Dodgers Baseball: Höchst amerikanisch

Baseball, die Sportart des schwunghaften Rumhockens und Würstchen-Mampfens, der grossen Gefühle bei oftmals wenig Action. So stelle ich es mir zumindest vor. Speziell teure Ticketpreise schrecken mich davon ab, mir selbst ein Bild zu machen. Bis dann eines Abends Lorena von 9$-Tickets in den obersten Reihen erzählt.

Das Dodger Stadium

In der Mitte von Koreatown, Silverlake, dem Hollywood Bowl und Hollywoodsign befindet sich ein Stadium, das der Heimatspielplatz der Los Angeles Dodgers ist. In unserem Auto reihen Lorena, Eurie, Judie und ich uns in langsam trabende Kolonnen von tausenden von Autos ein, die langsam den kleinen Berg erklimmen. Der gesamte Hügel ist kurz- und kleingeholzt – hier musste die Natur schon vor Äonen einem überdimensionierten Megaparkplatz weichen. Wir sehen Autos aller Klassen, und mehr Autos, und noch mehr Autos. Dank der Natur des Baseballspiels kommen die meisten Besucher in Gruppen und damit Carpools.

Ein grün lackierter Hummer auf dem Parkplatz vor dem Dodger Stadium. Feels like Amerika.

Ein grün lackierter Hummer auf dem Parkplatz vor dem Dodger Stadium. Feels like Amerika.

Wir erklimmen Stufen, die zu den höheren Abschnitten führen, und purzeln direkt in die Arme eines 50-jährigen, der uns Tickets verkaufen will.
“One ticket for 9$, up there you pay 11$!”
Ich frage ihn, warum er sie so billig anbieten kann, und er meint, es wären Tickets, die er in einem grossen pack einkauft und vor dem Stadium weiterverkauft. Sobald das Spiel beginnt, verlieren die Tickets schnell an Wert.
“6$”, biete ich ihm an. Er willigt ein, und wir schütteln die Geschäftshände.

Das Wichtigste ist immer noch das Essen

Wir sind in Amerika, nicht in Europa. Geht man zu einem Baseballspiel, meint man eigentlich “Ich gehe ein Hotdog essen, umgeben von zehntausenden Menschen – und kann nebenbei noch ein paar Leuten beim Baseball zuschauen!”
So auch hier; der Klassiker heisst Dodger Dog [man beachte das kümmerliche Foto auf Wikipedia, Anm.d.Red.] und verkörpert ein überdimensioniert langes Würstchen in einem weichen Weissbrot. Neben den betonierten Dodgerdog-Ständen gibt es Selbstbedienungsstationen, bei denen man wie bei einem Getränkeautomaten Ketchup und Senf auf Knopfdruck auf das Würstchen herunterlässt, bevor man mit Zwiebeln die Delikatesse vollendet. 500 Kalorien (ca. so viel wie drei eingeweichte Klopapierrollen), voilá!
Mit süffisantem Grinsen und Ketchup verschmierten Mäulern treten wir durch einen Korridor, der auf die Tribüne führt.

Auf diesem unscheinbaren Würstchenstand werden die berühmten Dodger Dogs an den Mann gebracht.

Auf diesem unscheinbaren Würstchenstand werden die berühmten Dodger Dogs an den Mann gebracht.

Wooooooww

Das ist das Geräusch, dass die Mädchen innerhalb der nächsten zwei Minuten wieder und wieder von mir hören. Das Stadium ist ein gigantisches Meisterwerk in Stahlbeton. Weiter entfernten Reihen verschwimmen im blauen Dunst der trockenen Luft, entferntes Grölen und Lärm überall, zehntausende von Menschen pilgern von Fastfoodständen zu den Reihen und zurück. Sieht man über die Köpfe der Zuschauer hinweg nach unten, hat man das Gefühl, in die Tiefe zu fallen. Einfach bombastisch.

So sieht das Panorama aus der dritten Tribüne aus: Zehntausende von Menschen werden zu einer Fernsehrauschen-artigen Substanz.

So sieht das Panorama aus der dritten Tribüne aus: Zehntausende von Menschen werden zu einer Fernsehrauschen-artigen Substanz.

Während einer Unterbrechung geht die "Kiss Cam" an und zeigt Paare. Ganz überrascht sehen sie sich zuerst selbst am Bildschirm, dann küssen sie sich. Bei einem Pärchen fällt der Mann auf die Knie und macht seiner Freundin einen Heiratsantrag.

Während einer Unterbrechung geht die "Kiss Cam" an und zeigt Paare. Ganz überrascht sehen sie sich zuerst selbst am Bildschirm, dann küssen sie sich. Bei einem Pärchen fällt der Mann auf die Knie und macht seiner Freundin einen Heiratsantrag.

Eine Frau, die gemeinsam mit dem Filmteam zu dem Heiratsantrag bereit stand - und dieses Schild hinter dem Pärchen in die Kamera hielt.

Eine Frau, die gemeinsam mit dem Filmteam zu dem Heiratsantrag bereit stand - und dieses Schild hinter dem Pärchen in die Kamera hielt.

Die weibliche Begleitschaft, wie immer hell erfreut vom Hotdog-Geruch.

Die weibliche Begleitschaft, wie immer hell erfreut vom Hotdog-Geruch.

Unsere reservierten Stitze liegen in der prallen Sonne, also entschliessen wir uns einfach, vier freie Sitze auf einem lauschigen Schattenplatz zu genehmigen, umgeben von laut-grölenden, Hotdog-essenden und Tratsch-austauschenden Amerikanern. Ich fühle mich regelrecht eingesogen in die Kultur der Sportfans. Judy verzieht ihr Gesicht – der ältere Herr neben ihr riecht, so meint sie, nach Scheisse. Wir lachen sie aus, schliesslich sind genau diese Sitze frei, und sie sitzt zufällig neben einem inkontinenten Pensionisten, dessen Windel nicht ganz geruchsfest ist.

Die Amerikaner singen gerne ihre Nationalhymne - und ich fotografiere das Spektakel gemütlich im Sitzen.

Die Amerikaner singen gerne ihre Nationalhymne - und ich fotografiere das Spektakel gemütlich im Sitzen.

Zum Abschluss noch ein wenig Patriotismus

In einer der Pausen während dem fast 3-stündigen Baseballspiel betritt ein Mann den Rasen, und die zigtausend Zuschauer erheben sich wie Schlafwandler. “Ooooh America” – tausende Hände werden an die zugehörigen (eigenen, nicht fremden) Brüste gelegt, und jeder singt/grölt fleissig mit.

Ausparken für Fortgeschrittene

Wer auch immer den Parkplatz des Dodger Stadiums entworfen hat, war ein kompletter Honk: Die Ausfahrt aus unserem Abteil des Parkplatzes auf das nächste Abteil ist breit genug für ein Auto, und aus vier verschiedenen Richtungen laufen die Autos dort zusammen. Nach dem Spiel also – die Dodgers verloren meines Wissens nach knapp; das ist uns zumindest vollkommen egal, wir waren sowieso nur wegen den Dodger Dogs da.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.