Wirbel in der Bibliothek – Versteckte Kamera

Für unser Projekt in Broadcasting nehmen wir einen Clip in der Bibliothek auf. Jemand aus unserer Gruppe hatte die Idee, eine Schlussmach-Szene per Telefon aufzuführen. Ein Mädchen, das kreischend weint und die Aufmerksamkeit aller auf sich lenkt, bis sie hinausgeworfen wird. Da unser Projekt sich hauptsächlich um die Reaktionen der Leute dreht, müssen wir einen Weg finden, in diesem Hochsicherheitstrakt der Verbote eine oder zwei Kameras hineinzuschmuggeln und versteckt zu drehen. “No photography or filming allowed”, wurde mir da drinnen schon oft zugewispert, wenn ich auf einer meiner unzähligen Campus-Entdeckungsreisen unterwegs war.

Wir haben keinen Schauspieler

Problematisch: In den letzten Wochen filmten wir verschiedene Videobeiträge (Zeit gab es nur Dienstags und Donnerstags für etwa eine Stunde jeweils, also geht das Projekt nur schleppend voran) und immer wieder kam das Bibliotheksexperiment zum Vorschein. Ohne Plan und ohne Schauspieler war ich der designierte Castingbeauftragte – als Regisseur muss man eben manchmal die Besetzung verwalten. Am Tag vor unserem geplanten Filmtag schlage ich mir auf die Stirn.
Scheisse. Filmen. Voll vergessen.

Ich stürze mich in die Filmclub-Facebook-Seite und schreibe alle Mädels an, von denen ich weiss, dass sie schauspielen.
Die Antworten kommen prompt:

“Haahaahahahaaaaaa sounds fun!!!
But I am in a meeting.

“Omg thats such a good idea I bet it’s gonna be a blast!
But I have to work.

… als ich am nächsten Tag von der Golfklasse nahe dem Flughafen mit dem öffentlichen Bus in Richtung Campus fahre, sehe ich aus dem Fenster, nicht wissend, wie ich das meiner Crew erklären soll. Notfalls kann ich auch das ganze Schlussmachen schauspielern, aber dann wird mir Lorena die Hölle heiss machen – keine gute Idee (“Oh Toby, so you broke up with your fantasy girlfriend? How was that? Fun?”). Ne, bestimmt nicht.

Zufällig treffe ich auf Josh, und zufällig treffe ich auf Patricia, mit der ich schon bei einer Academy-Vorführung war und die Fotos für ein Filmposter schoss. Als ich sie treffe, bin ich mir unsicher, ob ich sie fragen soll. Als ich Josh treffe, telefoniert er gerade mit ihr – und gibt mir nach meinem wildem Herumgefuchtel den Hörer. Etwas Verhandlungsgeschick und zwanzig Schweissperlen (etwa 7kg Walfett) später sagt sie zu – und das Shooting ist gerettet.

Der fette Zirkusclown macht Ärger

Nachdem die ganze Crew eingetroffen ist, bewegen wir uns in Richtung Quad, der Fussgängerhauptschlagader des Capus. Neben dem Quad befinden sich zwei grosse Wiesen, auf denen Studenten Schaukampfturniere abhalten, verliebt im Gras tollen, Gras rauchen und rupfen oder eben jonglieren. Patricia ist Teil des “Zirkusclubs”, der wie auch der Filmclub eine bestimmte Mission hat. Mitglied dieses Zirkusclubs ist ein fetter Kerl mit schmalzigem, nach hinten frisiertem und ausgedünnten Haar. Er scheint, dem Akzent nach zu schliessen, aus Osteuropa zu kommen und irgendein Problem mit anderen Lebewesen zu haben.

Ich kenne ihn bereits von einer vergangenen Begegnung, bei der wir ein Beleidigungsduell wie bei der “Monkey Island”-Serie fochten.
Die herabhängenden Bulldoggenmundwinkel sind mir bereits bekannt. Kaum spreche ich seine Jonglierpartnerin Patricia an, geht es schon los.
“Go away, you charrrrre ugly! We don’t want you cherrrrrre!”
“Calm down, it’s okay, they are friends.”, meint Patricia beschwichtigend, während die Jonglierkegel weiter zwischen ihnen durch die Luft fliegen.
“Che distracts me. What do you guys want? HUH?”
“We are doing a prank together with Patricia in the library and film it. We will borrow her for half an hour.”, sage ich und will meinen Blick vom knurrenden Hundchen abwenden. Aussichtslos.
“YOU ARE STUPID! HM? PRRRRANK?”
“Yes, a social experiment. Nothing dangerous, no worries.”
“I worrrk forr the librrrarrry! FUCK YOU! Go do yourrrr stupid prrrrank somewherrrre else, you will get in trrrrouble! You know what a good prrank would be? Go acrrrross the street with blindfold! CHA! I want to see tchat! CHA! That would be a good prrrank! AND NOW GO AWAY!”
“It’s okay…” Das Jonglieren hat inzwischen gestoppt.
“NO!”

Und klein Brutus dampft kochend-wütend ab, vermutlich auf dem Weg, seine Aggressionen an den Luftmolekülen auszulassen, die in seinem Holkopf herumschweben.

Was für eine grossartige Performance

Wie in einem Gangsterfilm marschieren wir mit schwarzen Sporttaschen – in einer die Kamera, im anderen das Stativ – in die Bibliothek. Neben mir, Bryan (Amerikaner), Jan (Schwede) und Abbie (Amerikanerin und Produzent unseres Projekts) marschiert Whoopy, Kameramann Nummer 2, mit einer DSLR inklusive Videofunktion in seinem schwarzen Rucksack. Hintendrein geht Patricia, sich auf ihre Rolle vorbereitend. Wir teilen uns in zwei Teams auf.

Vorbei an den Wachhunden hinter der Theke, unter den Überwachungskameras hinweg. In einem kurzen Locationscouting wenige Minuten zuvor fand ich einen guten Schauplatz für unser kleines Drama und eine Nische, in die keine Überwachungskameras sehen können – und ich meine Kamera positionieren kann. Schlüsselpunkt der ganzen Aktion ist, dass die Kamera unetdeckt bleibt, während der Schauspielerin Ärger gemacht werden kann – und zumindest muss die Schauspielerin zuerst entdeckt werden, bevor die Kamera entdeckt wird.

Ich habe Patricia bereits alle Anweisungen zum Improvisieren gegeben, lege die Kasette in die Kamera ein, drücke den grossen, roten Knopf und gebe ein Handzeichen zum Loslegen. Spannung liegt in der Luft, und ich sehe, wie mein Herzschlag sich in die Kamera pumpt. Bumm-bumm. Was, wenn wir erwischt werden? Egal. Was, wenn ich rausgeworfen werde? Ach, komm schon.
Patricia sieht um sich. Wir haben Abbies Blackberry so eingerichtet, dass wir die komplette Handy-Konversation aufnehmen.

Patricia De Borba bei ihrer Improvisation in der SMC-Hauptbibliothek. Im Hintergrund drehen sich verwirrte Studenten zur Zone des Chaos.

Patricia De Borba bei ihrer Improvisation in der SMC-Hauptbibliothek. Im Hintergrund drehen sich verwirrte Studenten zur Zone des Chaos.

Patricia ist fertig mit ihrer Vorbereitung. Ihre Anspannung ist spürbar. Sie nimmt das Handy zaghaft in die Hand, als hätte jemand angerufen. “Hi Baby!” – so geht das Gespräch los. Ich kann mich vor Lachen kaum halten, als sie beginnt, einen verzweifelten Blick aufzusetzen. Sie springt aus ihrem Sitz auf und schreit mit osteuropäischem Akzent: “WHAAAAAT?! MIKE, WHAT ARE YOU TALKING ABOUT?!”

Die nächsten fünf Minuten wachen Schlafmützen um die verzweifelt fluchende Patricia auf; Studenten beugen sich über Brüstungen, um mitzubekommen, was hier alles abläuft. Grossartig, grossartig.
Doch dann: Plötzlich ist Patricia verschwunden, stattdessen steht eine sehr wütende, ältere Lady an ihrem Platz und schnauzt Whoopi, Kameramann 2 an. Ich halte dran und kriege sie auf Band. Dann wird das ganze allerdings hässlich; sie nimmt klein Whoopi irgendwohin mit. Ich werfe die Kamera in die Tasche, übergebe sie an Jan und Brian: “Carry this out of the building. Fast!”, und laufe zu Abbie, die das ganze Treiben beobachtet hat.

“What happened? Where’s Whoopy?”
“The woman took his ID. She asked us about our names and what class we are in. Fuck!”
“Where did they go? I have to get Whoopy out of there!”

Retten, was zu retten ist

Das Wichtigste ist in Sicherheit: Die Aufnahme.
Ich laufe der Dame nach, beschwichtige sie, dass der ganze Trubel nur der Kunst wegen stattfand, und wir keine andere Möglichkeit hatten, als Guerillataktiken anzuwenden und unangemeldet Radau zu machen. Sie zeigt sich wenig verständnisvoll und fordert komplette Namen, Studentennummer, Name des Professors und der Klasse – und prüft alle meine (wahrheitsgetreuen) Angaben online.

“I will make sure this NEVER happens again!”, faucht sie und bedeutet mir, sie würde meinen Professor anrufen. Ich laufe aus der Bibliothek, quetsche mich inmitten meiner aufgeregten Crew und gebe ihnen eine kurze Nacherzählung. Wir entscheiden, es wäre fair, unserem armen Lehrer auf das nahestehende Gewitter vorzubereiten und hinterlassen ihm eine Nachricht.
Bevor ich überhaupt die Aufnahme später auf einem Bildschirm sehe, weiss ich bereits genau: Den Ärger war es hundertmal wert.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.