Der erste Studientag im Herbst

Um 6 Uhr raus aus den Federn, voll entspannt, voll aufgeregt: Der erste “richtige” Schultag steht an, und während die Summer Session (Ethik und Rhetorik) nur ein Training war, geht die Post jetzt tatsächlich ab.

Ich verspäte mich ein wenig und muss das Auto nehmen – im Limp Mode, versteht sich.
Kaum komme ich in Kirschkernspuckweite der Campusgründe, verengen sich jegliche Hoffnungen, irgendwo einen Parkplatz zu finden: Ein fetter Stau verhindert jegliches Durchkommen. Ich parke mein Auto direkt an der Strasse und laufe mit einer grossen schwarzen Umhängetasche in Richtung College.

Ernährung und andere Seltsamkeiten

Die Ernährungsklasse findet im Wissenschafts-Gebäude statt, hier zu sehen ist der bereits geleerte Hörsaal.

Die Ernährungsklasse findet im Wissenschafts-Gebäude statt, hier zu sehen ist der bereits geleerte Hörsaal.

Die Ernährungsklasse belege ich aus allgemeinem Interesse. Unsere Professorin erfüllt die Anforderung “Das Unterrichtsfach ins eigene Leben mitnehmen” nicht wirklich; genauso wie ein dicklicher Sportcoach sieht sie nicht unbedingt perfekt ernährt aus. Das heisst natürlich nicht, dass sie keine gute Professorin wäre.

Wir sitzen in einem 100-Mann-Hörsaal, und jeder darf sich einmal vorstellen: Da gibt es Nutrition-Majors, also Leute, die als Studienrichtung Ernährung studieren. Sportstudenten, Leute, die keine Ahnung haben, warum sie hier sind.
Leute, die nicht dick werden wollen oder Gewicht verlieren möchten, Studenten, die es einfach aus Neugierde machen – so einer bin ich. Neben mir sitzt ein Mädchen, das auf einem Marathon in Hawaii mitlaufen wird und Sport studiert.

Bis auf eine ältere Dame sind alle Studenten altersmässig in ihren 20ern. Wir bekommen einen Überblick über die Klasse und die Benotung, die Projekte (zB mit einem Schrittzähler das amerikanische Ziel von 10.000 Schritten pro Tag erreichen) werden vorgestellt und unsere benötigten Lehrbücher aufgeschrieben. Und dann ist die Klasse nach anderthalb Stunden auch wieder vorbei.

Während im Sommer alles gemütlich und leer aussah, rinnen die Studentencliquen gallonenweise über den Campus. Egal, welchen Punkt man zwischen 8 Uhr morgens und 6 Uhr Nachmittags wählt, der Campus bleibt gestopft voll.

Während im Sommer alles gemütlich und leer aussah, rinnen die Studentencliquen gallonenweise über den Campus. Egal, welchen Punkt man zwischen 8 Uhr morgens und 6 Uhr Nachmittags wählt, der Campus bleibt gestopft voll.

Zu Mittag ein wenig Broadcasting, wenns sein darf

Die Broadcasting-Klasse ist dieses Semester meine einzige Film-orientierte Klasse. Wir sitzen in einem Raum, dessen eine Wand ein gigantisches Fenster in den Garten ist; sehr diverse Studentenschar. Der Lehrer ist ein schwarzer Herr Anfang fünfzig und hat einen Bombenhumor. Wir verstehen uns alle zusammen auf Anhieb.

In dieser Fernsehen-Produktionsklasse werden wir zwei Fernsehshows produzieren. In der Vergangenheit fanden diese Produktionen inden TimeWarner-Studios in Santa Monica statt (Fernsehsender waren verpflichtet, Public Access TV Stationen zu betreiben und anzubieten, sprich, die Öffentlichkeit konnte auf eigenen, kleinen Kabelkanälen ihr eigenes Programm als Privatpersonen senden, und die grossen Fernsehfirmen mussten eine Produktionshalle samt Equipment zur Verfügung stellen)… durch eine Änderung im Rundfunk-Gesetz sind die Fernsehsender dazu aber nicht mehr verpflichtet.

Also werden wir diese Shows in unserer eigenen kleinen Welt produzieren und den Klassenraum innerhalb der dreistündigen Klasse in ein Studio umfunktionieren.
Unser Professor zeigt uns ehemalige Produktionen, die teilweise schrecklich langweilig sind; Interviews, Reportagen, Fernsehdiskussionen. Die beste Show im Repertoire ist ein Herzblatt-Abklatsch. Da werden wir wohl neue Standards setzen…

Ein riesiger Boom bei dem Subway-Restaurant gegenüber vom Campus: Hier werden warme Brötchen am Fliessband gefuttert.

Ein riesiger Boom bei dem Subway-Restaurant gegenüber vom Campus: Hier werden warme Brötchen am Fliessband gefuttert.

Mit vollem Magen in Spanisch

Yo estoy bien! SUPER bien!
So eröffnet meine zukünftige Spanischprofessorin den Unterricht. Es wird viel mit Händen und Füssen gefuchtelt, mit Grimassen erklärt, Spanisch gesprochen – und Englisch bleibt, wenn möglich, vor dem Klassenzimmer liegen.
Eine zierliche Frau Mitte fünfzig mit braungebrannter Haut und einem strahlenden Lachen unterrichtet uns in der Sprache, die Latein und Italienisch gar nicht so unähnlich sieht.
Ich weiss nicht wieso, aber ich verstehe viele der Worte, obwohl ich sie noch nie zuvor hörte oder übersetzt bekam. Auf unserer Krusbeschreibung steht “Spanish taught with the Natural Method”.
Mysthisch, wenn Sie mich fragen.

Jeder wird gefragt, wie es ihm oder ihr geht (bien, super bien, mas-o-menos, mal). Wir fragen uns gegenseitig, wie es uns geht und wer wir sind. Innerhalb von zwei Stunden wissen wir etwa 60 Vokabel, zehn Konversationen und viel zu wenige Schimpfwörter.
Spanisch ist schon ne geile Sache.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.