Exodus

Gnel ist ein Mann, den ich vor fast einem Jahr kennenlernte. Damals war er über ein Schachbrett gebeugt und spielte wie ein Weltmeister, das zerzauste Haar unter seiner Snowboardhaube hin-und herwehend. Er rauchte eine Zigarette und setzte die Schachfiguren mit routinierter Bewegung seiner stark behaarten Finger auf das Brett.

Ich war gerade in der Mitte meiner Selbstfindung – mein Auslandsdienst war vorbei und ich wollte einen Grund finden, in Los Angeles zu bleiben. Zu diesem Zeitpunkt war ich in der Mitte meines bisher unveröffentlichten und grössten Fotografieprojekts, “People of LA”. (dieses Projekt ist nirgendwo sonst im Internet zu finden/verlinkt)

Nachdem ich Gnel über einen Snapple-Eistee etwas besser kennenlernte, lud er mich in sein Apartment ein, um ihm bei dem Buch zu helfen, das er gerade über sich und das Leben schrieb. Ich sollte sein persönlicher Fotograf werden und würde etwas vom Kuchen abbekommen. Ich traf ihn über mehrere Wochen hinweg immer wieder für Fotoshoots seines unendlich dreckigen Apartments oder einfach nur zum Plaudern.

Vom Fotografieren zum Filmen

Als ich ein halbes Jahr später das Herbstsemester am Santa Monica College begann, auf soon-to-be Cinematograph Josh traf und wir beide nach einem Subjhekt suchen, über das wir einen Dokumentarfilm drehen könnten, fiel mir Gnel wieder ein. Ich rief ihn an und bekam seine Zustimmung, einen Dokumentarfilm über ihn zu machen. Aus verschiedenen Terminschwierigkeiten heraus entschlossen Josh und ich uns, zuerst etwas auf der Strasse zu trainieren, bevor wir den Dokumentarfilm über Gnel begannen – dieses Training auf dem Gehsteig wurde schliesslich zu “Faces of Venice“.

Über den Verlauf der Filmarbeiten an Gnel’s Dokumentarfilm geriet dieser in immer grössere finanzielle Schwierigkeiten und verbrauchte schliesslich seine Ersparnisse (die ihn für fünf Jahre am Leben hielten). Durch die Hilfe von Freunden, die er von früheren Zeiten und dem Schachspiel kannte, konnte er sich vier weitere Monate ohne jegliches Eigenbudget Geld borgen und seine Miete bzw. Lebensmittel bezahlen. In den letzten Wochen ging es dann immer mehr und mehr bergab, dann kam eine Mahnung der Hausverwaltung – und schlussendlich ein Schreiben, dass er die Miete für zwei Monate nicht zahlen konnte – und ausziehen muss.
Genau diesen Auszug muss ich dokumentieren.

Spanischer Exodus mit flauem Magen

Wie bereits im vorigen Blogpost erwähnt, hatte ich an jenem ereignisreichen Tag Durchfall und Erbrechen, sowie mein Spanisch-Final. Kehren wir zurück in die Gegenwart: Ich stehe in der Dunkelheit, immer noch etwas taumelig von all meinen arschigen Ergüssen und der Konzentration, die ich im Spanischfinal aufrecht erhalten musste. Ich laufe ein Gebäude weiter in den zweiten Stock hoch, wo Josh als “Language Lab Assistant” Leuten bei ihren Sprachkenntnissen für 8$ pro Stunde aushilft. Josh hat keine Zeit, mit mir filmen zu gehen, also vereinbaren wir, dass ich seine Kamera ausborgen darf und sie ersetzen muss, falls ich sie aus Versehen zum Teufel schicke. “Please be careful with it”, flüstert Josh, um von seinem Supervisor nicht gehört zu werden, “I worked a year only to get it. It’s really important to me.”
“Sure thing Josh, I’ll treat it like my own eyeball!”

Mit dem Firebird geht es durch die – für LA-Verhältnisse – eiskalte Nacht in Richtung Nordosten, in Richtung Hollywood. Ich parke mein Auto und laufe schwer beladen mit Reflektor, Baulicht, Kabeln, Klebeband, Fotokamera und Filmkamera in Richtung des Gebäudes, in dem Gnel heute zum letzten Mal schlafen wird; morgen früh muss er sein Apartment geräumt haben. Bereits in der Garage des grossen Apartmentgebäudes treffe ich auf ihn und einen Freund, den er vom Schachspielen kennt. Dieser hat einen Van mitgebracht, in dem sie Gnels Habseligkeiten abtransportieren. Es ist eine traurige Szene; Gnel’s wichtigster Besitz abgesehen von seinem Auto ist ein Computer und ein Schreibtisch. Der Schreibtisch ist im Endeffekt zu gross und wir nehmen ihn nicht mit.

Mit flauem Magen folge ich Gnel und seinem Freund in das Fastfood-Restaurant Panda Express und fülle meinen nüchternen Magen mit südostasiatisch inspiriertem, fettigen Amerikanermampf. Gnel kann sich kein Essen leisten; sein Freund spendiert ihm eine Box orange-saftige Hühnchenteile. Weiter geht es zu einem anderen Schachfreund von Gnel, einem zurückgezogen lebenden Herrn mit Wampe und Brille, dem meine Filmerei nach einer Zeit merklich und doch unbemerkt auf den Geist geht. Er nimmt Gnels Computer entgegen – und die Türen schliessen sich hinter uns. Alles was bleibt, ist Gnels mit Zigarettenmuff zugepacktes Auto. Wenn ich morgen in meinem Bett aufwache, mich in die Dusche stelle, Gewand aus meiner Garderobe anziehe, Milch aus meinem Kühlschrank hervorhole und die Tür hinter mir ins Schloss fallen lasse, wird Gnel auf der Strasse sein.
“You understand what hopelessness is, man?”, höre ich ihn sagen.

Gnel in the elevator after storing all his belongings in a friend's house

Gnel in the elevator after storing all his belongings in a friend's house

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.