
Im Kontrollraum des "Broadcasting Studios" am SMC: Eine umfunktionierte Abstellkammer gibt der Regie die nötige Privatsphäre. Im Vordergrund Kabel und Bildschirme, die ich (hoffentlich dauerhaft) mit farbigem Isolierband markiert habe.
Auch wenn in diesem Blog das Herbstsemester 2009 abgeschlossen ist, so hänge ich eine Gruppe an Erfahrungen nachträglich an: Das Fernsehshow-Machen in der Broadcasting-Klasse.
Am Anfang der Klasse geben wir unsere Interessensgebiete innerhalb der Produktion bekannt (Editor, Regisseur, Produzent, Showmaster etc.) und werden vom Professor basierend auf diesen Angaben in Gruppen eingeteilt. Jede Gruppe entwickelt gemeinsam ein Show-Konzept und filmt kleinere Clips ausserhalb der Klasse sowie die eigentliche Show in der Klasse. Da sich die Gesetze über die Zeit änderten, stehen dem Santa Monica College die öffentlichen Studioeinrichtungen von Time Warner nicht mehr zu und wir müssen unsere Show statt in einem echten Aufnahmestudio im etwas suboptimalen Klassenzimmer drehen. Für den Zweck dieser Produktionen wurde vor wenigen Jahren ein Abstellraum nebenan als Kontrollraum eingerichtet; dort werden alle Kamerastative, Props, Greenscreens, Hintergründe, Tische, Kabel, Bildschirme usw. gelagert.
Vom Kabelwirrwarr zur Ordnung
Bei jeder der Produktionen hat man freie Wahl, ob man faul herumsitzt oder etwas macht. Ich, lerngierig, laufe am Set herum und versuche alle Arbeitsschritte verschiedener Abteilungen zu verstehen. Früh stellt sich für mich heraus, dass jedes Team an die 20 Minuten ihrer Drehzeit während dem Setup verlieren weil Leute nicht wissen, welches Kabel zu welcher Kamera gehört. Drei Kameras, drei Bildschirme im Kontrollraum, drei lange Kabel. Zwei Mikrofone, zwei Eingänge im Kontrollraum, zwei weitere Kabel.
Jede Kamera bzw. Bildschirm und jedes Mikrofon haben eine Farbcodierung: Rot, Grün und Blau für die drei Kamera-Bildschirmpaare, orange und violett für die Mikrofone. Ich sehe, dass weder Bildschirme noch Kabel farblich markiert sind und bitte den Professor um farbiges Isolierband – er bringt mir alle fünf nötigen Farben und plötzlich ist der Kabelwirrwarr gelöst. Einfache Selfmade-Lösungen wie diese sparen enorm Zeit am Set und machen es einfacher, Fehler ausfindig zu machen.
Lernen von den Fehlern Anderer
Bei manchen der Projekte borgt sich das Team einen Regisseur aus einem anderen Team aus; in dem ersten Projekt darf ich bei einer anderen Gruppe “Cut to 1″, “Cut to 3″ schreien. Glücklicherweise ist meine Gruppe die letzte an der Reihe in der 5-wöchigen Aufnahmeperiode; von den Fehlern und Erfolgen der vier zuvorfolgenden Gruppen kann ich eine Menge lernen:
- Da wäre zum Beispiel der gestresste, wütende Regisseur, der alle unter Druck setzt und eine miefige Stimmung am Set verbreitet – und mit der Arbeitsmoral die Qualität senkt
- Der Sonnenscheinchenregisseur, der anstatt zwischen den drei Kameras hin- und herzuschneiden nur lächelnd auf einen der Bildschirme starrt
- Das unorganisierte Team, das nicht genau weiss, wann was zu schiessen ist und manche Szenen nicht oder nur unzureichend in den Kasten bekommt
- Das gelangweilte Team, das den Standardhintergrund, das Standardlicht und die Standard-Kameraaufstellung benutzt
- Die Technikschussel, die ewig für das Aufbauen des Sets brauchen und kostbare Drehzeit verschwenden
- Die Vergesslichen, bei denen gewisse Gegenstände am Drehtag fehlen und verschiedene Gags ohne Pointe bleiben
- Der verwirrte Regisseur, der Kameras verwechselt und sich nicht mit der Technik auskennt; demenstprechend keine technischen Fehler selbst reparieren kann

Während einer der TV-Produktionen: Studenten befestigen Softbox-Lichter auf einem portablen Gerüst.
WHOOP’D

Eines der SMC-internen, fahrbaren, sehr robusten Stative für unsere TV-Produktionen
Unser Projekt heisst “Whoop’d”, benannt nach unserem Shomaster Whoopie. Wie schon in einem Artikel über eine brenzlige Aussenaufnahme mit versteckter Kamera erwähnt, dreht sich unsere Fernsehshow um Gags und versteckte Kamera-Scherze. Im Klassenraum drehen wir vor Greenscreen, in der Hoffnung, uns von anderen Gruppen absetzen zu können, die durchwegs vor einem blauen, teppichartigen Aufklapphintergrund gedreht haben. In meinem Kopf läuft alles perfekt ab; schliesslich haben andere Gruppen schon genug Fehler gemacht. Ich plane die Aufnahmen, markiere das Skript mit Farben und Boxen, um verschiedene Sendeblöcke herauszutrennen. Es wird zwei oder drei Werbeunterbrechungen geben, und ich möchte per Interkom genaue Anweisungen in den Klassenraum geben.
Ein Mädchen in meiner Gruppe fragt mich bettelnd, ob sie Regisseur sein kann. HELL NO. Sie hat schon bei den Aussenaufnahmen genug herumgemurkst, und das typische “lass mich mal machen”-Syndrom geht mir mächtig auf den Sack, wenn der Bittsteller offensichtlich nur den Hauch einer Ahnung hat. In der Hoffnung, alles in Ruhe und Frieden machen zu können, gebe ich ihr den Posten des Stage Managers – die Person, die den Regisseur auf dem Set vertritt und Anweisungen bzw. Zeichen an das Talent weitergibt. Mit jedem der Kameramänner bin ich per Intercom verbunden, bloss mein Stage Manager steht ohne Kopfhörer da.
“Here, those are the different blocks that we will shoot today. You are familiar with the script, right?”, sage ich. Das Skript habe ich grossteils basierend auf das Gruppen-Brainstorming selbst geschrieben und vor Tagen per Email versandt. “Yeah, yeah, of course Toby!”
“So in the segment where Whoopie talks about the Jedi knights, we will need a chair.”
“Uhm, what do you mean? Why?”
“Because we will have an interview…?”
“Oh. Ok. I didn’t know.”
Nervtötend. So geht es dann über die gesamte Aufnahme hinweg; ich gebe Anweisungen in den Aufnahmeraum (über die Interkom der Kameraleute), woraufhin sich mein mühsamer Stage Manager entweder eines der Headsets klaut und selbst Anweisungen geben möchte, oder komplett falsche Anweisungen an unseren Showmaster gibt und fette Verwirrung stiftet. Meine Sonnenscheinchennatur wird von ein paar Wolken getrübt, und als in einer Szene für drei Minuten alle herumstehen, bloss weil jeder zu lahm ist, einen Stuhl aufzuklauben und vor den Greenscreen zu stellen, rufe ich ins Mikrofon “Damn, is it so hard to get a chair? Can please someone get a chair on the left side of the screen? Ah!”.
Falsche Entscheidung. Zwar wirft mir niemand etwas im Nachhinein vor, aber ich weiss ganz genau, dass dieser milde Auszucker nicht nötig war und mehr Schaden als Gutes anrichtet. Für die Zukunft weiss ich jedenfalls, dass Kontrollposten immer von Leuten belegt sein müssen, die sich ihrer Sache gewiss sind. Und sollte es keine solche Person in dem Team geben, in dem ich drehe, muss ich eben selbst in den Drehraum laufen und Anweisungen geben, um die Nerven und Zeit aller zu schonen.
Im Endeffekt bringen wir die Show in Maximalzeit und heiterer Stimmung in den Kasten – zwar nicht so organisiert, wie ich es mir vorgestellt hatte, aber mit einer Qualität, mit der ich zufrieden sein kann. Jetzt geht es ans Schneiden…

Meine Drehnotizen: Hier eine Seite unseres Skripts, welches ich aus Gründen der Übersicht in 50% Grösse ausdrucke und mit verschiedenen Produktionsnotizen versehe.
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Wie immer spannend, interessant und lebendig. Klasse Beitrag. Wenn sie dich beim Film nicht nehmen, probier’s als Journalist.
Was ist schlecht dran, wenn der Regisseur auch mal deutlich wird ? Wie soll es sonst gehen ? Ein Filmdreh ist keine demokratische Veranstaltung, wo jeder macht was er will oder seinen Senf dazu geben kann. Die wichtigen Entscheidung werden vorher getroffen. Jetzt muss jeder im Team funktionieren. Das sicherzustellen, ist die Hauptaufgabe des Regisseurs. (In alten deutschen Stummfilmen hiess er “Spielleiter”). Zumindest stell’ ich mir das in meinem laienhaften Verständnis so vor.
Dass der Regisseur deutlich wird ist schon in Ordnung; bloss muss er 100% am Set in Kontrolle bleiben – und zu der gehoert Selbstkontrolle. Der Regisseur hat wichtige Beziehungen mit den Schauspielern zu pflegen, und Herumgeschreie (a la James Cameron) ist entweder kontraproduktiv oder inhuman.
Die Stimmung, die der Regisseur mit seinem Verhalten verbreitet wird zur Gesamtstimmung am Set; deshalb sind die meisten guten Regisseure total gelassen und ruhig.
Als Regisseur ist es wichtig, das Steuer in der Hand zu behalten – aber gleichzeitig alle am Schiff wissen zu lassen, dass sie ihren Kapitaen als Vorbild und Vertrauensperson sehen koennen.