Editing für Dokumentarfilme in der Academy

Über einen Bekannten names Shawn aus der Rhetorikklasse höre ich, dass Mitte Oktober eine Vorführung des oscargekrönten Werner-Herzog-Films steigt: “Encounters at the End of the World”.

Aus Videos wie “Werner Herzog gets shot by LA sniper during Interview“, “Werner Herzog eats his shoe” und “Klaus Kinski: Wutausbruch am Set von Fitzcerraldo” weiss ich, was für ein genialer Filmemacher Herzog ist.

Wer seine Filme nicht kennt, sollte sich unbedingt Grizzly Man ansehen, oder eben Fitzcerraldo.
Ersterer handelt über Timothy Treadwell, einen exzentrischen Bärenliebhaber und Filmemacher, der bei einem seiner streichelzooartigen Besuche von Grizzlybären in Alaska tragisch das Leben verlor – Zweiterer  dreht sich um den grössenwahnsinnigen Akt, ein Dampfschiff mit Manneskraft über einen Berg im Dschungel zu bringen – welches tatsächlich vor Ort mit der Hilfe von ein paar hundert Eingeborenen und den Wutausbrüchen von Klaus Kinski geschah.
Die friedliebenden Indianer boten Werner Herzog grosszügig an, den schreienden Kinski für ihn umzubringen.

Zahlreicher als vermutet: Die Veranstaltungen der Academy

Der Eingang zum Linwood Dunn Theater auf der Vine Street - eines der Quartiere, in dem sich die Akademie eingenistet hat.

Der Eingang zum Linwood Dunn Theater auf der Vine Street - eines der Quartiere, in dem sich die Akademie eingenistet hat.

Jedenfalls schickte mir jener Shawn einen Link zur Academy-Homepage; die Academy, die jedes Jahr die Oscars verleiht. Was ich nicht wusste ist, dass diese Einrichtung auch Veranstaltungen unter dem Jahr abhält. Und zwar eine Menge. Nach einigem Schmökern sticht mir ein Event ins Auge: “Editing for Documentaries”. Da ich ja gerade selbst einen Dokumentarfilm mache, ist das natürlich wertvolles Wissen. Link zum Event
Kosten für den ganzen Abend?

Ganze sieben Dollar fünfzig

Ein kleiner Ausflug auf das Dach bevor es losgeht

Ich kündige die Events im Filmclub-Meeting an, stosse allerding auf wenig Rückmeldung. Als ich bei der Veranstalktung selbst am Abend ankomme, laufe ich in eine Studentin aus dem Filmclub. “I’ll just go outside to take some pictures”, merke ich an und verschwinde, um ein paar Schüsse für den Blog einzusammeln.
Neben ein paar Mülltonnen fällt mir eine Treppe auf. Ich laufe hoch, stosse auf eine weitere Treppe – und lande schlussendlich vor einer Sicherheitstür. “Bestimmt abgesperrt”, denke ich und drücke die kantige Klinke nach unten. Die schwere Tür schwingt überraschenderweise ohne Widerstand auf. Ich sehe mich nach Sicherheitskameras um, habe keine im Blickfeld, und hopse schleichend auf einem Dach voller Rohre, Belüftungssysteme, Rotoren und Kabeln umher. Nachdem ich in einer Art Hawaii-Bar am Dach eine Sackgasse finde, geht es wieder zurück auf Publikumslevel im Erdgeschoss.

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Das Dach des Linwood-Dunn-Theaters, das ich ganz ungeschoren beschreite

Fünf Filmschnitter, zwei Hosts und ein Kugelschreiber

Der Eingang zum Kino-Komplex, bewacht von zwei glänzenden Oscars.

Der Eingang zum Kino-Komplex, bewacht von zwei glänzenden Oscars.

Auch wenn Fotos innerhalb des Theaters nicht gestattet waren, musste ich wenigstens einmal den Auslöser auf Hüfthöhe betätigen.

Auch wenn Fotos innerhalb des Theaters nicht gestattet waren, musste ich wenigstens einmal den Auslöser auf Hüfthöhe betätigen.

Es werden fünf Editors vorgestellt, jeweils mit zwei Ausschnitten aus ihrer Arbeit und einer folgenden Frage-/Antowortrunde mit den Hosts. Ich kritzle alles auf ein Blatt Papier.

Da ist beispielsweise der weishaarige, mit Krücke gehende Editor Bill Cartwright, der eine der ersten Dokumentationen über Kennedy’s Ermordung zusammenschnitt; den Auftrag bekam er inmitten des Schnittprozesses für einen Film über Kennedy’s Leben. Er erzählt davon, wie er am Dokumentarfilm “Maya Lin – A Strong Clear Vision” arbeitete und die Geschichte einer jungen Studentin erzählte, die den US-weiten Designwettbewerb für das Vietnam-Gedenkmal in Washington D.C. gewann, von Kritik seitens Veteranen allerdings stark attackiert wurde.

Dann warist da Joe Bini, der eines Tages aus heiterem Himmel von Werner Herzog angerufen wurde, sich mit ihm traf und nach drei Stunden brechendem Eis einen Editing-Auftrag in der Tasche hatte. Er editierte Grizzly Man (auf meine Frage hin, wie es sei, für Werner Herzog zu arbeiten, lachte er und meinte sinngemäss “Mal so, mal so”) und hatte etwa 100 Stunden Rohmaterial, das von seinem Assistenten auf 38 Stunden aussortiert wurde, und dieser verbleibende Rest wurde der Film. Sein Kommentar zu Timothy Treadwell:
“A genius filmmaker … and he tried to protect wild bears inside a protected park.”
Er sprach auch über seine Schnitter-Rolle im 2009er-Film “Roman Polanski – Wanted and Desired”, bei dem er über 80 Interviews aus fünf Jahren Produktion in die Hand gedrückt bekam. Im Abspann ist er als Editor sowie als Drehbuchautor aufgeführt – in Dokumentarfilmen hat der Editor oftmals einen grossen Einfluss auf die Erzählung und damit die Story des Filmes.

Zuletzt kommt dann noch ein Editor namens Brian Johnson, der an einem Film namens “Fighting for Life” arbeitete – eine Dokumentation über amerikanische Soldaten, die in Deutschland ausgebildet und in den Irak verschifft werden. Das Kamerateam folgt dann einer übergewichtigen Spionin ausdem mittleren Westen der USA, die im Gefecht so schwer verwundet wird, dass man eines ihrer Beine amputieren muss.  Ein wirklich intimer Einblick in das Leben eines Soldaten.

Brotzeit

Gratis Essen klingt so ähnlich wie Freibier...

Gratis Essen klingt so ähnlich wie Freibier...

Nach einer Runde Q&A ist die Show gelaufen und alle gehen nach Hause. Alle? Nein, ein kleiner Mann aus dem fernen gallischen Wien stellt sich der Versuchung, heim zu gehen und … BLEIBT!

Hinter den Kulissen

Der Kinosaal des Linwood Dunn Theaters in Hollywood - mit den resten Überbleibseln von den vormals 280 Leuten Publikum.

Der Kinosaal des Linwood Dunn Theaters in Hollywood - mit den resten Überbleibseln von den vormals 280 Leuten Publikum.

Ich spreche mit dem Regisseur des “Fighting for Life”-Films und frage ihn, wie er es geschafft hat, so viel Intimität zu gewinnen. Er meint, es wäre unabdinglich, im Vorhinein vor Ort zu sein und Freundschaften zu knüpfen – auch mit der Erlaubnis des Pentagon, einen Film zu machen, wäre es unmöglich, ohne Vertrauensbasis mit den Soldaten vor Ort zu arbeiten.
Später lese ich auf Wikipedia, dass jener weishaarige Regisseur zwei Oscars in der Tasche hat. Terry Sanders. Der Hammer.

Doch damit nicht genug: Als ich in Richtung Ausgang spaziere, bemerke ich den Kameramann, der eine der zwei Kameras abbaut. Aus der Broadcasting-Klasse kenne ich mich ein wenig mit all dem Equipment aus und spreche ihn an. Neben ihm steht ein Fotograf, beide sind jenseits der 50. Wir haben eine angeregte Diskussion über Datenformate; ob es besser sei, Daten auf Film zu bannen oder auf Festplatten zu speichern.
“Here at the Academy, we have film material that is a hundred years old and you can still use it.. and at the same time, there are those old big floppy disks that don’t fit in any computer…”, meint der Fotograf. Er sagt voraus, dass in hundert Jahren kein Computer mehr das JPEG-Format lesen wird.
Während wir in Smalltalk abdriften, bemerkt der Kameramann “that’s only my night job here … during the day I work as the traffic manager for incoming foreign film submissions for the Oscars.”
Das lässt mich aufhorchen. Alle fremdsprachigen Einträge fliessen durch seine Finger. “By the way, you should talk to that guy over there. His name is Randy, and you’ll see …he created the whole seminar and  is a really nice guy”

Und so tat ich. Für zwanzig Minuten unterhalte ich mich mit Randy, erzähle ihm vom Filmclub am SMC, er ist hellauf begeistert und gibt mir seine Visitenkarte. Der Direkor der Spezialprojekte und Bildung auf derAkademie. Und das bedeutet: Nächstes Level!

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.