Halloween Homecoming Photoshoot

Mitte November – die perfekte Zeit, um einen Gegenwartstext über Ende Oktober zu schreiben.

Bewerbung bei den Associated Students

Die “Associated Students” des Santa Monica College sind so etwas wie die Studentenregierung; jeder Student zahlt pro Semester 19$ Beitrag, um wöchentlich gratis Filme ansehen zu können, gratis Konzerte zu besuchen oder bei Sitzungen der Studentenregierung beiwohnen zu können.

Mich interessiert die Studentenregierung von vornherein, waren es doh die letzten zwei Gymnasialjahre, in denen ich meine Eier in die Hand nahm und als Klassensprecher noch viel mehr Unruhe stiften konnte als zuvor. Nun also meine Gelegenheit, mal so richtig in den höheren Rängen eines amerikanischen Colleges herumzuspazieren.

Auch wenn ich eine Führungsposition anpeile – wo ich Entscheidungskraft habe und tatsächlich etwas ändern kann – bewerbe ich mich für eine Position im Publicity-Department, und zwar als Grafiker. Ich werde telefonisch zu einem Interview eingeladen und der Direktor dieses Departments – ein Student – berichtet mir, wie beeindruckt er von meiner Arbeit ist. Ich fühle mich geschmeichelt.
Er fährt fort, mir davon zu berichten, wie toll er mein Zeug findet – und klickt zufällig auf eine Facebook-Nachricht, in der die Worte “Tobias Deml”, “Austrian”, “Artist”, “Photography” “Check out his portfolio” und “AWESOME!!!” vorkommen.
Ich schmelze vor Selbstgenuss dahin und verspüre den Drang, für mich selbst einen Götzen zu bauen.

Zehn Minuten später klatschen zwei Hände aneinander und ich bin drin im Student Government. Und zwar als “Primary Comissioner” des Publicity-Departments. Meine Aufgabe wird es sein, die Associated Students nach aussen hin visuell zu vertreten.

Zombie Touchdown – von der Skizze zum fetten Shoot

Wenige Tage später bekomme ich mein erstes AS-Projekt: Etwas für das Football-Homecoming. Ein Homecoming ist das erste Spiel einer College-Saison und muss natürlich deftig gefeiert werden. Um zur Deftigkeit viele Leute anzulocken, muss es natürlich Augenschmaus geben.

Als Anregung bekomme ich die Ideen “Kürbis mit Footballhelm” und “Zombie-Footballspieler” zur Inspiration. Ich rieche meine Chance, etwas Grossartiges zu fabrizieren, schiesse ein paar Fotos in meinem Wohnzimmer und erstelle eine Skizze.

Links ein Sprung im Wohnzimmer (im Hintergrund zu sehen: Die Makeshift-Wand meines Zimmers und das Katzenparadies), zur Rechten die Skizze, mit der ich das Projekt meinem Vorgesetzten vorstellte.

Links ein Sprung im Wohnzimmer (im Hintergrund zu sehen: Die Makeshift-Wand meines Zimmers und das Katzenparadies), zur Rechten die Skizze, mit der ich das Projekt meinem Vorgesetzten vorstellte.

Mein Vorgesetzter schlägt noch vor, ein paar Cheerleader in die Szene zu stellen und setzt sich  mit dem Footballteam in Verbindung. Ich will das Fotoshooting in der Nacht machen – die Stimmung muss passen und Objekte im Hintergrund sollen so unsichtbar wie möglich bleiben.

Der Schweiss dampft unter den Flutlichtern

Ein paar Tage später treffe ich mit Lorena, einem Reflektor, Baulicht und meiner Canon 10D samt Minack’schem 18-55mm Objektiv vor Ort ein. Es ist zehn Uhr Abends, mein erstes grosses Photoshooting. Ich treffe auf den Lederjackige-tragenden Direktor der Publicity-Abteilung und bin überrascht, dass ich nicht der Erste bin, schliesslich ist der Treffpunkt erst um 10:30.
“She can come in, it should be fine”, meint Lederjacke und führt mich und meine Trude in die Umkleidekabine des Footballteams. Testosteronbeladener Schweissgeruch strömt mir entgegen, und an die 10 Spieler sind in voller Fahrt. “Which uniform shall we wear?”
“The blue one looks good. But take the white one with you on the field.”

Zu unserem Unglück ist das Feld komplett dunkel. “You gotta call the campus police, they have the keys to turn it on”, meint der blond-disziplinäre Muskelmann-Trainer und reicht mir ein uraltes Telefon. Am anderen Ende der Leitung wartet eine grantige Stimme.
“The neighbors always complain about the light shining in their bedrooms, sorry, we can’t do that.”
“But it would be really important, and it’s just for a photoshoot… we need it for, like, half an hour.”
“What exactly do you want to do there?”

Zehn Minuten Verhandlungsgeschick später sehe ich die Raster-Halogen-Flutlichter schwach glimmen. Die Scheinwerfer haben so viel Power, dass sie sich für volle Leuchtstärke erst einmal aufwärmen müssen.
Zehn weitere Minuten liegt das Feld im hellen Tageslicht. Um die gewollte Bewegung des Spielers richtig einzufangen, muss ich entweder ISO200 oder ISO400 wählen. Beides sieht sehr körnig auf meiner Kack-Kamera aus, aber damit kann ich leben – schliesslich fotografiere ich hier gruselige Männer und keine erotisch-glatten Weiblichkeiten.

Ein Fotograf arbeitet immer am Härtesten an einem Set, klarer Fall. Und endlich habe ich die Gelegenheit, ein richtig schönes Gruppenfoto zu schiessen!

Ein Fotograf arbeitet immer am Härtesten an einem Set, klarer Fall. Und endlich habe ich die Gelegenheit, ein richtig schönes Gruppenfoto zu schiessen!

Das Herumkommandieren von so vielen Mitwirkenden kann ganz schön mühsam sein, und ich versuche es Anfangs zu vermeiden, die Spieler bei ihren Nummern zu rufen – kurz darauf gibt meine Philanthropie dann doch der Praxis nach. Ich geniesse die kreative Kontrolle, während mein Vorgesetzter manchmal hineinquatscht oder Bilder sehen will.
Ich reflektiere leicht von links unten mit einem goldenen Reflektor (danke fürs Halten, Lorena) und benutze meinen Kamerablitz, den ich mit einer Plastikdonut-Verpackung abschwäche.
Mitten im Shoot kommt ein Polizist des Weges und weist uns darauf hin, dass wir bereits eine halbe Stunde überzogen haben. Ich bettle noch zehn Minuten heraus, und um Mitternacht ist dann endgültig Schluss.

Nachbearbeiten in der Nacht

Zwei Tage später schwinge ich mich an GIMP, ein Grafikprogramm, das vergleichbar zu Photoshop ist (mit weniger Features, dafür Open Source) und mit dem ich so gut wie keine Erfahrung habe; allerdings habe ich meine Photoshopversion verloren und dieses Projekt muss fertig werden. Ich male etwas Nebel, etwas Blut, ein paar Partikel… nutze den Abwedler und Aufheller nonstop, Gradiationskurven … wie im guten, alten Poposhop.

Links das ausgewählte Bild des Fotoshoots - rechts das Ergebnis um 5 Uhr Früh.

Links das ausgewählte Bild des Fotoshoots - rechts das Ergebnis um 5 Uhr Früh.

Nach ein wenig Feintuning geht das Werk in Druck

Das finale Bild: Mit Fonts, zombieartigen Augen. etwas verwischteren Partikeln, dünklerem Blut ... und natürlich komplett mit GIMP verarbeitet.

Das finale Bild: Mit Fonts, zombieartigen Augen. etwas verwischteren Partikeln, dünklerem Blut ... und natürlich komplett mit GIMP verarbeitet.

Mit einem Druckbudget von 700$ wird das Poster 40-fach im A1-Format über den Campus verstreut. Ich bekomme Wind davon, dass eines der Poster aus dem AS-Büro gestohlen wurde – und werde am nächsten Tag darüber aufgeklärt, dass eben jenes Poster gerade die Runde in der College-Administration macht. Angeblich wollte es der Präsident des College (der Oberkönig) in sein Büro hängen. Aber das ist nur ein Gerücht…

Eines der fertig gedruckten A1-Plakate. Als ich hörte, dass 700 Dollar Printkosten für mein Design ausgegeben werden, druckte ich einen braunen Fleck in meine Hose...

Eines der fertig gedruckten A1-Plakate. Als ich hörte, dass 700 Dollar Printkosten für mein Design ausgegeben werden, druckte ich einen braunen Fleck in meine Hose...

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.