Doku-Filmdreh in Venice

In meiner ersten Broadcasting-Klasse fällt mir ein Junge mit dunklen, lockigen Haaren und einem Hauch südamerikanischem Aussehen auf. Er stellt Fragen über das anwesende Equipment, ob wir ein Shotgun Mic oder Barndoors im Hause hätten, ob wir Lichter und Gels haben, ob die Kameras Dollies haben oder was für Linsen wir zur Verfügung hätten.
Der Lehrer muss bei den meisten Fragen gestehen, dass wir kaum etwas von dem geforderten Equipment haben – obwohl das Broadcasting-Department mit einigen Kameras und Soundsets ausgerüstet ist, bleiben unsere Möglichkeiten auf SelfmadeßSolutions beschränkt.

Nach der Klasse spreche ich ihn auf all seine Fragen an, da ich zu diesem Zeitpunkt noch keinen blassen Schimmer von all diesen Begriffen habe. Er erklärt mir, sein Vater sein ein ehemaliger Kameramann (Director of Photography, der Licht- und Kamera-Chef am Filmset) und er würde gerne in dessen Fusstapfen treten. Daher also das ganze Fachwissen.
Ausserdem hat er sich nach mehreren Monaten Teilzeitarbeit am Santa Monica College für 8$/Stunde eine Kamera, Stativ, Shotgun-Mikrofon und Tonangel gekauft. Im Gegenzug zeige ich ihm ein paar Ausdrucke meiner Foto- und Computergrafik-Projekte… und wir verstehen uns auf Anhieb.
Dieser Tag sollte der Beginn einer Freundschaft werden, und markiert einen lange erwartete Wendepunkt, an dem ich beginnen würde, meinen Traum in die Tat umzusetzen: Filmregie.

Aus Sumpf werde das amerikanische Venedig

Werter Leser, springen Sie von Gegenwart in Mitvergangenheit.
Im Jahre 1822 gründete ein sozialistischer Pionier eine Siedlung nahe der südkalifornischen Küste. Die friedliche Gegend, auf einem Sumpf liegend, wurde während des Goldrauschs beinahe von Glitzerjunkies verwüstet.  Knapp ein Jahrhundert später legte ein sechssprachiger, weltreisender Tabakmillionär aus Washington namens Abbot Kinney den Sumpf mit Venedig-nachempfundenen Kanälen trocken und verwandelte die Gegend mithilfe einer Münzwurf-Entscheidung in ein Freizeitparadies.
Sein Plan war es, ein intellektuelles Mekka in der kalifornischen Stadt am Wasser zu etablieren – diese Pläne waren leider nur von kurzer Dauer, und intellektuelle Vorleser wurden durch Freakshows ersetzt. Viele der Kanäle in Venice wurden 1929 zugeschüttet, um Strassenbau zu ermöglichen, und die fahrenden Händler gemeinsam mit den Freakshows lockten eine Menge Menschen an. Die Stadt wuchs und gedieh, wenn auch nicht als Kulturparadies.

Ein Schlaraffenland der Irren und bunt Bemalten

Venice Beach ist ein Stadtteil von Los Angeles, den man heutzutage irgendwo zwischen Rollschuhparadies, Einkaufsstrasse und Freiluftirrenhaus einordnen kann. Die bärtigen Damen und Zwergmenschen der Vergangenheit existieren im 21. Jahrhundert in neuen Formen: Schlangenbändiger, Musikanten, Obdachlose, Maler, Breakdancer, Drogenjunkies, Bodybuilder, Schmuckhändler oder oftmals verwirrte politische Aktivisten.

Ein “Boardwalk” zieht eine lange Fussgängerschneise entlang der Küste, die von wundersamen Geschäften, Touristenkitschkack, Muskelmännern und Sporteinrichtungen gesäumt wird. Auf der einen Seite findet man die Schaufenster, auf der anderen befinden sich farblich markierte, quadratische Standplätze, auf der Darsteller und fahrende Händler ihr Geld verdienen.

Ein bisschen Übung kann nie schaden – Interviewen will gelernt sein

Josh und ich wollten eigentlich eine Person meines “People of LA”-Projekts interviewen, nachdem diese Gelegenheit jedoch in letzter Minute abgesagt wird, entscheiden wir uns, nach Venice Beach zu fahren und das Interviewen von Leuten zu üben.Wir begegnen einem Obdachlosen, der oben ohne an einen Maschendrahtzaun lehnt und um Geld bettelt. Unsicher und ohne jeglichen Plan fragen wir um seine Einwilligung zu einem Interview und platzieren uns samt Equipment direkt in sein Gesicht. Unser erster Interviewpartner.
Josh will Kameramann werden, also bedient er die Kamera. Ich will Regisseur werden, also halte ich das Mikrofon – und kann mich voll und ganz auf meinen Darsteller konzentrieren. Er wird unser erster Interviewpartner, meine erste Erfahrung, die irgendwo in der Nähe von Filmregie liegt.
Ryu taucht für unser nächstes Interview auf und hilft als Fragensteller für den Weihnachtsmann, den wir in der untergehenden Abendsonne vor die Kamera bekommen.

Gold, Schlangen und Trommeln

Wir reden hier nicht von schwarzafrikanischem Urwald, sondern einem Bezirk in LA – auf unserem vierwöchigen Wochenendtouren treffen wir allerlei seltsame und interessante Menschen. Vom Schlangenmann bis zu einem Goldverkäufer interviewen wir 8 verschiedene Menschen, einige der Interviews eher unbrauchbar, andere wiederum voll Komik und Brisanz. Am dritten Wochenende statten wir dem Venice Drumcircle Besuch ab: Jeden Sonntag Abend steigt hier ein extasisches Tanzen, und man kann die Trommeln durch die kühle Nachtluft in Venice’s schmalen Strassen fast einen Kilometer weit hören.

Links im Vordergrund Josh mit seiner Kamera, dahinter die zum Trommelwirbel tanzenden Menschen

Links im Vordergrund Josh mit seiner Kamera, dahinter die zum Trommelwirbel tanzenden Menschen

Freiluftdisco a la carte - fast wie ein wöchentlicher Rave am Strand. Dahinter die Promenade mit Geschäften, Hostels und Restaurants.

Freiluftdisco a la carte - fast wie ein wöchentlicher Rave am Strand. Dahinter die Promenade mit Geschäften, Hostels und Restaurants.

Jemand, der diese absurde Welt noch nie mit eigenen Augen gesehen hat, kann sich auf unseren Dokumentarfilm freuen, der bis Mitte Oktober fertig sein soll. Titel gibt es noch keinen.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.