Editing für die Venice-Doku

Am Ende eines Filmprojekts steht, neben Marketing und dem ganzen Geldkram, das Editing.

Sobald man einen Filmdreh abschliesst, muss ja schliesslich der ganze Kram zusammengeschnippelt werden. Ich hatte immer Ausreden dafür, Editing NICHT zu lernen und kam deshalb nie dazu. Nun haben wir einen fertigen Film über Menschen in Venice, brauchen aber einen Editor. Josh, der schon länger am SMC ist als ich, kennt einen Typen aus dem Filmclub namens Greg. Also rufen wir Greg an, stellen ihm das Projekt vor und machen uns einen Treffpunkt in Venice aus.

Subway-Strom für digitale Clips

Greg und Josh beim Durchkämmen des Rohmaterials, während ich überall Essensreste verteile

Greg und Josh beim Durchkämmen des Rohmaterials, während ich überall Essensreste verteile

Nach einer mehrstündigen Insert- und Establishing-Shot-Session (also Eröffnungsszenen und einfügende Szenen, die die Stimmung von Venice Beach vermitteln sollen) treffen wir uns in einem Subway-Schnellrestaurant nahe dem Strand. Greg trägt Snowboardhaube und Bart, schlacksig mit breitem Grinsen, um die 21 Jahre alt. Musikmässig bestimmt in der Rock-Punk-Electronic-Ecke.

Wir setzen uns, ich brösle alles technische Equipment mit Sandwich voll. “(mampf) … so, we shot about eight interviews … (mampf, brösel) … and here we have a list of establishing and insert shots that we took over the past days … (rülps) … I imagine it as a portrait of these people … (brösel) … and it should be interesting for people who know Venice Beach as well as for people who didn’t even hear of California before…”

So geht es für etwa zwei Stunden, bis wir Greg bis oben hin voll mit Information gepumpt haben. Nun weiss er genauso viel über den Film wie wir. Ich schreibe ein paar Zettel voll und gebe sie ihm; Eine beinahe vollständige Shotliste (sprich, eine Auflistung aller Videoclips, die wir geschossen haben), eine Interviewliste mit Namen und Beschreibung all unserer Interviewpartner, und eine 1,5-seitige Beschreibung, wie ich mir den Film vorstelle.

Editing ist kein Zuckerschlecken – und ein Balanceakt

Als Regisseur steht man nun vor einer Entscheidung: Wie verhalte ich mich gegenüber dem Filmschnitter? Soll ich ihm im Nacken sitzen und jede Kleinigkeit überwachen und kritisieren, oder soll ich ihm das Rohmaterial in die Hand drücken und viel Glück wünschen?

Von diversen Arbeitserfahrungen weiss ich, wie nervig es ist, einen Amateur auf technischem Gebiet hinter mir sitzen zu haben und mich zu beratschlagen, was ich wie tun soll. Menschen, die keine Ahnung von einem Programm oder einem Entstehungsprozess haben, sollten dem Künstler Zeit geben und nicht dauernd über die Schultern schauen.

So also auch bei Greg – ich entscheide mich für eine liberale Einstellung und mache mit ihm aus, im letzten Drittel des Prozesses einmal vorbeizuschauen und ihm meine Änderungswünsche zu geben.
Aus zwei Gründen:

Ich kenne mich mit Editing-Programmen kaum aus und würde Greg nur auf die Nerven gehen.

Meine Filmkenntnisse kommen bisher nur aus Büchern. Dies ist mein erster Film – und Greg hat mehr Erfahrung im Zusammenstückeln eines Films als ich – also vertraue ich auf seine Fachkenntnisse

Das einzige Problem, das daraus entstehen kann, ist, dass er Dinge editiert, die ich nicht im Film haben will, oder Szenen auslässt, die ich für meinen Film will. Es ist also immer eine Balance zwischen Vertrauen und Kontrollieren – und gar nicht einfach, moralisch gesehen.

Meine niedlichen Notizen für Greg: Hier findet sich eine Stimmungsbeschreibung sowie eine rudimentäre Shotliste wieder.

Meine niedlichen Notizen für Greg: Hier findet sich eine Stimmungsbeschreibung sowie eine rudimentäre Shotliste wieder.

Editieren bis zum Morgengrauen

Einige Wochen später ruft mich Greg an und lädt mich in seine Hütte ein. “I edited until two in the morning, and I found this one scene […]”
Ich sehe mir den Rohschnitt an und bin hin und weg. Vorerst. Nach etwa fünf Durchläufen fallen mir erste Dinge auf und ich beginne emsig eine Liste an Änderungswünschen zu schreiben. Mehr als Wünsche sind es nicht; Greg ist immer noch der Fachmann und weiss es besser. Ich bespreche alle Punkte der Liste mit ihm und gebe ihm diese.

Am nächsten Tag zeige ich Josh den Rohschnitt und bitte ihn um seine Meinung. Auch wenn ich designierter Regisseur bin, er war den ganzen Film über hinter der Kamera und nahm wichtigen Einfluss auf seine Entstehung.

Einige Abende später treffen wir uns um 11PM bei Greg zuhause. Nach einer kurzen Schwanzvergleichsrunde Guitar Hero geht es an den Computerschirm. Greg verbesserte ein paar Stellen, liess ein paar Stellen aus – also machen wir uns an die Liste. Ich markiere Listenpunkte, die höhere Priorität als andere haben, mit einem Farbstift. Organisation ist alles. Beinahe eine ganze Stunde sitzen wir nur an den Credits, und nach einer Stunde haben wir nur ein kleines Segment der Credits fertiggestellt.

Als einer von uns auf die Uhr sieht, ist es vier Uhr. Unsere Augen halb geschlossen, unsere Mundwinkel bekifft nach oben zeigend; weniger von Drogenmissbrauch, mehr von der belohnenden Arbeit des Gruppeneditierens im Dunkeln. Wir verabschieden uns, lassen Greg noch ein paar Verbesserungsvorschläge auf seinem Tisch liegen und fahren zu Bett.

Da war noch etwas …

Damit nicht genug. Bis wir den Film tatsächlich fertig bekommen, vergehen ein paar weitere Tage und Wochen. Wir reichen ihn auf ein kleines Filmfestival ein, hören aber nichts von den Machern. Ich entscheide mich, zwei ganze Interviews auszutauschen, um den Film poppiger und spannender zu machen. Filmschneiden ist ein langwieriger Prozess und lässt sich gut mit dem Komponieren von Musik vergleichen; man ändert immer wieder etwas ein bisschen ab, um die Erzählmelodie klarer zu machen; oftmals tauscht man komplette Segmente weg, die dem Fluss und Klang im Weg stehen.

Und im Endeffekt, wie der Film ankommt? Das erfahren Sie bald, werter Leser…

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.