Eine ehrliche Diebin

Es ist bereits dunkel draussen, mein Magen knurrt nach Abendessen und wird mit einem Snickers-Eiskremsnack abgespeist. Abendklassen am SMC sind seit sieben Wochen Summer Session an der Tagesordnung.
Ich sitze gerade in unserer Rhetorikklasse und lausche den letzten persuasiven Reden, als mein Handy vibriert. In der Pause rufe ich zurück – Ryu, mein Roommate, hebt ab.

“Toby,I have great news for you.”
“What is it?”
“I have your camera.”

Endorphine hageln kopfabwärts und schlagen tiefe Krater in mein Alltagsgefühl hinein. Meine EOS 10D ist wieder da?!
(Man erinnert sich: Meine Kamera wurde durch meine eigen Dummheit gestohlen)

Als ich voller Freude spätnachts nach Hause komme, erzählt mir Ryu von einem Klingeln um etwa 7 Uhr abends. Als sein “Hello?” bei der Gegensprechanlage unbeantworet blieb, ging er nach unten zur Lobby – und die Kamera stand am Boden vor der Tür. Wer auch immer sie gestohlen haben mag, war verschwunden. Die Person – nach den Zeugenangaben eine grossgewachsene, weisse Frau, um die 50 Jahre alt – muss wohl das Schild auf meinem Auto gelesen haben und aus Ritterlichkeit die Kamera zurückgebracht haben.

Gut, dass ich so viele Schmuddelkrimis gelesen habe, wo der “Täter immer zum Tatort zurückkehrt”.

Mann, bin ich heilfroh. Man möge sagen, ich habe ein unverschämtes Glück im Leben. Ich hätte an der Stelle des Diebes genau dasselbe getan … denn ich bin überzeugt von der Existenz des unzerstörbar Guten im Menschen.
Ganz nach der Goldenen Regel – behandle andere so, wie du willst, dass sie dich behandeln – ist es wichtig, anderen Menschen so gut wie möglich zu helfen. Ich bin überzeugt davon, dass auch wenn man keine Hilfe erwidert bekommt, die Welt durch einfache gute Taten besser wird.

Ich für meinen Fall habe meine Kamera wieder. AWESOME!

Der rote Lebaron, der unter dem Cabriodach ein Pappschild mit der Bitte trägt, meine frisch mitgenommene EOS 10D zurückzubringen.

Der rote Lebaron, der unter dem Cabriodach ein Pappschild mit der Bitte trägt, meine frisch mitgenommene EOS 10D zurückzubringen.

PS: An all die Detektive, die im vorigen Beitrag bemerkten, dass dieses Foto kausaltechnisch unmöglich ist: Ich bin im Beitrag-Schreiben etwas hinten nach, dadurch ist jedes Ereignis im Blog zeitverzögert. Klarerweise könnte ich keines dieser Fotos hochladen, hätte ich die Kamera nicht wieder zurück. Gut gedacht, Mr. Holmes.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.