Regie im Kontrollraum: Stage Beauty

Jetzt werden die Notizen der Kostümprobe in Realität umgesetzt

Um vier Uhr nachmittags treffen wir uns, um das benötigte Equipment auf einen der kleinen Campus-Lastwägen zu laden. Drei Kameras, sechs Monitore, einen Tisch, ein riesiges Schaltpult und eine Unmenge an Kabeln. Das Elektrofahrzeug schleicht langsamer als ein Fussgänger hinüber zum Theater.

Josh, mit dem ich meinen ersten Dokumentarfilm gemacht habe, und der kleine Transportwagen für unsere Theateraufzeichnung

Josh, mit dem ich meinen ersten Dokumentarfilm gemacht habe, und der kleine Transportwagen für unsere Theateraufzeichnung

Das Wägelchen vor dem Letters&Sciences Gebäude, in dem unsere Broadcastingklasse stattfindet.

Das Wägelchen vor dem Letters&Sciences Gebäude, in dem unsere Broadcastingklasse stattfindet.

Leiwand, so viele Bildschirme, und alles nur für eine Aufzeichnung, in der ich Regisseur spielen darf.

Zeitmangel, Stress und Lampenfieber

Der Kontrollraum der Macht: Auf der Sessellehne im Vordergrund werde ich, wild in ein Headset krächzend, für die nächsten zwei Stunden sitzen.

Der Kontrollraum der Macht: Auf der Sessellehne im Vordergrund werde ich, wild in ein Headset krächzend, für die nächsten zwei Stunden sitzen.

Im Theater angekommen mit all unserer Ausrüstung, fahren wir im Aufzug hoch zum Kontrollraum. Zwei Professoren aus der Broadcasting-Abteilung begleiten uns und gehen sicher, dass wir keine Bildröhren zerstören (war schon oft genug der Fall). Alle sechs Monitore müssen aufgestellt werden, drei Kameras eingerichtet, Sound gecheckt … und plötzlich sind beide Professoren verschwunden. Ich übernehme instinktiv das Ruder, den für Herumstehen hat hier niemand Zeit.

Die Sechs Monitore kommen in den Kontrollraum, das Schaltpult in die Mitte. Eine Interkom wurde für uns bereits vom Theatermanagement eingerichtet, die drei Kameras werden auf Stativen im Theater selbst aufgestellt. Ich muss in fünf Minuten zu meiner Soziologieklasse laufen, und der Drache ist immer noch kopflos. Sieben Mitstudenten einfach so stehen lassen, das kann man nicht bringen.
Gottseidank taucht einer der Professoren in letzter Minute auf, und ich entfleuche in Richtung Sex & Gender, oder bessergesagt, War & Feminism. (mehr zu dieser Anspielung später)

Kameras laufen, Band läuft – alles bereit

Als ich zurückkehre, sind alle Bildschirme mit dem Schaltpult verkabelt, drei Videokabel führen in den Kontrollraum und zeigen die drei Kamerabilder an. Ich beschrifte acht MiniDV-Kasetten; zwei Kasetten pro Kamera, zwei für die Aufzeichnung des Live-Schnitts. Jede Kasette kann eine Stunde Material aufnehmen, und beide Akte des Stücks “Stage Beauty” dauern um die 58 Minuten.
Lassen wir die Bänder also zu früh laufen, bekommen wir nichts mehr vom Ende der Akte mit. Alles muss auf die Sekunde genau stimmen.

Und ich als Regisseur bin dafür verantwortlich. Ich bin verantwortlich für meinen Technical Director, der auf meine Kommandos hin am Schaltpult von Kamera zu Kamera schneidet, ich bin verantwortlich für die sechs Kameraleute, die in Zweierteams an den drei Kameras positioniert sind und auf meine Anweisung hin ihre Kameras ausrichten.
Obendrauf bin ich auch noch verantwortlich, diese zwei Welten – Schnitt und Kameraführung – dem Stück gerecht auszurichten.

Anfangs habe ich Bedenken, ob es nicht einfacher wäre, als Regisseur auch das Schaltpult zu bedienen – nach dem Stück realisiere ich allerdings, wie wichtig es ist, einen TD an Bord zu haben. Ebenso ist es essentiell, gute Kamermänner und -Frauen im Team zu haben, denn als Regisseur geht man nur sicher, dass alle drei Kameras zusammenarbeiten und die gesamte Szenerie abdecken; man koordiniert. Die Kunst, gute Winkel zu finden oder Charakteren gekonnt zu folgen, kommt rein von dem Kameraleuten.

Der TD, anfangs in meinen Augen nur der Tastendrücker, hat die essentielle Funktion einer rechten Hand für den Regisseur; manchmal kann es sehr brenzlig und unübersichtlich werden und der Regisseur macht einen Fehler – ruft beispielsweise einen Schnitt zu einer Kamera, die einen schlechten Shot liefert – in diesem Fall kompensiert ein guter TD mit eigener Cleverness und ignoriert die Anweisung des Regisseurs.

Alle Mann in Position, ich sitze im Kontrollraum mit Headset, als einzige Person, die in der Interkom sprechen darf. Der TD trägt kein Headset, und alle Kamerateams befinden sich im Theater. Der Lichtmanager stellt sich auf die Bühne, ich gebe den Befehl zum Aufnahmestart, er klatscht (so wird die Bild- und Tonspur im Nachhinein synchronisiert) und alles wird dunkel.

Das Spektakel beginnt.

Erfahrungen als Live-Regisseur

Cut to Camera 2. Camera 1, hold on in that position. Camera 3, ah, you see the people walking in? Get a long shot of the whole scene. Camera 2, good work. Stay in that position. Cut to 1. Camera 3, cover the man with the long hair in a medium shot. The red hair. Right. Stay there, follow. Cut to 3.

Camera 3 and 1, I want you to get medium shots of both of the lying characters in the middle. Camera 2, zoom out a bit and pan to the left, so you can see the dandy. Cut to 2.
Camera 3, tilt up a little bit. Yes, like that. Cut to 1. Cut to 3. Oh yes, Havier, cut to 3. Cut to 1. Two, zoom out, yes, stay right there. Cut to two. 3, zoom in on the woman, face and chest. 1, zoom in on the mans chest. Cut to camera one.

Es ist wie eine Droge, die ganze Welt ist ausgeblendet – alles, was existiert, sind diese drei Bildschirme und mein fröhliches Blubbern ins Mikrofon. Alles andere ist ausgeblendet; es gibt keine Vergangenheit und Zukunft, nur Kamerabewegungen und -Schnitte. Meine Gedanken sind komplett gebündelt und nur auf die bestmögliche Aufnahme des Theaterstücks gerichtet. Es ist weniger stressig als ich vermutete, als ich vermutete, stattdessen setzt eine tiefe Konzentration in Kombination mit Tunneldenken ein. Manchmal sehe ich keine Reaktion am Programmbildschirm, und als ich mich zum TD drehe, signalisiert er, dass er mich nicht verstehen konnte – obwohl ich direkt neben ihm sitze. Ich spreche anscheinend so ruhig mit den Kameraleuten, dass man mich nur über die Interkom laut hören kann.
Die Verzögerung zwischen meinem Befehl und der Ausführung des TDs macht ein schnelles hin- und herschneiden in einem Dialog geradezu unmöglich. Das Live-regieren (Regie führen) ist ein fortlaufendes Zusammenspiel zwischen Blick und Sprache.

Klick – und STOP

Dann, plötzlich, lehnt sich der TD Exavier zu mir und flüstert: “The recording machine just stopped!”
Ich biege das Mikrofon von meinem Kinn weg.
Die Aufnahme steht still, alle Kameras rollen fröhlich weiter.
“Press record and play!”, flüstere ich zurück, höchst bedacht darauf, dass man mich durch die Interkom nicht hören kann.

Nach erfolglosem Drücken und Schulterzucken von Exavier nehme ich das Headset ab und flüstere ihm zu, er solle nach einem der Lehrer suchen. Ich setze mich in der Zwischenzeit an das Schaltbord und schneide selbst. Eines der wichtigsten Dinge, die ein Regisseur berücksichtigen muss, ist die soziale Dynamik am Set. Haben zwei Mitarbeiter Probleme miteinander, muss der Regisseur eingreifen und den Disput schlichten. Werden Leute nervös, muss sie der Regisseur beruhigen.
Was aber, wenn der Regisseur nervös wird? Dann bricht das gesamte Set zusammen; wird der Anführer nervös, gibt es Meuterei.

Ich sitze jetzt also im Kontrollraum mit einem gestoppten Band, das nichts aufzeichnet. Mein bester Mann  ist auf der Suche nach Hilfe – und ich darf die Kameraleute nichts von der Unruhe merken lassen, denn sonst werden sie allesamt unruhig. Also muss ich mir selbst befehlen “Schnitt zu Kamera 3” – und dann selbst den Knopf drücken. Fühlt sich doof an, dafür hört sich für die Kameraleute alles gewohnt an, und niemand muss sich über minutenlange Stille wundern.
Eine Ewigkeit später kommt Rettung – ein neues Band eingelegt, und der Laden läuft wieder wie gewohnt.

Nach zwei Stunden Regierausch bin ich tausend Erfahrungen reicher. Lachend klopfen mir die Kameraleute auf die Schultern, ich klopfe freundlich zurück (dafür wurde ich anno dazumal gefeuert) … vielleicht nicht bildlich, aber jeder wirft aus Erleichterung mit Komplimenten um sich. Mein Adrenalin pumpt beim Abbauen und Zurückbringen des Equipments immer noch, erst als ich die Campusgründe verlasse, kehre ich langsam zur Welt der Normalität zurück.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.