Zu Besuch bei Film Independent

Solange man nicht bei Warner Bros. angestellt ist und unendlich viel Geld zur Verfügung hat um einen Film zu machen, oder sich auch einfach nicht mit der umsatzorientierten Studiowelt während der Kreation eines Films herumschlagen möchte, so muss man sich an die Welt des unabhängigen Filmemachens halten.

Ohne grosses Studio als Partner und Geldgeber hat man zwar mehr Freiheiten in Sachen Story, allerdings mehr Probleme in Sachen Geld. Oft kommen die Budgets für unabhängige Filme von Privatpersonen oder Kleinunternehmen – oder aus eigener Tasche (z.B. The Blair Witch Project). Um sich in dieser harten Welt des Gelderbettelns über Wasser halten zu können, muss man sich darum kümmern, die richtigen Leute zur richtigen Zeit zu treffen.

In meiner Filmproduktionsklasse wurden wir vor ein paar Wochen von einem Vertreter von Film Independent besucht. Während uns die Vorteile einer Mitgliedschaft heruntergebetet wurden und sich alle meine Klassenkameraden zögernd zeigten, handelte ich einfach auf Gefühl und BÄM! – 65$ für eine einjährige Mitgliedschaft gezahlt.

Dienstagstreffen mit Hands-on Lehrmaterial

Über die Website finde ich heraus, dass es genau heute ein Treffen gibt, welches neue Mitglieder näher an Film Independent (Abkürzung FIND) heranbringen soll. Ich springe auf mein Damenrad und radle durch das nächtliche Los Angeles Richtung Century City.
Ich platze mit durchgeschwitztem Shirt und Fahrradhelm in eine Beamer-Präsentation im elfen Stock. Gerade mal 15 Personen sind anwesend. Es wird über etwa hundert Independet-Film-Vorstellungen im Jahr geredet (die man als Mitglied alle gratis besuchen kann – mit dem einzigen Haken, dass man bei fast jeder Vorstellung etwa eine Stunde vor Beginn ankommen sollte). Wir werden über die Spirit Awards und das LA Film Festival informiert; zwei grosse Events im Filmkalender von Los Angeles, die beide von FIND organisiert werden.

Film Independent hat eine Werbepartnerschaft mit Canon – während Canon ein paar Poster beim LA Film Festival aufhängen kann, bekommt FIND Canon-Kameras gespendet. Drei Kameras sind im Raum, und nach der Präsentation kann ich eine nach der anderen ausprobieren. Ein seltsamer Typ mit schiefen Zähnen beginnt mich zuzublubbern und redet von seinem geplanten Ninja-Film, während ich mich mit Weissabgleichen herumspiele. Tiefer Bass, gepfiffen aus Zahnlücken “…and then the Ninja girl meets an old Chinese man, and he’s the master, and then there is this big fight sequence…” im Duett mit österreichischem Bariton “WOOOWWW that’s such an awesome camera!”. Romantisch.

Nach einer Weile treffe ich einen Mann namens John, der Vollzeit-Angestellter bei FIND ist, und dessen einzige Aufgabe es ist, Filmemachern mit Kameras und Editing-Stationen von Film Independent vertraut zu machen – gratis für Mitglieder. Die Mietkosten der Kameras sind um einiges billiger als in üblichen Filmgeschäften; FIND ist schliesslich einen nonprofit-Organisation.

Diskussion zwischen verschiedenen Mitgliedern: Der alte Mann ist Schauspieler, der Herr rechts Mitte hat eine Produktionsfirma, und die Lederjacke hat einen Dokumentarfilm ueber die US-Wahlen und das Internet gemacht.

Diskussion zwischen verschiedenen Mitgliedern: Der alte Mann ist Schauspieler, der Herr rechts Mitte hat eine Produktionsfirma, und die Lederjacke hat einen Dokumentarfilm ueber die US-Wahlen und das Internet gemacht.

Die Canon XH1 - eine sehr coole HD-Kamera mit einer Unmenge an Knöpfen und einem Objektiv zum Verlieben.

Die Canon XH1 - eine sehr coole HD-Kamera mit einer Unmenge an Knöpfen und einem Objektiv zum Verlieben.

Die Canon 5D Mark II, eine Hightech-Hybridkamera, die sowohl starke fotografische Qualität als auch gestochen scharfes HD-Video bietet. Per Aufsatz passt dann sogar ein Mikrofon drauf.

Die Canon 5D Mark II, eine Hightech-Hybridkamera, die sowohl starke fotografische Qualität als auch gestochen scharfes HD-Video bietet. Per Aufsatz passt dann sogar ein Mikrofon drauf.

Klasse Soundequipment: Vom Boompole (Tonangel) über ein Aufnahmegerät bis hin zu Bose-Kopfhörern ... Schleichwerbung erwünscht.

Klasse Soundequipment: Vom Boompole (Tonangel) über ein Aufnahmegerät bis hin zu Bose-Kopfhörern ... Schleichwerbung erwünscht.

Der Produzent und der Abenteurer

Ich treffe einen Produzenten und erzähle ihm von meinen Filmprojekten. Er wird neugierig, als ich ihm von Faces of Venice erzähle und legt mir jedes zweite Wort in den Mund während ich ihm von meinen weiteren Projekten erzähle. Zur Zeit habe ich knapp 12 Stunden Material von zusätzlichen Projekten – ein Dokumentarfilm über einen ehemaligen Sowiet-Doktor, der jetzt in Hollywood in einem Haufen Müll lebt – und ein Dokumentarfilm über Menschen, die in Wohnwägen am Strand von Venice Beach unter aussergewöhnlichen, tagtäglichen Umständen leben.
Er lädt mich in sein Büro ein und gibt mir seine Karte – mal sehen, ob sich daraus etwas ergibt. Als Regisseur ist es auf jeden Fall immer recht nett, ein paar Produzenten zu kennen.

Dann treffe ich einen Mann in Lederjacke, der einen Roadtrip durch die USA gemeinsam mit einem Kameramann machte und einen Dokumentarfilm über die Auswirkung des Internets auf die jüngsten US-Wahlen drehte. Interessantes Projekt, interessanter Kerl.

Jetzt reden wir mal Tacheles: Alle diese Gespräche sind lehrreich und interessant, aber können genauso schnell wieder in Vergessenheit geraten. “Networking” nennt sich das, ich nenne es “Plaudern aus Interesse”. Ich bin nicht auf Visitenkarten aus, sondern auf Geschichten, auf Erfahrungen – auf Erzählungen, die mich faszinieren. Und genügend dieser Personen haben etwas Faszinierendes zu erzählen. Visitenkartenjäger sind mir ein Übel.

Ein unmenschlicher Zufall

Und dann kommt’s: Ich bin gerade dabei, das Gebäude zu verlassen, als ich mit einem etwas rundlichen Mann zu Reden beginne. Er erzählt mir von seinem Dokumentarfilm über einen Obdachlosen in Burbank, der in der Nacht Katzen füttert und in einem Zelt lebt. Ich meine daraufhin, lustig, ich mache auch gerade einen Dokumentarfilm über einen Mann aus der ehemaligen Sowietunion. Er spielt in seiner Freizeit Schach und lebt in einer verlotterten Mietwohnung direkt in Hollywood.
“Hold on, is he Armenian?”
“Yes … look, I actually got some photos with me, very random”

Ich zeige ihm die Fotos, die ich zufällig an diesem Tag mit mir in meinem Rucksack herumtrage.

“I met this guy when I was little. I know him. I was probably around twelve years old. Now I’m 28. I am Armenian too, yes, he’s a pretty good chess player…!”

Meine Augen fallen heraus. Die Welt dieser gigantischen Stadt, der flachgedrückten Version von New York, ist so klein. Los Angeles ist ein Dorf.

Ein Ausschnitt der Cubicle-Büroräumlichkeiten von Film Independent

Ein Ausschnitt der Cubicle-Büroräumlichkeiten von Film Independent

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.