Nachbar Speibkübel

Mein Zimmer hat eine wunderschöne Aussicht – wie schon und zwar auf das Nachbardach. Ich wohne im zweiten Stock und blicke auf Erdgeschoss und ersten Stock des Nachbargebäudes, wenn ich mich einmal am Balkon aufhalten sollte (die Katzen meines Roommates kotzen für gewöhnlich auf den Balkon, daher ist er nicht sonderlich attraktiv).

Nun ist es so, dass man bei solch intimer Nähe – zwischen den Häusern liegen vielleicht gerade mal 6 Meter Luft – langsam die Nachbarn kennenlernt. Zwar habe ich sie noch nie zu Gesicht bekommen, aber meine Ohren hören sehr wohl, was dort vor sich geht. Speziell, weil die kotzenden Katzen ständig auf den Balkon müssen und die Balkontüre einen kleinen Durchgang hat, der durchgehend offen steht.

Des Nachbars tägliches Würgen

Ich sitze am Computer. 10 Uhr Morgens. Wie ein Unschuldslamm schreibe ich Emails, als plötzlich vom Katzendurchgang ein schreckliches Würggeräusch vernehme. So, als würde jemand gerade sterben und alles von Gedärme bis zur Fusssohle von innen heraus aus sich ausspeien. Ich renne zum Balkon. Von schräg unten vernehme ich das Rauschen einer Dusche, während das Würgen hinter dem pritschelnden Wasser hervorgurgelt. Es ist ein Männerkotzen, ein tiefes, schleimiges Röcheln, ein ekelhaftes Grollen, ein rotziges Husten und Aufstossen, ein schleimiges Erbrechen in Basston.

Beim ersten Mal fühle ich Mitleid. Beim zweiten Mal blankes Entsetzen. Doch als das Speiben weitergeht, jeden Tag einmal Morgens und einmal Abends, wird es mir etwas ungut. Meistens findet die 10-minütige Vorstellung um 10 Uhr Morgens (da höre ich sie selten, weil ich meistens am College zuwege bin) und Abends irgendwo zwischen 22 und 1 Uhr statt. Reihern am laufenden Band, über mehr als zwei Monate hinweg. Kotz, speib, brei – und ich bin live dabei.

Ich spiele mit dem Gedanken, mich an die Balkonbrüstung zu klammern und zu schreien,
Hey Arschgesicht, kannst du endlich mit dem Kotzen aufhören? Das geht mir unendlich auf die Nerven!
Nach so vielen Tagen und Wochen der Würgerei muss ja irgendwo Schluss sein, noch dazu bei offenem Fenster.
Ich frage mich dann allerdings: Was, wenn der Mann AIDS hat? Oder eine andere tödliche Krankheit? Was, wenn er mir antworten würde “I am currently dying, thank you for your tolerance”?
Ich würde mich zuerst ankacken und dann so schlecht und schuldig fühlen, dass ich einfach lieber vorweg den Mund halte.

Und so endet diese Anekdote – und wenn ich nicht verrückt bin und mir das alles einbilde, dann würgt er noch heute.
Warum er würgt, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben… ausser ich fasse mir ein Herz und rufe den duschenden Speibkübel mal ans Fenster.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.