Das Treffen mit Mr. Oscar

Ich erinnere mich noch gut an die Fernsehwerbungen in ORF1 für die Live-Ausstrahlung der Oscarverleihungen. Irgendwann um drei Uhr morgens kriechen müde Gesichter in Wien aus dem Bett und sehen sich die Filmverleihung des Jahres an.
Hier in Los Angeles sieht es oft anders aus; man sitzt hinter dem Computerbildischirm, immer noch wütend über den undurchdringlichen Verkehr in Richtung Hollywood, Kodak Theatre, und starrt auf halblegale Live-Streams, die pixelige Oscars und unscharf jubelnde Schauspieler und Regisseure zeigen.

Unabhängig von wo man auf der Welt ist, die Oscars scheinen stets hinter einer Mattscheibe zu liegen.

Als ich dann auf dem Academy-Event “Editing for Documentaries” war und den Direktor der Bildungsabteilung traf, änderte sich diese Tatsache. Auf seiner Visitenkarte war ein golden eingerahmter, Reliefoscar zu sehen.

Eine Email kostet nichts

Ich halte die Visitenkarte in der Hand, während ich die Adresse – endend mit @oscars.org – abschreibe. “Danke”, schreibe ich in meinem Email, “es war ein toller Event.” Ich hole ein wenig über den Filmclub und die Filmstudenten am SMC aus. Auf gut Glück sende ich die Email ab.
Einen Tag später kommt eine Antwort: “Thank you Toby. Why don’t you come to my office and I can show you around?”
Mein Herz schlägt, ich rase, und ein paar Emails später bin ich zu einem Mittagessen eingeladen.

Wolkenkratzer der Filmindustrie

Das Hauptquartier der Academy of Motion Picture Arts and Sciences am Wilshire Boulevard - hier wird Oscargeschichte geschrieben.

Das Hauptquartier der Academy of Motion Picture Arts and Sciences am Wilshire Boulevard - hier wird Oscargeschichte geschrieben.

Das Hauptquartier der Academy thront am Wilshire Boulevard wie ein Palast aus Glas und Beton. Im Rücken des breiten aber dünnen Gebäudes steckt eine mächtige Verlängerung in die Tiefe. Als ich die Lobby betrete, fühle ich durch die Sohlen meiner braunen Sneakers statt blank geputztem Asphalt weichen Teppich. Roter Teppich, wohin das Auge blickt.
“What can we do for you?”, fragt eine der zwei Sekretärinnen, während ein Sicherheitsbeamter sich in seinem Sessel zurücklehnt. Ich erkläre ihnen, dass ich einen Termin mit Randy sowieso hätte.

“Oooooh … Randy, of course! One Second!”
Eine Minute später fahre ich surrend in Richtung Himmel. Die Aufzugstüren gleiten auf und entfalten eine Reihe heller Büros, Theken und Scheibtische vor mir. Ein Büro nach dem anderen ist hinter Glaswänden – aufgeräumt, sauber, geordnet.
Nur ein Büro passt nicht in die Reihe, und zwar das von Randy. Bis zur Decke stapeln sich DVDs, Bücher, Zeitungen, Ordner, Akten, Poster und signierte Fotos. Auf Regalen entdecke ich alles was man sich im Spektrum zwischen Mickey Maus-Figur, Batman-Actionfigur und Play-Doo vorstellen kann. Zwischen Randy und dem designierten Besucherstuhl liegen ein paar Papierstapel und ein grosser Schreibtisch. Man könnte fast ein Babyfon einbauen, so weit sitzt man voneinander entfernt.
Ich erzähle ihm lachend, dass ich diese Art von Büro aus meiner Familie kenne und es sehr kreativ finde.
Er zeigt mir ein paar spezielle Kleinode seiner Sammlung und nimmt mich anschliessend mit in die Tiefgarage, wo wir in sein Auto springen und zur California Pizza Kitchen in Beverly Hills düsen.

Deutsche Siedler, Armenische Doktoren und Wiener Kultur

Wir kommen in ein angeregtes Gespräch, das sich über etwa anderthalb Stunden und eine riesige Pizza erstreckt. Ich erkläre Randy die Rahmendaten des Filmclubs; um die 130 Mitglieder, von denen etwa 50-60 in jedem Treffen auftauchen; davon wiederum etwa 20 Leute, die wirklich motiviert sind. Klarerweise würden sich viele Leute aus dem Filmclub riesig freuen, auf Academy-Veranstaltungen aufzutauchen.
Er erzählt mir von einem kleinen Ort in Ohio, in dem fast nur Deutsche Auswanderer leben – schön unter sich brütend, abgeschirmt von der amerikanischen Aussenwelt. Ich plaudere aus dem Nähkästchen über amerikanisch-überfreundliche Kultur und den Gegensatz im melancholisch-arroganten Raunzerwien. Randy weist mich darauf hin, dass diese ekelhaft übertriebene Freundlichkeit oft nur in Los Angeles und New York zu finden ist. Wir sprechen über Karriere, den Auslandszivildienst, die Pizza schrumpft, die Studenten-Oscarverleihungen, noch ein Pizzastück übrig, und ich zeige ihm mein ausgedrucktes Portfolio.
“You got that printed at CVS?!”, fragt er verdutzt und inspiziert die Fotopackung der Grossraumdrogerie. “Yeah, they have a surprisingly good quality.”

Ich zeige ihm Fotos von der Hauptperson meines neuesten Dokumentarprojekts, einem armenischen Doktor, der den eisernen Vorhang querte und in die USA entkam, auf der äusserlichen Ebene ein schrulliger, intelligenter Mann mit seltsamer Frisur ist, auf einer tieferliegenden Ebene nach Sicherheit und Freundschaft sucht und auf einer sehr intimen Ebene einsam und traumatisiert ist. Er lebt in einem Apartment voll Müll.
Randy ist beeindruckt von meiner Einsicht in das Leben des Armeniers, auch wenn ich das nur schnell aus meinen Erfahrungen zusammenbastelte.

Nachdem die Pizza verschlungen und wir ins Hauptquartier zurückgekehrt sind, zeigt mir Randy noch zwei laufende Ausstellungen über Filmposter und das Leben von Irving Thalberg, das gigantische 1000-Sitze Samuel Goldwyn Kino (hier werden Academy-interne Filmscreenings abgehalten) und gibt mir eine Freikarte für die kommenden Vorstellungen von oscarnominierten Dokumentarfilmen.
Zuletzt bemerkt er, dass wenn auch immer ich einen neuen Film gerne sehen würde, ich ihn einfach anrufen könne und er mich in das hauseigene Kino einladen kann. Ich verspreche ihm, Kontaktdaten interessierter Leute vom Filmclub zu extrahieren und verlasse das Gebäude am Wilshire Boulevard mit einem kugelrunden Grinsen.

So viel Glamour auf einmal zu schnuppern macht dusselig…

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.