Filmproduktions-Abschlussmappe in 5 Stunden

Kennen Sie das Gefühl im Magen, werter Leser, wenn Sie eine grosse Aufgabe vor sich herschieben, bis dann der Tag der Abrechnung gekommen ist? Ganz genau dieses Gefühl habe ich – denn in meiner Filmproduktionsklasse steuern wir auf die Finals zu, sprich, die Semesterabschlussarbeiten. In manchen Klassen ist diese Abschlussarbeit ein Test, in manchen ein Aufsatz oder eine mehrseitige Forschungsarbeit.

Unsere finale Aufgabe in FILM30 – Film Production ist es, ein komplettes Press-Kit für einen fiktiven Kurzfilm herzustellen. Ein Press Kit beinhaltet folgendes:

  1. Ein Cover, zB Filmposter
  2. Kurzbiographien und Fotos der Hauptdarsteller
  3. Kurzbiographien von Regisseur, Cinematograph und Produzent
  4. Eine Synopsis
  5. Eine genauere Analyse/Erklärung (Treatment) des Films
  6. Ein Budget
  7. Einen Aufnahmekalender (Shooting Schedule)

Also, ganz schön viel auf einmal. Ich entscheide mich, als fiktiven Film eine Geschichte zu wählen, die ich spontan in der Filmproduktionsklasse erfunden habe: Ein kleiner Junge folgt seiner tiefsten Begierde; einen bestimmten roten Ballon zu besitzen.

Ich mache einfach die Nacht durch, oder!

Es ist knapp 23:00, Los Angeles und der zugehörige Verkehr fällt in tiefen Schlaf, während ich vor meinem Computer sitze und mich selbst überrede, einfach die Nacht durchzuarbeiten. Am nächsten Tag muss ich dann für mein Soziologie-Final lernen, das Pressekit in der Filmproduktionsklasse einreichen und von dort zur Soziologieklasse sausen, um das Final zu schreiben.
“20 Minuten Powernap, und dann geht es los!”, sage ich mir, stelle den zugeklappten Laptop vor mich in das Wohnzimmer und schlafe auf dem harten IKEA-Stuhl ein. Wenige Minuten später, bereits im schnarchenden Tiefschlaf, werde ich von meiner Roommatin Liezl (so wie Lieselotte, bloss anders) geweckt. Etwas beschämt, dass ich in Boxershorts am Esstisch herumschnarche und völlig schlaftrunken, wünsche ich ihr eine gute Nacht und schlurfe in mein Bett, in welches ich wie ein Felsbrocken falle.
Das Studentenleben ist einfach hart.

… chrrrrr ….

Ding-Dong, ihr Traumalarm! Ich wurste im Bett herum. Wo zum Henker ist mein Handy?
Ich klappe es auf. Es ist 7:55 morgens. WAH! Um 12:45 muss ich meine Abschlussarbeit einreichen (kreisch), und bis auf ein bisschen Fotogesuche für das Cover und eine kurze Synopsis habe ich noch gar nichts! FUCK!

Scheisse Meister, jetzt aber hurtig

Manchmal arbeite ich gut, wenn ich unter Stress stehe. Ohne wirkliches Frühstück, geschweige denn Duschen, beginne ich, auf die Tastatur meines Filmes einzuhämmern. Wie in Trance arbeite ich ohne Ablenkung für die nächsten fünf Stunden, kaum merkend, dass ich in Boxershorts und Bademantel im leicht abgedunkelten Wohnzimmer hocke, während andere Studenten bereits ihre fertig ausgedruckten Pressekits in ihre Taschen packen.

"Film Budgeting" und "Film Scheduling" von Ralph Singleton: Zwei exzellente Oldschool-Bücher über die Kunst des Planens und Durchführens eines Budgets bzw. Zeitplans. Informativ und gleichzeitig zum ins-Fäustchen-Lachen; beispielsweise Regel Nummer 3 des Film Scheduling: "Always C.Y.A. - Cover Your Ass."

"Film Budgeting" und "Film Scheduling" von Ralph Singleton: Zwei exzellente Oldschool-Bücher über die Kunst des Planens und Durchführens eines Budgets bzw. Zeitplans. Informativ und gleichzeitig zum ins-Fäustchen-Lachen; beispielsweise Regel Nummer 3 des Film Scheduling Buches: "Always C.Y.A. - Cover Your Ass."

Auch wenn ich noch nie ein Budget erstellt habe – jetzt muss ich mit kreativer Vorstellung ein 50.000$+ Filmbudget im Kopf erfinden, das mit den einzelnen Szenen korelliert. Gut, dass ich so gut wie beide Klassenbücher gelesen habe; das eine handelt über Zeitmanagement in Film, das andere über Budgetierung.

Buch: Film Budgeting

Buch: Film Scheduling

Ich erfinde alle Szenen auf Papier, ohne Skript oder echte Szenennummern, lege gleiche Orte zusammen, gleiche Wetterstimmungen, gleiche Schauspieler. Um Kosten und Zeit zu sparen, muss manals Filmemacher alle Szenen, die am selben Ort und zur selben Tageszeit spielen, gemeinsam drehen, anstatt der Szenenreihenfolge nach zu drehen; so muss man das Lichtsetup eines Ortes nur einmal aufstellen, und braucht nicht ständig herumzureisen.

Ich schustere eine Shooting Schedule in Excel zusammen, suche im Internet nach passenden Schauspielern, tippe hier, tippe da, und plötzlich ist es dann 12:45, und ich habe alles fertig.

Dank Lorena druckt alles wie geschmiert

Schnell noch in ordentliche Kleidung hüpfen, und schon brause ich nach kurzem Herzensdame-Telefonanruf mit dem Firebird zum Büro von Lorenas Mutter, in dem ich gratis Drucken darf. Das Cover sieht auf Papier überraschenderweise besser aus. Ich rase zu einem Office Depot-Schreibwaren-Megageschäft, hole mir einen Folder, und rummtatata, ab gehts zum Campus. Keuchend gebe ich der Professorin meine Arbeit und meinen Mitstudenten den Wunsch für ein schönes Leben – und ab gehts wieder zurück nach Westwood, wo schon Lorena mit einem kopierten Kapitel über Hardcore-Feminismus auf mich wartet.

Habe ich Sie nun in tiefe Entspannung versetzt, werter Leser?
Gut, dann sind Sie wohl bereit für das nervenzerfetzende…

Pressekit: “The Red Balloon” – ein fiktiver Film

[… kommt morgen] Hier zu Lesen

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.