Dorritos Shoot und Superbowl

Eine Snackfirma in den USA, Dorritos, schreibt einen jährlichen Wettbewerb aus: Erstelle eine Dorritos-Werbung – und wenn du gewinnst, bekommst du 50.000$ und dein Werbefilm wird während dem grössten US-Fernsehspektakel des Jahres, dem Superbowl, gesendet!

Ein Mädchen aus dem Filmclub, Michaela, fühlt sich aufgerufen, eine ordentliche Produktion zu starten – und lädt mich aufs Set ein, um sie “in Sachen Licht zu beraten”. Auch wenn ich jetzt nicht gerade Meister Lampe persönlich bin, so habe ich doch ein recht gutes, visuelles Verständnis was Licht anbelangt. Also, gut, ab gehts. Ich nehme Josh (als 2. Kameraeinheit) und Carlos (ein Reporter vom Santa Monica College-internen Blatt “The Corsair”) mit in eine kleine Gated-Housing  Community mit. Gated Housing ist so etwas wie freiwillige Ghettos für Leute die nach Sicherheit und Vorstadtgefühl suchen.

Genau dieses amerikanische Vorstadtgefühl ist es, das meine Venen durchfliesst, als ich das Grundstück betrete: Ein gleiches Haus nach dem anderen, alle Eingangstüren, Dächer, Bäume, Rasen und Fenster sehen exactly the same aus. Ich würde mich hier sicher dauernd verlaufen, würde ich hier wohnen – schliesslich ist das Haus von meinem Nachbarn dasselbe wie meines.

Der Lamborghinimann

Der Lamborghinifahrer im persönlichen Gespräch. Coole Geschichten konnte der Onkel verzählen...

Der Lamborghinifahrer im persönlichen Gespräch. Coole Geschichten konnte der Onkel verzählen...

Beim Eintreten in das Haus treffe ich einen der Schauspieler; ein glatzköpfiger ehemaliger Rennfahrer, der mir von einem Werbespot für Lamborghini erzählt. Dabei war er der Fahrer des Lamborginis, der von zwei Helikoptern am Pacific Coast Highway gefilmt wurde… das Video konnte ich leider nirgendwo finden, aber seine Geschichte fasziniert mich: Durch seine Rennlizenz war er in einem Rennfahrerkatalog, den Lamborghini für ihr “Casting” benutzte.
“Can you come over to our lot and show us what you can?” – so wurde er auf eine Testfahrt eingeladen. Die Lamborghinileute gaben ihm einen Hütchen-Slalomkurs am Parkplatz zum Abfahren – zu langweilig allerdings für Mister Muskelmann und für die Lamborghinileute, die von dem Schlangenlinienfahren auch nicht sonderlich überzeugt waren.
“Can I show you what I really can do with that car?”
“Alright, show us.”
Mein neuer Bekannter benutzte den 1-Millionen-Dollar Wagen, um verschiedene Rutschmanöver auf dem Parkplatz in Beverly Hills zu absolvieren. Zum Beispiel mit der Schnauze voraus, Vollgas und gezogener Handbremse ein Donut rund um einen Betonpfeiler zu ziehen. Oder mit dem Heck Zentimeter weit an einer schroffen Wand vorbeidriften. Nach fünf Minuten beendete er seinen Testlauf und fuhr zurück zu den in Schweiss gebadeten Besitzern. “Never, NEVER do this again. You’re hired.”

Ein richtig wütender DP

Eigentlich hat mich Michaela gefragt, DP – Director of Photography / Cinematograph / Kameramann – für sie zu spielen. Im letzten Moment fand sie dann doch einen professionellen DP und heuerte mich als Art Assistent an. Man bemerke, dass es sich um eine komplett aus-der-Hosentasche finanzierten Studentenfilm handelt. Sollte er gewinnen, gibt es 50.000$ für die Filmemacher.
Als ich das Haus betrete, ist alles schön mit Plastikfolien ausgelegt, wie auf einem professionellen Set. Nach und nach tanzen weitere Key-Player auf dem Set an, wie zum Beispiel dem tatsächlichen DP. Gelockte Haare, 3-Tage-Bart, etwas mollig, etwas verbissene Miene. Niemand bekommt hier am Set etwas gezahlt, lediglich gratis Essen (gratis Essen sollte es auf jedem Filmset geben). Ich versuche, mit ihm ein Lichtsetup zu durchdenken, aber lasse recht schnell davon ab, um die Stimmung am Set gut zu halten. Während den Dreharbeiten gibt es dann grosses Drama; irgendjemand will etwas vom potenziellen 50.000$-Kuchen abhaben, Michaela wird emotional, der DP schmollt wie ein stinkewütendes Rumpelstilzchen.

Ich lerne wieder einmal, dass Film eine sehr soziale Kunstform ist, bei der die Qualität der Beziehungen der Künstler oftmals das Endergebnis bestimmen. Hier ein paar Fotos des Shoots:

Am Set, hier eine kleine Insertszene. Insgesamt waren es um die 25 Leute am Set.

Am Set, hier eine kleine Insertszene. Insgesamt waren es um die 25 Leute am Set.

Macht man auch "nur" einen kleinen Studentenfilm: Am Essen wird man pleite gehen - Crewleute sind im Durchschnitt 240% hungriger als der Rest der Bevölkerung.

Macht man auch "nur" einen kleinen Studentenfilm: Am Essen wird man pleite gehen - Crewleute sind im Durchschnitt 240% hungriger als der Rest der Bevölkerung.

Carlos, unser Fotograf vom Corsair Newspaper und Joschi Knaus, der als zweite Kamera Emotionen am Set verkraften durfte.

Carlos, unser Fotograf vom Corsair Newspaper und Joschi Knaus, der als zweite Kamera Emotionen am Set verkraften durfte.

Carlos und der Lamborghiniman vor der bis zum Horizont ragenden Pixar-artigen Vorstadtsiedlung mitten in einer Gated Community in Zentral-LA.

Carlos und der Lamborghiniman vor der bis zum Horizont ragenden Pixar-artigen Vorstadtsiedlungsstrasse mitten in einer "Gated Community" in Zentral-LA.

Der tatsächliche Superbowl – essen und geworben werden

Wenige Monate später sitze ich bei Mario, einem der Gedenkdiener in LA, in einem Hollywood-Apartment. Sein Roommate ist ein Asian American (Amerikaner mit asiatischem Aussehen), also gibt es zum Superbowl eine grosse Asian Invasion. Die Ladung an Essen, die jeder zu diesem Fernsehgrossereignis-Potluck mitgebracht hat ist überwältigend. Und zum ersten mal seit langer Zeit sehe ich wieder Leute vor einem Fernseher brüllen. Powerful.

Ich sehe mir das Spiel weniger wegen dem Spiel selbst an – die Regeln sind obszön kompliziert, und von uns Österreichern scheint nur der amerikanisierte Mario durchzublicken – sondern mehr wegen den grossartig lustigen und teilweise kraftvoll frauenfeindlichen Werbespots, die etwa alle zwei Minuten kommen. Ohne Übertreibung, für jede Spielminute gibt es fast eine Werbeminute.

Speziell beeindruckend ärmlich finde ich die Salatwerbung von Carl’s Junior

… und die Webhostingwerbung von Godaddy:

Noch mehr Superbowl Werbungen

Alle Superbowl-Werbungen im Überblick

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.