Filmproduktion – Zeit ist Geld

Eigentlich war ich ja in einer Ernährungsklasse – da diese aber von Universitäten wie UCLA und USC nicht angerechnet wurde, somit also nur für Leute mit zu viel Zeit oder einem praktischen Interesse an Ernährung interessant war, liess ich sie fallen.

Don’t drop and shop

Über den Campus verteilt gibt es Schilder, die diesen Slogan in das Studentenhirn einmeisseln: Don’t drop an shop – lasse keine Klassen fallen, bevor du keinen Ersatz gefunden hast. Das System funktioniert nämlich so, dass man vor Schulbegin in einer grossen Liste online (im sogenannten “Student Self Service”) Klassen anwählen und zum eigenen Lehrplan hinzufügen kann. Sobald man sie erfolgreich hinzugefügt hat, wird im System ein Platz für den Studenten reserviert. Haben genügend Leute die Klasse zu ihrem Lehrplan hinzugefügt, gilt sie als voll. Begehrte Klassen füllen sich schnell  – oftmals sogar am ersten Tag, wenn die Klassenlisten online freigeschalten werden.

Hat man nun eine Klasse am Lehrplan, darf man sicher daran teilnehmen. Das kalifornische Budget ist knapp, daher werden Klassen aufgelassen, und die gigantische Klassenliste gekürzt. Dem folgt natürlich ein wachsender Andrang an bildungshungrigen Studenten, und alles führt zu wenig verfügbaren Klassen…

Jetzt stehe ich da mit meiner nutzlosen Ernährungsklasse, die zwar interessant ist, aber Zeitvergeudung darstellt. Ich droppe sie, ohne eine Ersatzklasse zu haben; schliesslich kostet sie etwas mehr als 600$, die kann ich in etwas Besseres investieren.

Schon Mittwoch und noch immer kein Ersatz

Erste Schulwoche, Mittwoch, noch immer kein Ausweg. Ich blättere durch den Klassenkatalog und finde erstaunlicherweise eine Klasse, die direkt zwischen Golf und Soziologie passt. “Film Production” heisst sie, und handelt angeblich über die Budgetierung und Zeitplanung eines Filmprojektes. Das ist genau, was ich brauche; sie ergänzt die Equipment-orientierte Broadcasting-Klasse sehr reibungslos.

Das einzige Problem ist, dass die Klasse bereits voll ist. Also muss ich die Klasse crashen, sprich, mich hineinsetzen und hoffen, dass ein paar der angemeldeten Studenten sich umentschieden und die Klasse fallen gelassen haben. Das System des Klassencrashens ist gang und gebe; in so gut wie jeder Klasse dieser ersten Schulwoche fragt der Lehrer am Ende der ersten Unterrichtseinheit: “So, who’s crashing here, who wants to add the class?”

Eine Menge seltsamer Gestalten: Willkommen im Filmbusiness

Die Filmklasse findet am AET Campus statt – Arts and Entertainment Technology steht hinter der Abkürzung. Wir befinden uns in einem Raum mit weiss bemalten Ziegelsteinwänden (wahrscheinlich nur eine Ziegelsteintapete, hier wird alles mit Holz gebaut). Eine Professorin in einem traditionell-afrikanischem, farbenfrohen Kostüm kommt in die Klasse. Rahmenlose Brille, dünne Halskette mit goldenem Filmkamera-Amulett, hunderte kleine Zöpfe am Kopf.

Sie erzählt uns von verschiedenen Projekten, an denen sie in den letzten zwanzig Jahren mitwirkte, von den unterschiedlichen Produktionserfahrungen und von unausstehlichen Leuten, mit denen man zurechtkommen muss. Apropos unausstehliche Leute… stellen wir uns doch alle einmal gegenseitig vor.

Nach der Reihe erheben sich Gestalten:

Da wäre erstmal das erfolgsgetriebene Hottie, das in einer grossen Produktionsfirma einen kleinen Job belegt und den Fuss in die Tür bekommen hat. Sie wirft mit bekannten Filmtiteln nur so um sich – rein vorurteilsfrei gesagt ist sie entweder Praktikantin oder Sekretärin.
Dann die schrullige ältere Dame, die so leise säuselt, dass man sie zwei Sitze weiter kaum hören kann. Sie erzählt von einem Praktikum, das sie vor zwanzig Jahren einmal gemacht hat, seitdem wäre aber Flaute in ihrer Filmkarriere. Sie beginnt irgendetwas von 31 Units zu faseln (das sind etwa 10 Klassen), die sie an einem anderen College in Filmklassenverbracht hat. Geduldsstrapaze.

Ein lispelnder Junge, der als Grund, in der Klasse zu sein, “to stay alive” angibt.
Eine dicke Frau, die an allerlei Projekten mitgearbeitet hat.
Eine schwer geschminkte Dame, von der man durch das ganze Makeup hindurch hört, dass sie an einem Set einmal komplett abgezockt wurde, nachdem der Produzent die Kreditkarte des Regisseurs geklaut hatte.

Der etwas verwirrte Russe, der meint, er würde über Filmproduktion lernen, um ein Mensch zu werden.

… die Liste ist relativ endlos, Fazit: Die Klasse ist sehr divers.
Lustigerweise sind von den dreissig Anwesenden nur sieben tatsächlich für die Klasse angemeldet; der Rest der angemeldeten Studenten sind einfach zu Hause geblieben. Umso besser für uns Crasher, denn wir können somit die leeren Plätze belegen.
Am Ende der Klasse bekomme ich meinen “Add Code”, mit dem ich mich im Nachhinein offiziell anmelden kann.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.