Die verschobene Linse

So sieht die Fokusebene einer funktionierenden Kamera/Objektiv aus. Sie steht im rechten Winkel zur Objektivverlängerung.

So sieht die Fokusebene einer funktionierenden Kamera/Objektiv aus. Sie steht im rechten Winkel zur Objektivverlängerung.

Wie Sie, werter Leser, bestimmt bemerkt haben, liegt in den Fotos, die ich in den letzten zwei Monaten zu Tage gebracht habe, eine seltsame Unschärfe. Hierbei handelt es sich um keinen liebevollen, für jedes Bild neu eingesetzten Photoshop-Filter, sondern um einen Unfall.

Als ich hier in LA Mitte Juni für mein Studium ankam, fiel meine Kamera wenige Tage nach Ankunft von meinem Stockbett in einem Hostel zum Hostelboden – ungebremst. Der Filter auf meinem Kameraobjektiv zersplitterte, die Fassung des Filters verbog sich, und im Inneren des Objektivs spielte sich ebenfalls ein kleines Drama ab.

Der verschobene Linsenkörper im Schlund des Objektivs

Ein Objektiv besteht aus mehreren Linsen, die durch Drehbewegungen am Objektiv vor- und zurückgeschoben werden. Diese Linsen haben verschiedene Grössen, und bei meinem Objektiv gibt es einen zylinderförmigen Behälter im Inneren, der relativ frei vor- und zurückgeschoben wird und für den Zoom des Objektivs verantwortlich zu sein scheint. Als die Kamera zu Boden fiel, verbogen sich die Schienen für diesen Zylinder, sodass er nun nicht mehr auf einer geraden Linie vor- und zurückschiebt, sondern sich auf einer Bogenbahn bewegt.

Stefan in unserer selbstgegrabenen Badewanne/ Fallgrube für nervige Volkschulkinder

Dieses Foto illustriert beispielshaft den entstehenden Effekt: Nur die Person und deren nähere Umgebung erscheint scharf, der Rand des Bildes ist ausgefranst und verzerrt.

Nun, falls Sie ein Fotograf sind, werter Leser, werden sie den Grund der resultierenden Unschärfe bereits verstehen. Für den Fall, dass Sie weniger Fachwissen in der Knipskunst haben, hier eine Erklärung, wie ein solcher Unschärfe-/Miniatureffekt zustande kommt:

Die verschobene Fokusebene

Bei meiner Kamera haben sich Linsen innerhalb des Objektivs verschoben, woraufhin die Fokusebene verzerrt wurde. Ausserdem nimmt die Schärfe zum Rand hin ab.

Bei meiner Kamera haben sich Linsen innerhalb des Objektivs verschoben, woraufhin die Fokusebene verzerrt wurde. Ausserdem nimmt die Schärfe zum Rand hin ab.

Eine Kamera hat nicht nur einen bestimmten Fokuspunkt, auf den sie scharf stellt, sondern eine sogenannte Fokusebene. Stellen Sie sich eine Stange vor, die in der Verlängerung des Objektivs aus der Kamera herausragt. Würde man nun ein sehr grosses Blatt Papier auf diese Stange spiessen, so hätte man die Fokusebene. Wo auch immer die Ebene, die das Blatt Papier bildet, gerade ist, dort ist das Foto am Schärfsten.
Verschiebt man das Blatt nun zur Kamera hin oder von der Kamera weg, so wird der Fokus entweder nahe zur Kamera gesetzt oder entfernt sich von dieser.

Schluss: Die Kamera fokussiert auf eine imaginäre Ebene, die rechtwinkelig zur Objektivverlängerung liegt.

Was nun passierte war, dass die Linsen innerhalb der Kamera durch die Verbiegung nicht mehr parallel zueinander liegen, und die Fokusebene damit nicht mehr rechtwinkelig zur Objektivverlängerung befindet. In meinem Fall verschoben sich die Linsen so, dass jetzt mehr oder minder nur noch die Bildmitte scharf ist, die Ränder des Bildes verschwimmen in einer verzerrten Fokusebene.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.