Pferderennen der grazilen Melancholie

Ich war zuvor noch nie auf einem Pferderennen und wollte schon seit langer Zeit zu einem gehen. Über einen der vielen Event-Services, die LA zu bieten hat (lafreebee.com) bekomme ich eine Email, dass im Oktober jeder Freitag ein sogenannter “Family Friday” stattfindet. Wetten und Geldverlieren für die ganze Familie!

Vor den Toren der Stadt, inmitten eines gigantischen Betonglacis

Mit dem Auto und einer verwunderten Lorena – ich liebe Überraschungen – verlassen wir das, was man als “West LA” bezeichnet und fahren in Richtung Pasadena. Wir tragen unsere besten Sonntagskleider und ein Sonnenscheinchenlächeln, denn Freitags gibt es keine Uni für uns. Grosse Berge tauchen zu unserer linken auf; Gebäude stehen weiter verstreut und der klassische Holz-Krampfbaustil wechselt sich oft mit tatsächlichen Ziegelmonumenten ab. In der Mitte des Freeway verkehren stromlinienförmige, graue Schnellbahnen in einer Betonrinne; die mögliche Zukunft der Freeways, falls Benzin nicht existieren und Elektroautos zu teuer sein sollten.

Wir verlassen den Freeway in einem Stadtteil namens Arcadia, der so nah an den Bergen liegt, dass er schon fast als amerikanisch-industrielle Alpensiedlung gelten könnte. Das Kolosseum der Pferde ist leicht zu finden, schliesslich wird es von einem Parkplatz umgeben, der mindestens einen Quadratkilometer Fläche hat.

Satellitenbild des Arcadia Kolusseums von GoogleMaps - man beachte die Grössenskala links unten

Satellitenbild des Arcadia Kolusseums von GoogleMaps - man beachte die Grössenskala links unten

Einfahrt ins Wettparadies - diese Allee führt in die Unendlichkeit eines fast leeren Megaparkplatzes

Einfahrt ins Wettparadies - diese Allee führt in die Unendlichkeit eines fast leeren Megaparkplatzes

Das Pferderennschlösschen mit den szenischen Pasadena Mounains im Hinergrund

Das Pferderennschlösschen mit den szenischen Pasadena Mounains im Hinergrund

Der Nutzen dieser gigantischen Fläche unterscheidet sich vom damaligen Glacis in Wien, das die Stadtmauern (erbaut vom Lösegeld, das aus der Gefangennahme von Richard Löwenherz in Wien heraussprang) schützte – das Wunderwerk der Betonierung in Arcadia dient einzig und allein einem Zweck: Möglichst vielen Geldeseln Parkmöglichkeit zu geben.
Denn als wir das märchenschlossartige Renngelände betreten und vom architektonischen Stilprunk beeindruckt sind, bietet sich mir bei näherem Hinsehen das selbe traurige Bild, das ich damals in Montreal in einem Casino sah:

Jeder Mensch, der das Gelände betritt, hat anstatt eines Körpers ein grosses Dollarzeichen. Zu hunderten und aberhunderten strömen die Menschen erwartungsvoll in das Glücksspielparadies; die meisten dieser Menschen werden mit leeren Taschen und noch hohleren Blicken zurückkehren. Sie sind Menschen der unteren Mittelklasse, Menschen, die hier ihr hart verdientes Geld aus dem Fenster schmeissen, in der Hoffnung, eine Lastwagenladung grüner Scheine käme zurückgeflogen.
Es ist eine seltsame Mischung zwischen fieberhafter Aufregung und fröhlichem Geschrei – und zerrissenen Wettscheinen gepaart mit zwanghaftem Geldeinsetzen.

Fesch schau'ma aus: In blassem Grün und Gelb erhebt sich das Art-Deco Gebäude rund um die Rennbahn. Grün und Gelb - Geldscheine und Goldbarren.

Fesch schau'ma aus: In blassem Grün und Gelb erhebt sich das Art-Deco Gebäude rund um die Rennbahn. Grün und Gelb - Geldscheine und Goldbarren.

Zur linken die Wettschalter, die man eigentlich nicht fotografieren darf; in der Mitte Bildschirme mit Wettverhältnissen und Rennkameras, und rundherum das arme Volk der unfreiwilligen Spender.

Zur linken die Wettschalter, die man eigentlich nicht fotografieren darf; in der Mitte Bildschirme mit Wettverhältnissen und Rennkameras, und rundherum das arme Volk der unfreiwilligen Spender.

Das Sekundenlange Rennen

Um die volle Erfahrung zu machen, wollen ich und Lorena natürlich setzen. Wir kaufen uns für 2$ eine Rennbroschüre, in der jedes der 10 Rennen aufgelistet sind, die an diesem Nachmittag stattfinden. Aus der Broschüre kann man entnehmen, dass zwischen jedem Rennen eine Pause von etwa 30 Minuten liegt, sowie Kurzbiografien, Trainingspläne und Erfolgslisten der Pferde. Wir setzen auf ein Pferd aus Neuseeland, mit der Option, dass es entweder 1.,2. oder 3. im Rennen wird.
“2 $ on Rampana.”
“Two hundred.”
“No, two dollars.”
Der Mann hinter dem Schalter sieht unter seinen gesenkten Augenbrauen hervor.
“Two Dollars?!”
“Yes.”
“Alright, today is a good day to bet. And you, miss, who do you think will win?”
“Rampana”, sagt Lorena ohne blassen Schimmer.
“Don’t you want to bet too?”
Und schon  flattern Lorenas zwei Dollar durch das rot umrahmte Schalterfenster. Scheisse, wir wollten zusammen zwei Dollar setzen, auf meine Kosten, und jetzt hat sie der Kassier zum doppelten Wetten verleitet. Was solls, wenigstens haben wir keine 200 Dollar gesetzt.
Denselben Gedanken habe ich dann, als Rampana irgendwo auf dem fünften Platz gurkend ins Ziel trabt. Ich wundere mich, was passiert wäre. hätte ich gewonnen – denn meines Wissens ist Glücksspiel unter 21 Jahren untersagt.. und der Geldzieher am Schalter fragte nach keinem Ausweis. Wir wetten drei Mal 2$ und verlieren drei Mal 2$.

Panorama der Zuschauerränge; man sieht sich das Rennen von dieser Seite der Bahn aus an.

Panorama der Zuschauerränge; man sieht sich das Rennen von dieser Seite der Bahn aus an.

Müde und runzelig vom vielen Wetten-Abschliessen geworden: So sieht das Publikum aus.

Müde und runzelig vom vielen Wetten-Abschliessen geworden: So sieht das Publikum aus.

Zwei müde und runzelige Pferderennbesucher, im Hintergrund ein Beweispferd

Zwei müde und runzelige Pferderennbesucher, im Hintergrund ein Beweispferd

Romantisch pflügen Traktoren die Rennbahn, um den Pferden einen Untergrund weich wie Pustekuchen zu bieten, während einer der Aufseher müde und runzelig vor sich hintrabt.

Romantisch pflügen Traktoren die Rennbahn, um den Pferden einen Untergrund weich wie Pustekuchen zu bieten, während einer der Aufseher müde und runzelig vor sich hintrabt.

Ein Pferderennen, dachte ich, dauert ein paar Minuten. Falsch gedacht, diese Rennen dauerten maximal anderthalb Minuten.
Bevor das nächste Rennen beginnt, holen wir uns 1-$ Hotdogs und 1$-Getränke. Neben uns stösst ein Mann sein frisch gekauftes Bier in seine frisch gekauften Pommes Frites und stösst einen Fluch mit begleitender Alkoholfahne aus.

Auf einer Anzeigetafel sieht man das gesetzte Geld hochschnellen. 20 Minuten vor dem Rennen sind es 60.000$ im Pot. Dreissig Sekunden vor dem Rennen sind es 350.000$. Trompeten schallen, BUMM, das Rennen startet. Ein hastig labernder Kommentator hält das Publikum über die Positionen der Pferde auf dem Laufenden: “And there we see, Mister Wolverine [kein Scheiss, eines der Pferde hiess echt so] is head on head with Rainbow, close behind, coming closer, Stormcloud, on fourth position is Windbolt, taking it closer, head on head …”
Und alle halten den Atem an … bis die Pferde die Kurve gekratzt haben und in unsere Gefielde laufen –
dann beginnen alle zu jubeln “Number 5 GOOOOOO YESSSSS” “STORMCLOUD! GO!” “NUMBER 7!! NUMBER 7!!”

Die Rennpferde pflügen unter müdem und runzeligen Gejubel vorbei

Die Rennpferde pflügen unter müdem und runzeligen Gejubel vorbei

Ein tolles Erlebnis. Ich empfehle, maximal 15$ und keine Kreditkarten mitzunehmen.

Zerrissene Wettscheine pflastern den Boden der Zuschauertribünen - ein trauriges Zeichen dessen, was eine Pferderennbahn im Endeffekt ist: Ein Glücksspiel, bei dem die Bank immer gewinnt.

Zerrissene Wettscheine pflastern den Boden der Zuschauertribünen - ein trauriges Zeichen dessen, was eine Pferderennbahn im Endeffekt ist: Ein Glücksspiel, bei dem die Bank immer gewinnt.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.