Beleidigungsgefechten und ausgelebten Frustrationen seitens ihrer Herrlichkeit verlasse ich schliesslich das Gebäude.
Zehn Minuten später wird Stefan von den zwei Superhelden herausbegleitet. Er schüttelt seinen Kopf. Ich versuche, mit beiden zu reden. Die Dame des Hauses reagiert mit Verhaftungsdrohungen und verwünscht mich insgeheim bestimmt längst nach Guantanamo, während der alternde König irgendeinen aus der Nase gezogenen Quatsch über Visaarchive in Washington, bürokratische Barrieren, “Unmöglichkeiten” und “anderen Regeln an der kanadischen und mexikanischen Grenze” spricht.

“GO AWAY!”

Ich bin so richtig wütend, kann es aber nicht zeigen; schliesslich bin ich kein US-Staatsbürger sondern einfach nur ein internationaler Student, der theoretisch deportiert werden kann.

Wir verlassen die Palastgründe und gehen zum zweiten Mal in die Bastion der Gerechtigkeit – dort, wo Visa kontrolliert werden und Gerechtigkeit und Fairness anscheinend einen höheren Stellenwert besitzen. Wir sprechen mit mehreren Supervisoren in dieser Institution, die uns aufmerksam zuhören, allerdings keinerlei Autorität über die verzogenen Prinzen im Palast nebenan ausüben können. Es gibt keinen Manager, der Übersicht über beide Gebäude ausübt, sie operieren parallel auf eigene Faust. Nach drei Stunden Verhandlungszeit und mit sichtbarer Frustration betreten wir wieder amerikanischen Boden. Die Schlacht ist verloren.
Wir wollen nur noch nach Hause.

Am Heimweg, während einem Zwischenstopp in San Diego entdecken wir die Becherfamilie des "7-11" Supermarkts: Double Gulp, Super Big Gulp, Big Gulp und Gulp

Am Heimweg, während einem Zwischenstopp in San Diego entdecken wir die Becherfamilie des "7-11" Supermarkts: Double Gulp, Super Big Gulp, Big Gulp und Gulp

Tobias Deml VS. Stefan Felser - Kampftrinken mit Double Gulp um 1:30 in der Früh

Tobias Deml VS. Stefan Felser - Kampftrinken mit Double Gulp um 1:30 in der Früh. Der astronimisch hohe Zuckergehalt von 2 Tonnen pro cm² ist nur eine müde Entschädigung für unseren harten Tag.

Abschied

Um 3:40AM kommen wir in Downtown LA an, mit dem Wissen, dass Stefan in wenigen Stunden das Land per Luftweg verlassen muss. Lorena bleibt für uns auf und holt uns mitten in der Nacht von der Busstation ab.
Am nächsten Morgen gibt es noch schnell Frühstück, Eiscreme und einen frügeburtlichen Abschied – und Stefan macht sich auf den Weg nach Vancouver.
Was für ein Wochenende.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.