Stage Beauty – Kostümprobe

In der Broadcastingklasse am SMC kündigt unser Professor eine Bühnenaufzeichnung an. Im Campuseigenen Theater wird “Stage Beauty” aufgeführt, ein mittelalterliches Stück über Schauspieler, die Shakespeare spielen. Der Twist: Nur Männer spielen auf der Bühne, selbst die Frauenrollen sind von holden Recken besetzt.

Für unsere Aufzeichnung gibt es zwei um etwa eine Woche versetzte Termine: Die Kostümprobe und die Aufführung. Bei der Kostümprobe werden wir ein wenig herumspielen und uns das Stück ansehen, bei der finalen Aufführung werden wir dann alles verkabeln, mit mehreren Monitoren im Kontrollraum sitzen, drei Kameras im Theater platzieren und einen Live-Mitschnitt des Ereignises filmen und auf Kasette bannen.

“Who wants to direct this?”, fragt der Professor.
Niemand hebt die Hand. Niemand? Nein, ein kleiner Mann aus Österreich …

Hinter den Kulissen des Theaters

Das Theater liegt in der nördlichen Hälfte des SMC-Hauptcampus. Ein riesiges, schrägliegendes rotes Dach und eine breite Glasfassade bestechen durch architektonische Extravaganz und thronen über den Palmwipfeln des bogenförmigen Quad – eine Allee, die mitten durch den Campus führt.

Ich tauche knapp eine Stunde vor ausgemachtem Treffpunkt auf, da meine Spanischklasse früher als erwartet endet. Ich war noch nie in dem Theater, und bin regelrecht verzaubert, als ich es zum ersten Mal betrete. An die 200 Sitzplätze, etwa 4 Stockwerke hoch, hunderte von Lichtern an der Decke, zwei Kontrollräume am oberen Ende der Sitze.
Mit der Kamera unter meinem arm schwingend, setze ich meinen Fuss in den Kontrollraum und sehe zwei Beine auf einer Leiter hochklettern, die durch ein dunkles Loch in der Decke verschwindet. “Hey! Can I see what’s up there?!”, frage ich. “Sure, just be careful not to kill yourself”, sagen die zwei Beine.

Der Kontrollraum des SMC Theaters: Hier werden die Lichter kontrolliert.

Der Kontrollraum des SMC Theaters: Hier werden die Lichter kontrolliert.

Der Catwalk, auch Bühnensteg, Laufsteg oder Lichtermeer genannt: Hier spielt der Kabelsalat mit dem Rampenlicht.

Der Catwalk, auch Bühnensteg, Laufsteg oder Lichtermeer genannt: Hier spielt der Kabelsalat mit dem Rampenlicht.

Oben angekommen, stosse ich ein zischendes “WOOOOW” aus: Wir sind am “Catwalk”, am Bühnensteg, am Trapez der Theatertechniker. Hier ist alles eng und Science-Fiction, voll mit Kabelsträngen, engen Stegen, die quer über das darunterliegende Theater führen, Balken, Gerüste, Lichter, Metall – Madness.
“You can look around, just be careful”, bemerkt der Mann und klettert die Leiter wieder hinunter. Ich kann die Bühne von hier aus sehen, die Sitzreihen, die Seitenflügel und Abstellräume der Bühne, die Kontrollräume … von hier aus hat man den totalen Überblick. Durch ein Loch im Boden mit Leitersprossen gelange ich zurück in den Kontrollraum.

Der Mann, der mich durch die Decke führte, stellt sich als der Lichtmanager des Theaters vor. Er scheint sehr viel zu wissen und komplett entspannt zu sein. Ich frage ihn, wie viel Strom dieses Theater verbraucht.
“We have  307 dimmers in here. Every dimmer has about six lights, 500 Watts each, so each dimmer has a capacity of 3.000 Watts – how much would that be alltogether?”
“That’s 921.000 Watts man! You need your own electric power plant!”
“Actually, behind the theater there is a metal barn, only for the power supply for the theater…”

Das Theater von unten gesehen: Hier wird bald Regie geführt!

Das Theater von unten gesehen: Hier wird bald Regie geführt!

Los geht es mit der Schweinerei

Auf meine Frage hin, ob ich ein Skript haben dürfte, schüttelt die Regisseuse den Kopf. “No, there are so manz handwritten notes in there, you wouldn’t understand anything.”
Nach ein bisschen ärmellosem Kämpfen bekomme ich dann doch mein Skript, in das ich Positionen von Schauspielern hineinkritzeln will. Ich setze mich neben den Lichtmanager ins nicht anwesende Publikum – vor uns ein angenehm aufstellbarer Tisch, der auf den Sitzreihen thront – und das Theaterstück beginnt.

Barocke Kostüme auf Schauspielern zwischen 25 und 35 tanzen über die farbenfroh beleuchtete Bühne. Ich zeichne Spiralen, um grosse Tänze zu symbolisieren. “R”s, “C”s und “L”s, um “rechts”, “center” und “links” zu notieren – wo auch immer sich die Schauspieler auf der Bühne während einer Zeile Dialog befinden.
Ich kritzle “Zoooooom” während Monologen, male weitere Spiralen und notiere “Far L&R”, wenn die Darsteller ganz an den linken oder rechten Rand der Bühne treten.

Aus der Lichtmanager-Zentrale auf die Bühne blickend

Aus der Lichtmanager-Zentrale auf die Bühne blickend

Mein Arbeitsplatz: Hier notiere ich geschwind in verschiedenen Farben, während auf der bühne das Schauspielfeuerwerkt tobt.

Mein Arbeitsplatz: Hier notiere ich geschwind in verschiedenen Farben, während auf der bühne das Schauspielfeuerwerkt tobt.

Am Ende der Produktion ist eines klar: Die Schauspieler haben einen echt guten Job geliefert – und das bei einem Monat Vorbereitungszeit für ein 2-stündiges Stück. Ich spreche den Lichtmann und später die Regisseurin an, von beiden beeindruckt – und frage, ob sie mir etwas beibringen könnten. “Klar, ich ruf dich einfach bei der nächsten Produktion an und du kannst mir über die Schulter schauen”, lautet bei beiden die Antwort.
Jackpot.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.