Finals, Durchfall und Kotzen

Das Herbstsemester 2009 kommt zu einem Ende – ich bin mir bewusst, dass es bereits Jänner ist, aber ich war so beschäftigt, dass der Blog (unentschuldbar in Gegenwartsform geschrieben) nun zwei Wochen hinterherhinkt. Hanswurst.

In den USA gibt es am Ende jedes Studienabschnitts sogenannte Final Exams. Diese bestehen oftmals aus einem Multiple-Choice-Scantron-Test (wie lahm), einem Abschlussessay, einer Abschlussarbeit oder einer Kombination der drei. Alle Finals finden innerhalb von 10 Tagen statt, und man hat keine regulären Klassen während dieser Zeit; oftmals werden die Finals auch andere Wochentage als üblich verlegt. Hier jedes der Finals – Soziologie, Golf, Broadcasting, Filmproduktion, Internationale Studenten und Spanisch.

Soziologie Final – oder auch nicht

Meine Soziologie-Klasse im Herbst 2009

In Soziologie hatten wir etwa fünf multiple-choice und auch schriftliche Tests über das Semester hinweg. “If you have an A in the class at the time of the final, you don’t have to show up”, brüstet sich unsere Soziologieprofessorin wie ein Armeegeneral.
Tatsächlich war diese Klasse mehr eine Lektion in Sachen Irakkrieg als es eine aufklärende Geschlechter-Vorlesung. Das benötigte Buch, geschrieben von Michael S. Kimmel, “The Gendered Society“, war eine durchgehende Verweichlichung jeder Geschlechterunterschiede und zielt auf ein relativ androgynes Verständnis der Gesellschaft hin. Meiner Meinung nach sollte man Unterschiede zwischen Mann und Frau kultivieren und zelebrieren, anstatt jedermann und -frau als geschlechterlos zu betrachten.
Wie auch immer. Das Soziologiefinal findet am selben Tag wie der Einreichtermin des Soziologiefinals statt; Lorena und ich pilgerten am Vortag zu einer Vorbereitungs-Session und einer Sprechstunde, bei der wir unsere Noten herausfinden sollten – die Professorin war allerdings nicht anwesend.

Kaum komme ich also zurückgehetzt von meinem Filmproduktions-Einreichtermin kreischt Lorena vor Freude und zeigt mir eine Email: “You have an A in the class, you don’t have to come to the final.”
In meiner Email-Inbox ist keine Spur von Soziologie – ich schreibe der Professorin eine Email nach der Masche “Hey, Lorena hat nen Einser bekommen, wie siehts mit mir aus?”. Warten, warten.
Und plötzlich die Antwort: Ich habe auch ein A, kein Final nötig. Mein Gott, bin ich froh, nicht für weiteren Hardstyle-Feministenkram büffeln zu müssen.

"The Red Balloon", ein Kurzfilm über wahres Verlangen. Das Cover besteht aus verschiedenen Stockfotos.

"The Red Balloon", ein Kurzfilm über wahres Verlangen. Das Cover besteht aus verschiedenen Stockfotos.

Filmproduktions-Final

Meine Filmproduktions-Klasse im Herbst 2009

Um 7:55 wache ich auf. Komplett verschlafen. Und in 5 Stunden muss ich auf dem College sein und ein komplettes Pressekit abliefern…:

Link zur stressigen Herstellung

Für die, die gerne selber Filme präsentiern/pitchen wollen und noch nie ein Pressekit gesehen haben – hier finden Sie Cover, Inhaltsverzeichnis, Minibiografien der Schauspieler, Minibiografien der Crew, Synopsis, detailliertes Treatment, das Budget und die Zeitplanung für “The Red Balloon”:

Link zum Pressekit “The Red Balloon”, das Endprodukt

Golf Final -hier wird Wissen nach Asien exportiert

Meine Golf-Klasse im Herbst 2009

Acht Uhr morgens. Strotzgesund watschle ich in das kleine Cafe direkt neben dem Golfplatz, in dem unsere Professorin das Examen abhält. Mit meinen Ellbogen auf weisser Tischdecke kritzle ich Antworten zu “Was ist ein Putt? Wie führt man einen Putt aus?” und “Was ist ein Chip? Wie führt man einen Chip aus?”

(Zur Erinnerung für alle, denen diese Worte kein Begriff sind: Die Kunst des Golfens – eine Checkliste)

Kinderleicht, nichts lieber als das … nach etwa fünf Minuten tippt mir ein Bekannter aus China auf die Schulter. “Toby! Here, come!” – und deutet auf seinen Tisch. Ich sitze doch schon so bequem … “Just sit next to me, that’s ok”, rate ich ihm und gebe ihm zu verstehen, er kann gerne von mir abschreiben.
Hier in den USA sind sie alle so pingelig wenn es zum Abschreiben kommt (sogar von Hausaufgaben) – hey, wir sitzen hier nicht gerade in der finalen Prüfung für Herzchirurgen, also wen schert es ob einer der Mitstudenten im selben Boot schummelt oder nicht…

Nach etwa zehn Minuten bin ich fertig, während mein chinesischer Freund noch emsig an meinen englischen Satzkonstrukten tüftelt. Es kommt oft vor, dass ausländische Studenten Probleme mit ihrem Englisch haben, denen greife ich immer gerne unter die Arme. Ich gehe schnell eine gelbe Stange Salz auf das Pissoir stellen – und als ich zurückkomme, sitzen drei weitere Studenten aus Südostasien rund um meinen Test herum. Ich lache mir gerade noch ins Fäustchen, da kommt schon unsere Golflehrerin. Shit. “aaaaahh … this isn’t groupwork guys … whose test is that? Thomas?” “No, it’s mine” “Toby, get outta here, go putting, will ya!”

Draussen muss ich sechs Bälle auf etwa drei Fuss Distanz in sechs Löcher einlochen, mit maximal 2 Puts. Das Grün hat ein Gefälle, trotzdem komme ich mit den vorgegebenen Puts aus. Jetzt geht es zum Chipping – wer sich erinnert, das sind Schläge die im Nähe des Grüns ausgeführt werden und den Ball in steilem Bogen mit kurzer Rolldistanz in die Nähe des Lochs bringen sollen. Nach mehreren sehr erfolgslosen Anläufen (Chips waren noch nie meine Spezialität) ruft mich die Golflehrerin auf … und wie von Magie schiesse ich jeden der Bälle nahe genug zum Loch. Keine Ahnung, wie das passiert ist, aber mein Notendurchschnitt wird es mir danken…

Der Westchester Golf Course im Morgengrauen - zu dieser Zeit haben wir unsere Abschlussprüfung.

Der Westchester Golf Course im Morgengrauen - zu dieser Zeit haben wir unsere Abschlussprüfung. Wer sich übrigens über den dunklen Verlauf am oberen Rand des Fotos wundert - das ist mein Zeigefinger, der dem Gegenlicht entgegenwirkt - um den Himmel nicht ganz weiss erscheinen zu lassen.

Broadcasting Final, bitte einmal auswendig lernen

Meine Broadcastung-Klasse im Herbst 2009

Etwa zwei Wochen vor unserem Multiple-Choic-Scantron-Test in Broadcasting beginnt Josh, kalte Füsse zu bekommen. Prinzipiell müssen wir etwa 250 Fragen, die wir während dem Semester in verschiedenen Tests gefragt wurden, auswendig lernen und bei dem 50-100-Fragen Final beantworten. “It’s gonna be so hard Toby, have you already started studying?!”
“No Josh, I mean … it’s only the questions we should have already known…”

Ein paar Tage vor dem Final Exam laufe ich Josh über den Weg. “Toby, I know every single question and its answer by heart. I mean, some other people tested me and they were blown away. Seriously, I’ve been studying since last week. It’s crazy.”

“Oh Josh … I haven’t even looked at the questions yet. I’ll take the later exam, I have too many finals this week.” (Uns wurde die Freiheit gegeben, zwischen zwei verschiedenen Terminen zu wählen; ich entscheide mich, als fauler Sack, der ich bin, natürlich für den späteren Termin – während Josh sich für den früheren kaputtgestrebert hat.)
Josh, clever und organisiert wie er ist, hat alle seine Tests aufgehoben, samt des Professors Korrekturen – und hat damit alle Fragen auf einmal lernen können.

Ich, komplett unorganisiert, borge mir am Vorabend des Tests seine Lernunterlagen aus; ich habe meine komplette Mappe mit ALLEN Aufzeichnungen des Semesters ein paar Tage zuvor verloren. Am Vorabend des Finals verschwitze ich, zu lernen, am Morgen wache ich zu spät auf, sodass meine einzige Lernzeit für das Broadcasting-Final während der 20-minütigen Busfahrt zum College stattfindet. Ich treffe ein paar Bekannte, und versuche eine Balance zwischen Gespräch und Lernen zu halten. Ich mache allerdings eine schreckliche Entdeckung: Josh hat ein paar Fragen falsch beantwortet. Rein aus meinem Allgemeinwissen sehe ich, dass seine schwarz-auf-weiss-Aufzeichnungen Fehler aufweisen. Armer Josh, jetzt hat er zwei Wochen lang mit falschen Antworten gestrebert.
Um den Schaden auf meinen Test zu minimieren, überspringe ich Kapitel, in denen ich den Inhalt einfach aus allgmeinem Interesse weiss – Licht, Regie usw. – und lese nur Josh’s Antworten über Audio, Switchboards und Kabeltypen.

Angelang im Klassenraum des Finals – zehn Minuten zu spät, der Raum ist mit etwa 40 Leuten fast voll – setze ich mich vor den Test, der irgendwo zwischen 50 und 100 Fragen stellt. Auch wenn ich den Test als mittelschwer empfinde, ich wette, Josh hat dank seiner Auswendiglernerei einige der Fragen falsch beantwortet, und ich kann ihm da nicht mehr weiterhelfen. Ich rufe ihn nach dem Test an:

“Hey Josh! I just got out of the Broadcasting Final … thanks for lending me your Quizzes… it was pretty easy.”
“Yeah, it was pretty easy for me too, since I knew all the answers, right!”
Ich überlege eine Sekunde. Soll ich ihm sagen, dass seine Lernunterlagen nicht ganz korrekt waren?
“Josh … shall I bring the quizzes to your house?”
“No, no, I don’t need them… just throw them away.”
“Alright, see ya later mate!”

Josh wird für die komplette Wintersession nach Chile fliegen – ich mag ihm den Trip nicht mit apokalyptischen Voraussagen vermasseln. Have a good flight, mate!

“Final” für internationale Studenten

Meine Internationale Studenten-Klasse im Herbst 2009

Dieses Final Exam erwähne ich nur der Komplettheit halber; zum Einen ist es lächerlich einfach (Fragen inkludieren Klassiker wie: “Wie berechnet man einen Notendurchschnitt?” “Wo am Campus kannst du Hilfe suchen, wenn du ein persönliches Problem mit einem Professor hast?”) , zum Anderen sammelt die Professorin die Tests mit den Worten “This was only for your own knowledge; it will not count towards your grade” ein. Das war wohl die entspannendste Klasse von allen; und auch wenn so einfach, hilft sie jedes Semester den neuen internationalen Studenten, Freunde zu finden und ein besseres Verständnis für das schräge Bildungssystem der USA zu bekommen.

Final in Spanisch (Inklusive Durchall und Kotzen)

Meine Spanisch-Klasse im Herbst 2009

Am Vorabend des Spanisch-Finals ruft mich Lorena nach unserem gemeinsamen Abendessen an: “Toby, I just threw up two times… I feel sooooo bad”. Mein Magen fühlt sich auch etwas wackelig an; Scheiss Lean Cuisine, eines dieser gesunden, tiefgefrorenen Mikrowellengerichte, das Lorena und ich zum Dinner verputzt haben.
Lebensmittelvergiftung.
Kaum graut der Morgen, wache ich mit flauem Magen auf und kotze schwallend direkt neben dem Bett in meinen kleinen, gelben Abfalleimer  (in dem üblicherweise meine kiloschweren Popel landen). Dann speibe ich noch ein wenig ins Klo – und kaum ist mein Magen leer, muss ich Stellung wechseln und auf die Kotze im Klo ein wenig Durchfall regnen lassen.

Verglichen mit allen anderen Klassen fällt Spanisch mit fünf Units ins grösste Gewicht meines Zeugnisses (alle anderen Klassen hatten 3 Units, Golf hatte nur 1 Unit). Jetzt, am Tag des durchaus herausfordernden Finals, rotzt es mir allerhand Zeug aus meinen Körperöffnungen; das Timing könnte nicht besser sein.
Obendrauf ist heute Abend ein Wendepunkt meines neuen Dokumentarfilms den ich auf keinen Fall verpassen kann [ein Blogpost wird folgen], zeitgleich mit meinem Spanisch-Final.

In meinem Kopf falten sich verschiedene Optionen auf:

  1. Trotz Durchfall und Übelkeit zum Spanisch Final auftauchen und dann Filmen gehen
  2. Das Spanisch-Final versuchen, nachzuverlegen und mich voll und ganz dem Filmen widmen
  3. Alles sausen lassen

Nummer 3 ist die Lösung für Pussies, also schon mal von vornherein ausgeschieden. Nummer 1 scheint mir zu unsicher; ich will eine gute Note in Spanisch bekommen und sie mir nicht mit Konzentrationsschwäche dank Durchfall wortwörtlich verkacken.
Es ist fünf Uhr nachmittags, stockfinster in Los Angeles. Ich stehe vor der Spanisch-Klasse, mit übertrieben-krankem Gesicht. Wenn ich meine Professorin von einem verschobenen Final überzeugen will, muss ich schon richtig krank aussehen. Ich entdecke sie, die Betontreppen des modernen “Humanities and Social Sciences”-Gebäudes hochstapfend.
“One question … I had food poisoning last night, threw up in the morning and had diarrhea all day, would it be possible that I take the final on another day?”
“Toby … you bring me in a tough situation here, I mean, that would be unfair towards all your classmates … is it really so bad?”
“Yes … (keuch)”
“Alright, we need to figure something out. It’s okay … I will find a solution, somehow …”

Sie geht in die Klasse hinein. Und ich habe ein riesig schlechtes Gewissen. Mein Gewissen ist echt ein Hund – also betrete ich die Klasse und versichere ihr, dass ich trotz meiner Darmschwäche zum Final antreten werde. So mache ich ihr Leben einfacher und bringe das wohl schwerste Final dieses Semesters hinter mich.
Während des Finals renne ich zweimal aus der Klasse, um das Klo zu verunstalten.

Mit einem flauen Gefühl im Magen verlasse ich die Klasse – aber dafür mit gutem Gewissen. Eine Woche später bekomme ich diesen Zettel zu sehen…:

Trotz Durchfall und Übelkeit rasple ich mein Final mit knapp 90% ab und bekomme ein "A-" in meiner Spanischklasse. Durchfall unterstützt Lernerfolg!

Trotz Durchfall und Übelkeit rasple ich mein Final mit knapp 90% ab und bekomme ein "A-" in meiner Spanischklasse. Durchfall unterstützt Lernerfolg!

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.