Thanksgiving mit einem Disney-Löwen

“Thanksgiving” heisst das weitest verbreitete Fest in Amerika, direkt neben Weihnachten – und so gut wie niemand hat eine Ahnung, warum man an diesem Feiertag im November Truthahn isst oder es Thanksgiving nennt..

Der Legende nach haben frühe Siedler auf der Ostküste ein Erntedankfest im Herbst gehalten und ein paar Indianer dazu eingeladen. Das war eine der wenigen friedlichen Begegnungen (danach wurden die Indianer ja bekanntermassen halb ausgerottet) – und da war man so stolz drauf, dass man ein Fest daraus machen musste.
Jetzt hat das Fest nichts mehr mit Cowboys und Indianern zu tun – sie wurden durch Truthähne und dicke Amerikanermägen ersetzt.

So viel Essen

Gemeinsam mit Lorena und ihrer Familie brausen wir hoch nach Bel Air, in das Haus in dem ich Lorena vor fast anderthalb Jahren zum ersten Mal getroffen habe. Im Haus wohnt ihre Freundin Katrine, die nur für Thanksgiving (wie viele andere Studenten) aus ihrer Uni in Boston über die Feiertage heimgekehrt ist. Alle umarmen sich, es werden frohe Grüsse ausgetauscht und Wagenladungen von Essen ins Haus gekarrt.

Innen warten bereits andere Familien, die ebenfalls ihre Berge von Essen auf den Multituden von Anrichten und Tischchen abgeladen haben. Eine reine Essensorgie.
Ich beginne mit ein paar Männern um die 50 herum über Autos und Europa zu quatschen. Bald wird mir wertfrei zugeflüstert, dass alle schwul sind – ich bin in Los Angeles schon lange genug, dass ich mich nicht mehr irgendwie homophobisch benehmen muss. Ich versuche nur ständig herauszufinden, wer der Partner von wem ist; die Herren lassen es sich aber nur schwer anmerken.

Während Lorena durch die Küche tanzt und der riesige, weiss-gelockte Hund des Hauses (wohl eher: Hauspferd.  Das Viech ist schliesslich 1,30m hoch und wiegt so viel wie ich) versucht, mir in den Hintern zu beissen, werden beide anwesenden Truthähne mit riesigen Klingen auseinandergeschnitten, auf dass der Saft durch die Luft spritzt und die kleinen Kinder neben der Anrichte “Oh!” und “Aha!” sagen. Ich plaudere weiter und unterhalte mich prächtig.

Arthurs reichlich gedeckte Tafelrunde vor dem Gelage

Arthurs reichlich gedeckte Tafelrunde vor dem Gelage

Der Truthahn aus einem besonders wohlriechenden Winkel

Der Truthahn aus einem besonders wohlriechenden Winkel

Seltsam, dass man in klassischen Mythen keine Hundspferde findet - hier ist eines der Wesen, "Gregory", bei Beutesuche in freier Wildbahn abgelichtet.

Seltsam, dass man in klassischen Mythen keine Hundspferde findet - hier ist eines der Wesen, "Gregory", bei Beutesuche in freier Wildbahn abgelichtet.

Plaudern über den Ur-Käfer

Einer der Männer in der Runde beginnt von einer Vorversion des VW Käfer zu reden; eine tschechoslowakische Produktion der späten 1930er, die sich in Form und Design seiner Zeit vorausbewegte und beinahe baugleich von VW abkopiert wurde (für Autoenthusiasten, es handelt sich um den Tatra 97).
Jedenfalls ist dieser Mann so angetan von dem Wagen, dass er unbedingt einen haben will. “If you see one when you come back to Vienna, give me a call!”
Alle in der Runde sind umfassend bereiste Gentlemen, die allerlei von Europa, Deutschland und Österreich wissen. Ich bin durchaus verblüfft.

Es kristallisiert sich langsam heraus, dass jeder einzelne in der Filmindustrie arbeitet. Bevor ich noch weiter nachsticheln kann, wird das Essen angekündigt.

Die Welt der Animation ist klein

König der Löwen 2 - den Co-Regisseur treffe ich zu Thanksgiving zwischen Bergen von Truthahn

König der Löwen 2 - den Co-Regisseur treffe ich zu Thanksgiving zwischen Bergen von Truthahn

Über den Verlauf des 2-stündigen Schoppens und Mampfens sitze ich an verschiedenen Plätzen und plaudere mit allen möglichen Gästen. Neben mir sitzt ein Mann mit kreisrundem Kinnbart, stachelig wachsenden Haaren und einer typischen, schwarz-glänzend gerahmten Regisseurenbrille. Er stellt sich als Rob vor und wir plaudern, angeregt durch die Killerphrase “So, how did you end up here, Toby?” ein wenig über Österreich und den Auslandszivildienst.
Nebenbei bemerkt er, für Disney zu arbeiten. “Oh, I directed a few movies for them … like Lion King 2 … some TV-episodes of Aladin …”
In meiner Vorstellung fällt mein Kinn auf den Marmorboden, in äusserer Erscheinung sage ich einfach nur: “Really?! That’s awesome!”

Wir kommen ins Gespräch – ich erzähle ihm von meiner bereits angestaubten 3D- und Animationsvergangenheit, er beginnt mir von Bleifstiften und handgemachter 2D-Animation an der Ostküste zu erzählen. Rob studierte damals (muss wohl knapp 25 Jahre her sein) in einer kleinen Filmschule in Upstate New York und bekam ein Angebot von seinem Professor, Teilzeit für seine kleine Animationsfirma zu arbeiten.
Mehrere Animatoren zeichneten dort alles Frame-by-Frame und konnten ihre Finger nur in der Mittagspause entspannen. Kameradschaftswegen ging man gemeinsam mittagessen – nur ein Sonderling blieb zurück am Zeichentisch, vertieft in das Skizzieren von spukhafte Charaktere. “Tim, we’re out for lunch, don’t you wanna come with us?”, fragten ihn die anderen Animatoren.

“I got stuff to do … can’t come …”, sagte der Animator und kritzelte weiter an seinen seltsamen Gruselfiguren.

Mitten in seiner Geschichte hält Rob inne und bemerkt: “You know, the guy I am talking about … that was Tim Burton.”

Mir bleibt die Spucke weg. Tim Burton hat damals also als Animator in einem kleinen Studio zusammen mit Rob Laduca gearbeitet. Die Gruselfiguren, die er damals entworfen hat, sind heute als Nightmare before Christmas bekannt.

You know Randy?!

Einer der Herren am Tisch, mit schöner Adventskranzglatze und schelmischem Grinsen, kommt auf verschiedene Filmfestivals zu sprechen. Ich frage ihn, ob er schon einmal im Hauptgebäude der Academy war, er meint: klarerweise, ich erzähle dass ich von jemandem dorthin einmal eingeladen wurde, er fragt von wem, ich sage von Randy, dem Direktor des Educational Deparments.

“REALLY! Remember him, Rob? Randy from the Academy? I worked with him at CBS a long while ago! Haha, what a coincident … you know what, I haven’t talked to him in a long while, let me call him!”
Es ist elf Uhr Abends, und jener Herr (seinen Namen habe ich in meiner grossen Zehe vergessen) zückt das Handy und ruft Randy an. Voicemail.
“Hey Randy! Guess what, I just felt like calling you … Happy Thanksgiving! Hope everything is fine… I am sitting here with Rob LaDuca and this Austrian … (fllüster) .. what was your name again?” Er sieht mich an, während er das Handy mit der Hand abdeckt. “Toby”, sage ich. “Right, right, I am sitting here with Toby, he told me he met you, an Austrian student who studies at SMC … well, alright, call me backkkkkk!” – und hängt auf. Die müssen sich wohl gut kennen.

Nach dem Essen lädt mich Rob ein, einmal bei den Disney-Animationsstudios vorbeizuschauen. Er arbeitet dort nun als Executive Producer an einer neuen Mickey-Serie für den Disneychannel. Gut, dass das Essen vorbei ist, sonst hätte ich mich glatt am Truthahn verschluckt.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.