Debutante – unfeministischer geht es nicht mehr

Ein Debutante ist die amerikanische Prunk- und Protzversion eines Debutantenballs. In diesem Fall sind Lorena und ich nach Beverly Hills in ein riesiges Hotel eingeladen, um dem Debutante ihrer Freundin Danielle beiwohnen zu dürfen.

You HAVE to wear a Tuxedo, Toby!

Mir ist es ja komplett wurst, was ich anziehe. Hauptsache, es sieht scharf aus. Zum Beispiel meinen Anzug von der Salvation Army. Hat mich anno dazumal knappe drei Dollar gekostet – das ist wahrer Modegeschmack!

Nicht so wie die abgeschmutzten Anzüge für knapp 100$, die für Schränke oder menschliche Würfel zugeschnitten sind – sondern schön tailliert, wie ein massgeschneiderter 1000$-Nadelstreif-Armani. Man muss eben wissen, wo man seine Ausstattung herbekommt. Wenn da doch nicht eine gewisse Engstirnigkeit wäre…

“Toby, they asked me to tell you to wear a Tuxedo”, sagt Lorena nach einem Telefonat.
“Oh, that’s fine, I have my suit… remember, the one I wore to your prom?”
“RIGHT… the one from Salvation Army?! Where I was so emberassed that YOU came to MY prom with such a suit while others rented really good Tuxedos?!”
“Yeah, there’s nothing wrong with it.. it’s a great suit!”
“Anyway, they asked me if you could wear a Tux.”
Ich schüttle den Kopf. “I have a suit. I don’t need a Tuxedo.”
“No Toby, like, you don’t understand! When they ask specifically for it then they expect you to wear a Tuxedo!”
“Well, who gives a shit anyway, nobody will complain.”
“How’s that gonna look for me?! They invite us! They paid for our tickets!”

Der Coronet Debütantenball - hier wird rumgeprotzt

Der Coronet Debütantenball - hier wird rumgeprotzt

Diese Konversation geht für etwa zwanzig Minuten genauso weiter. Ich erkläre Lorena, dass es in Englisch ein würdiges Äquivalent für “kleinkariert” geben muss (small-minded ist zu negativ) – sie besteht darauf, dass man nun eben manchmal einen Tuxedo für spezielle Anlässe braucht. Die Lächerlichkeit scheint unbezwingbar.

Eine Menge toter Fischbabies

Dann ist es so weit: Wir steigen aus dem nagellack-artigen Nissan Sentra, ich reiche dem Portier die Autoschlüssel. Geschmeidig wie in Zeitlupe bewege ich mich durch die Oberklasse-Mengen in einem von Lorenas Papa geborgten Tuxedo. Wir sagen hier und dort hallo und betreten die Apereitiv-Halle. Allein der Empfang ist ein Abendessen: Leckereien wie Kaviar, Lachs, Früchte, belegte Brote (selbstverständlich mit Lachs und/oder Kaviar garniert), 20 verschiedene Käsesorten … und so weiter und so fort. Kavier schmeckt wie schleimige, zerhäkselte Kuhfladen, viele Pensionistinnen schauen meinem übergrossen Mantel mit blinkenden Augen/Diamantenringen nach.

Wir werden in einen grossen, dunklen Ballsaal mit drei Ebenen begleitet, der mit pink beleuchteten Vorhängen und einem gigantischen, 4m hohen, 3-dimensionalen Blumenherz geschmückt ist. Wir werden an einen Tisch gesetzt und der Saal verdunkelt sich. “The one girl … she’s the daughter of this actress that is the mom in 7th Heaven!”, flüstert Lorena.

Alles in Pink und Lila beleuchtet, der dunkle Ballsaal sorgt für heitere Begräbnisstimmung

Alles in Pink und Lila beleuchtet, der dunkle Ballsaal sorgt für heitere Begräbnisstimmung

Hier sitzen alle gemieteten Freunde der reichen Kinder an einem Tisch

Hier sitzen alle gemieteten Freunde der reichen Kinder an einem Tisch

Die Mütter mit Männervornamen

“7th Heaven” ist der Originaltitel von “Eine himmlische Familie“. Die Schauspielerin der Serienmutter soll angeblich heute Abend anwesend sein – awesome!
Dann beginnt ein halb verstorbener Gentleman in das Mikro zu röcheln: “Welcome … (keuch) … our this year’s debutants – and their (hust) mothers! Here they are: Misses William Richard Johnson! (Applaus, das Pärchen steigt die Stufen hinab) Misses Robert Adam Bentley! Misses Nathaniel Thomas Oaktree!”

Es folgen ein dutzend weitere Mütter – die mit “Misses” und dem Vor- sowie Nachnamen ihres Ehemanns angekündigt werden. Diese braven Mütter haben nicht mal ihren eigenen Namen, nur mehr den ihres Ehemanns. Ich lache mich innerlich kaputt bei der Vorstellung, was meine hardcore-feministische Soziologieprofessorin dazu sagen würde: Selbst ich als alter Chauvinist und Frauenheld war etwas angestossen, dass diese Ladies nicht mal ihre eigenen Namen verdienen, nachdem sie verheiratet sind.
Wie auch immer, nachdem die Mütter mit den Namen ihrer Ehemänner die Treppen herabgeschritten sind, bringen ihre Gatten sie zum Platz zurück.

Ich bin aufgeregt, diese Diva in Person zu sehen – und rein zufällig sitzt sie genau am Nebentisch, genau gegenüber von mir. Ich habe freie Bahn zur Beobachtung. Währen mich Lorena in den Rücken zwickt und versucht, mir irgendwelche Manieren aufzuquatschen, lache ich mich ins Fäustchen, als die Diva sich auf ihren eigenen Fuss setzt (diese Art halber Schneidersitz)… was für Manieren. Sie quatscht mit ihren Nachbarinnen, beugt sich hin und her während alle anderen Gäste stocksteif gen Bühne starren. Catherine Hicks heisst sie. Ich mag sie schon allein deswegen, weil sie sich nicht die Bohne um Tischmanieren schert.

Das Mega-3D-Herz neben der vergleichsweise kleinen Band

Das Mega-3D-Herz neben der vergleichsweise kleinen Band

Ich und mein kleinwüchsiger Streitpartner (da mein kleiner Bruder einen Ozean entfernt ist, muss für Nachschub an Raufereien gesorgt sein)

Ich und mein kleinwüchsiger Streitpartner (da mein kleiner Bruder einen Ozean entfernt ist, muss für Nachschub an Raufereien gesorgt sein)

Ganz amerikanisch: Nach Rosen und Pferden kommen Wagenladungen von feinster Küche

Dann werden die Töchter angekündigt. Mit zwei ausgewählten Musikstücken als Begleitung schwebt jede Debütantin durch das Megablumenherz, schreitet die Stufen hinab, fällt vor ihrem Vater auf die Knie, er zieht sie hoch und lässt sie im Kreis gehen und sich dem Publikum zeigen – wie eine Stute auf der Pferdeschau. Das Mädchen, schief und unsicher-erstarrt grinsend, kehrt zurückt zu ihrem Oheim, welcher sie nach Applaus und Punktbewertung der Jury (na gut, das gab’s leider nicht) wieder die Treppen hochführt. Alle fünfzehn Mädchen werden dem Publikum vorgestellt, und dann ist die Show vorbei. Der nun zwei-drittel verstorbene Altdebutant wünscht allen einen guten Tag und eröffnet die wahre Fressorgie.

Wir essen locker eine Stunde lang. Tomatensuppe  mit Silberlöffeln, Schweinsfilets, gekochtes Edelgemüse, Eiskrem, Kuchen, Kaffee, Eiskrem. Dann noch ein Gruppenfoto. Dann noch ein bisschen Kichern über die Diva, und der Abend ist vorbei. Mann, bin ich froh, dass ich keine verfluchten 75$ für einen Tuxedo aus dem Fenster geschmissen habe!

Übersicht des antifeministischen, frohlockenden Treibens

Übersicht des antifeministischen, frohlockenden Treibens

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.