Der Body Shop: Autos sind Kunstwerke

Dreckige Hände VS. breitgesessener Studentenarsch

Als halbwegs intellektueller, kopflastiger Schnösel kann ich meine Sommerjobs als Grafikaufträge zusammenfassen. Meine Bildung lässt sich als gymnasial-sitzendes Pauken beschreiben. Wenn jemand aus meinem Bekanntenkreis in Lehre ging, setzten alle diesen “Er schafft die Schule eben nicht”-Blick auf.

Seitdem mein Chrysler Lebaron allerdings ein Schrottkarre ist und ich, um Geld zu sparen, die Reparaturen selbst in die Hand genommen habe, hatte ich eine Realisation: Automechaniker ist eine durchaus ehrenwerte und respektable Beschäftigung, die viel Fingergeschick und Köpfchen erfordert. Meine Perspektive auf das In-Lehre-Gehen änderte sich – zwar würde ich meine Gymnasialerfahrung nicht gegen eine Mechanikerlehre eintauschen wollen, aber ich finde alles andere als eine Schande, wenn jemand in Lehre geht.
Innerhalb von anderthalb Wochen ging ich in eine sehr kurze Lehre, und zwar in einen Body Shop – in Österreich nennt man das Autospenglerei.

Der Body Shop im Südosten

In meinem Wohngebäude lebt ein Mann namens James, ein drahtiger Typ in seinen späten 50ern, den ich durch Ryu (meinen Roommate) kenne. James, wie es der Zufall so will, betreibt einen Body Shop – und ich sehe darin eine Möglichkeit, ein Gebiet über Autos zu lernen, das ich bisher kaum anrührte…
Nach wenigen Konversationen willigt er ein, mir etwas über das Handwerk der Autospenglerei – Bodywork – beizubringen. Im Limp Mode und mit offenem Verdeck fahre ich Richtung Osten, passiere die hippe Fairfax Avenue, den industriellen La Cienega Boulevard, biege in die La Brea Avenue ein und finde mich nach einer Unterquerung des Santa Monica Freeways in einer ghettoartigen Gegend wieder: Zäune umgeben kleine Bungalows (ein Zeichen für eine nicht sonderlich sichere Gegend), Stacheldraht windet sich um Parkplätze, Gehsteige sind eingeschlagen, überwuchert und aufgebrochen. Die meisten Leute hier haben eine dunklere Hautfarbe als ich, so auch die Busfahrer.
Ich marschiere zu Fuss über die ungepflegten Pflaster und sichte den Bodyshop: Gusseiserner, schwarzer Zaun um einen kleinen Parkplatz; direkt im Anschluss eine Garage, in die etwa fünf amerikanische Autos passen. Die Garagenwände sind gesäumt von modrigen Tischen, Regalen, Werkzeugen, einem grossen Kompressor, Platten, Decken, Bolzen, losen Metallteilen, Schmirgelpapierfetzen [übersetzt aus dem Österr.: Sandpapier], Aktenschränken, Flaschen, Kanistern und Wagenhebern.

Ich schiesse ein Foto.

James' Bodyshop auf dem Adams Boulevard. Der grosse Truck mit den geplatzten Reifen war einst ein Abschleppwagen.

James' Bodyshop auf dem Adams Boulevard. Der grosse Truck mit den geplatzten Reifen war einst ein Abschleppwagen.

Erschiessbare Fotografie

James begrüsst mich mit “Man, you can’t take pictures here, you’ll get shot!”
Ein weiterer Typ marschiert aus der Garage heraus. Er könnte zweifelsfrei ein Gangsterrapper sein. “Hell yeah, you will get shot if you take pictures!”

Ich bin den Rest des Tages eingeschüchtert, in der Annahme, dass die Jungs keine Fotos von sich oder der Garage wollen. Weit gefehlt: Sie meinten eigentlich die zwielichtigen Gestalten, die durch die umliegenden Gassen wehen – diese würden es nicht sonderlich gerne haben, wenn ich meine Kamera auspackte.

Vier Leute arbeiten in der Garage: James, der den Laden schmeisst.
Damien, ein etwas pummeliger Ostküstler mit leichtem Bart, der hauptsächlich eine HipHop-Karriere verfolgt. Babes, ein etwa 70-jähriger Mann mit wenigen Zähnen, dreckigen Klamotten, einem teuflischen Humor und einem einladend-wieherndem Lachen bei jeder Gelegenheit.
Und eben unser Gangsterrapper (dessen Namen ich nicht weiss) , der einen stolzen Bauch und viel Geduld mit mir hat.

“Here Toby, take this and wipe the whole interior”, sagt James, drückt mir einen feuchtn Lappen in die Hand und deutet auf sein Auto. Klarer Fall.
Über die erste Stunde hinweg poliere ich sein Interior, schmiere schwarze Paste auf sein Lederdach und seine Gummireifen, wische Scheiben und fühle mich wie eine männliche Putzfrau.

Demolierte Türen sind nur der Anfang

Ein Mann in einem schönen, schwarzen Chevrolet kommt hereingefahren. Auf beiden Hintertüren hat er mittelmässige Dellen; keine Ahnung, wie dieser Mann einen Unfall hatte, bei dem beide Hintertüren einen Schlag abbekamen… vielleicht wollte er Sandwhich mit dem Querverkehr spielen. Er gibt den Wagen mit feiner Miene ab, scheinbar gute Versicherung und Sonnenscheinchen-Natur.

Ich bekomme die Aufgabe zugeteilt, den Innenraum Staub zu saugen, während James mit einem sogenannten Dentpuller zu Werk geht (man erinnert sich). Ein verkehrter Schlaghammer, wenn man so will.
Eine Eisenstange mit Griff am Ende und einer Schraube an der Spitze; im Mittelteil ein schiebbarer, gusseiserner Zug. Er bohrt mehrere Löcher in die Delle, schraubt den Dentpuller in eines der Löcher hinein und reisst den Zug vom Anfang zum Ende der Stange, wo dieser mit dem Griff kollidiert. Durch die Wucht des Metallzuges ploppt ein Teil der Delle zurück nach aussen. Nächstes Loch. WUMM, plopp. Nächstes. WUMM, plopp.

Während ich fleissig sauge, wienere und wische, blicke ich immer wieder über meine Schulter. Inzwischen hat James alle Löcher dentgepullt, die grosse Delle wurde durch viele kleine Pickel an der Hintertür ersetzt. Er nimmt eine Art Fräse, die statt einem Sägerad eine rotierende Raspel vorweist. Ein Grinder, erklärt mir James, ist dafür gut, die Pickel wegzuraspeln, und generell einfach jeglichen Lack in der Delle in zerkratztes Metall zu verwandeln.

Kaputt+Bondo+Füllmaterial+Schleifen+Grundieren+Lackieren=Neu!

Nachdem das grindige Grinden vorbei ist, sieht die Oberfläche schon etwas schöner aus, hat jedoch immer noch Löcher. James mixt eine Paste an, die sich Bondo nennt und das Geheimnis jeder Karosseriereperatur ist: Ein Kunstharz zusammen mit einem Härteagenten, das zuerst weich wie Plastillin ist, und sich innerhalb von dreissig Minuten in bombensicheren Stahlbeton verwandelt. Diese Wundertunke wird mit einer Spachtel aufgetragen, gleichmässig verteilt und imitiert bereits die ehemalige Karosseriebeschaffenheit (zB Kanten und Rundungen).
Nach einer Runde grobkörnigem Schleifpapier und feinkörnigerer Schleifmaschine bedient sich James einer Tube Füllmaterial, das aussieht wie Acrylfarbe: Die rote Masse verteilt sich in den Ritzen und Poren des Bondo und härtet dort aus.
Noch einmal abgeschliffen, abgewischt, und dann kommt schon die Grundierungsfarbe zum Einsatz.

Ich fahre mit meiner Hand über die bereits getrocknete, zweite Haut des Autos – und wahrhaftig, schliesse ich die Augen, könnte ich es nicht von einem Original aus der Fabrik unterscheiden.

Ein mit Bando bespachtelter Wagen. Jede Farbe in der Arbeit steht für eine Schicht: Das blassblaue Material ist Bando, das Rote ist der Füller und das Grau ist die Farbgrundierung.

Ein mit Bando bespachtelter Wagen. Jede Farbe in der Arbeit steht für eine Schicht: Das blassblaue Material ist Bondo, das Rote ist der Füller und das Grau ist die Farbgrundierung.

Nachdem alles schön geschliffen ist, kommt es zur Königsdisziplin der Bodywork: Dem Lackieren. Dafliegen die Feinstaubpartikel nur so durch die Lungen...

Nachdem alles schön geschliffen ist, kommt es zur Königsdisziplin der Bodywork: Dem Lackieren. Dafliegen die Feinstaubpartikel nur so durch die Lungen...

Mir wird beigebracht, wie man ein Auto korrekt mit Papier abdeckt, bevor das Sprayen beginnt: Jede Ritze wird mit Abdeckband gedeckt, auf dieses kommt dann Abdeckband, das bereits auf langen Papierrollen klebt. Kaum beginnt James zu lackieren, riecht es überall nach Lungenschaden – die anderen Kumpels aus dem Laden tragen keinerlei Masken, sondern stellen sich einfach vor einen Ventilator. James sprüht mit Gasmaske nach links und rechts. Niemand sonst in dem Shop traut sich zu lackieren: Wird falsche Distanz zum Wagen gehalten, zu viel gesprüht, Sprühspuren überlappt, ist der ganze Job im Eimer und darf neu gemacht werden. Zu dicke Farbe blättert ab, zu grobkörnige Farbe erzeugt zu rauhe Reflektionen, etc.

Nach der schwarzen Farbe kommt noch eine Schicht Klarlack – und dieser erzeugt erst das tatsächliche Schimmern, die wahre Reflektion im Auto. Ohne den Klarlack sieht die Oberfläche wie Karosserie eines 20 Jahre alten VW-Käfers aus.
Nach so viel eingeatmeten Feistaubpartikeln schickt mich James auf Mittagspause – er und Babes arbeiten unbeeindruckt weiter.

In der Mittagspause sehe ich mir die Nachbarschaft an. Ein typisches Ghetto-artiges Gebäude im Süden von LA: Metallene Zäune vor dem Haus, heruntergekommene Farben.

In der Mittagspause sehe ich mir die Nachbarschaft an. Ein typisches Ghetto-artiges Gebäude im Süden von LA: Metallene Zäune vor dem Haus, heruntergekommene Farben.

Fastfood einmal anders: Hier wird Jack in the Box hinter kugelsicherem Panzerglas serviert. Die panzergläserne Schleuse dient zum Hindurchreichen der fettigen Burger.

Fastfood einmal anders: Hier wird Jack in the Box hinter kugelsicherem Panzerglas serviert. Die panzergläserne Schleuse dient zum Hindurchreichen der fettigen Burger.

Es wird parallel gearbeitet; mehrere Wägen kommen herein, und wir alle arbeiten an verschiedenen Stufen der Aufträge. Ich arbeite vorwiegend an den Gebieten mit grosser Verantwortung – Wischen, Staubsaugen, Abtrocknen, und mit etwas Glück komme ich zu ein paar Schleifpapier-Jobs. Trotz meiner anspruchsvollen Aufgaben habe ich noch genug freien Kopf, um viele Dinge zu verstehen:

  1. Eine Delle ist eine Kleinigkeit und kann leicht repariert werden
  2. Die Aussenwand eines Autos ist dünnes Blech und mit den richtigen Werkzeugen formbar wie eine Frisur.
  3. Das Schwierigste an Bodyarbeit ist das richtige Lackieren.
  4. ca. 50% der Arbeit an einer Karosserie besteht aus Waschen, Putzen, Nachschleifen und Polieren.
  5. Versteht man Bodywork einmal, verändert sich die Aussenhülle eines Autos subjektiv von einem Panzer in eine Leinwand.

Eigentlich wollte ich nur ein paar Stunden lang zusehen und Fotografieren – am Ende des Tages bestätigen Bemerkungen wie “That was your first day, next time I’ll show you more” und “See you tomorrow, Toby!”, dass ich hier nicht zum letzten Mal den Waschlappen geschwungen habe.

Dieses Oldsmobile steht nach einem Paintjob und einer mechanischen Generalüberholung zum Verkauf bereit: Nur 1200$, und das für Baujahr '74. Der Husky im Vordergrund lebt übrigens, gemeinsam mit einem zweiten Hund, im Bodyshop.

Dieses Oldsmobile steht nach einem Paintjob und einer mechanischen Generalüberholung zum Verkauf bereit: Nur 1200$, und das für Baujahr '74. Der Husky im Vordergrund lebt übrigens, gemeinsam mit einem zweiten Hund, im Bodyshop.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.