Sushi Sushi in der Wüste

Am SMC Film Festival (organisiert vom SMC Filmclub) sehe ich mir einen Film namens “Amelia” an. Ein Horror-Kurzfilm, gedreht in unserem Apartmentgebäude. Den Regisseur des Films habe ich schon einmal in meinem Apartmentgebäude getroffen, der Hauptdarstellerin bin ich auf der Busstation über den Weg gelaufen – beide wohnen lustigerweise direkt gegenüber von meinem Apartment, am anderen Ende des Innenhofs. Jener Regisseur ist Vollblutjapaner (inklusive Akzent), internationaler Student am SMC (wie ich) und heisst Hiroki (hier sein Blog). Nach dem Filmfestival – beim Gratis-Pizza-Essen – beginnen wir zu quatschen, und er schlägt vor, das nächste Filmprojekt gemeinsam aus dem Boden zu stampfen.

Reis, Sprite und vollgekotzter Teppichboden

Wir treffen uns einige Tage später in meinem Zimmer. Hiroki bringt eine Spriteflasche mit, und traditionsgemäss setzen wir uns auf den Boden. Wohlgemerkt, wie in allen amerikanischen Studentenboden, beiger Teppichboden. In meinem speziellen Fall, Teppichboden mit eingetrockneter Katzenkotze. Seltsamerweise haben die Katzen meines Roommate Ryu das Bedürfnis, im Fall einer Magenverstimmung oder eines Haarknäuels ihre Speibe in meinem Zimmer abzusetzen.
Wie auch immer, wir essen Reis, trinken Sprite und diskutieren über die Art von Film, die wir gemeinsam machen wollen. Hiroki’s Rahmenbedingung: Ein Actionfilm soll es sein. Meine Voraussetzung: In der Wüste soll er spielen. Perfekt, also ein Actionfilm in der Wüste.

Über mehrere Treffen hinweg entwickelt sich eine einzigartige Story – mit einem einzigartigen Anfang und Konzept, aber ohne Mittelteil, Klimax oder Ende. Unsere Ideen gehen zur Neige, und wir entscheiden uns, “Location Scouting” zu gehen – nämlich als kleines Team vor Ort den Schauplatz begutachten, Kamerawinkel für die tatsächlichen Aufnahmen finden und Logistikfragen beantworten. Unser Zielort: Der El Mirage Dry Lake, ein ausgetrockneter, spiegelglatter See zwei Stunden nördlich von Los Angeles. Hier wurde schon das Knight Rider Intro gedreht.

Auf den nassen Trockensee

Hiroki hat eine Canon EOS 7D, eine unendlich geile DSLR mit Videofunktion (FullHD, 1920×1080 Pixel) – diese Kamera werden wir mitnehmen, um unseren Drehort abzufilmen. Ich rufe rein sicherheitshalber bei der Verwaltung des El Mirage Dry Lake an und erkundige mich um den Wetterstatus. “It’s beautifully sunny here!”, sagt die Dame, die wohl in der Mitte der Wueste lebt.
“So, we want to drive on the lake, is that ok then?”
“Oh, no-no-no, there was a long rain period and the lake is muddy! It’s forbidden to drive on the muddy lake!”

So viel dazu. Ich setze mich mit Hiroki vor Googlemaps und begebe mich mit der “Fotos anzeigen”-Funktion auf eine virtuelle Rundreise durch Südkalifornien. Wir wollen nicht allzu weit fahren – und finden prompt einige ausgetrocknete Seen, Militärbasen, verlassene Panzer und Flugzeuge und sonstige seltsame Orte. Unter anderem scheinen die Kelso Dunes auf – grosse Sanddünen inmitten von steiniger Wüste. Grossartig. Wir kompilieren eine Route und ich bekomme über Facebook eine Nachricht von Kevin – ein Bekannter aus dem Filmclub. Er meldet Interesse an, mit in die Wüste zu kommen und von einem zweiten Auto aus zu filmen – springt ein paar Stunden später allerdings wieder ab. Nichtsdestotrotz borgt er uns seine billig-Steadicam und sein Shotgun-Mikrofon, welches einwandfrei auf den Blitzschuh der 7D passt. Bis spät in die Nach lese ich Überlebenstrick-Sammlungen online: Wie viel Wasser braucht man, was sollte man im Falle einer Elefantenherdenattacke tun, und so weiter…

Letzte Vorbereitungen

Der Pontiac Firebird gefüllt mit nutzlosem Krampf - von grossen, hölzernen Trägern bis hin zum Bügeleisen und Staubsauger.

Der Pontiac Firebird gefüllt mit nutzlosem Krampf - von grossen, hölzernen Trägern bis hin zum Bügeleisen und Staubsauger.

Bevor irgendeine Reise losgeht, sollte man sein Auto checken. Speziell, wenn es bereits 18 Jahre alt ist. Der Mechaniker meines Vertrauens, Kami, ist u.a. auch als Flugzeugmechaniker tätig und sein Geld tausendmal wert. Zwei Stunden lang inspizieren seine Jungs meine Karre, ich sitze derweil gestresst auf einem grossen Ledersofa in seinem Wartezimmer und lese Frauenmagazine während im Hintergrund die Pingeligkeits-Serie MONK läuft. Mit einem verbissenen Mund kommt Kami aus der Werkstatt.
“You wanna take the car to where again?”
“To the desert!”
“Really …. listen, there are many problems, I wouldn’t do it. Get a rental car. Look, the break hoses are about to burst, the radiator and transmission pipe to it are bent and need to be replaced, the back brakes don’t work, the radiator fan doesn’t turn … we tried to make a makeshift solution, but nothing worked…”
“Oh. Thanks. What do I owe you?” – 60$ glaube ich, war der Tarif.
“Nothing. But really, get a rental car.”

Ich bin den Kerlen so dankbar für ihren Ratschlag. Und noch dazu gratis – das waren locker drei Mannstunden. Also natürlich nicht mit meinem Auto in die Wüste – berstende Bremsleitungen, das ist ja purer Selbstmord.

Zu zweit im gelben Feuerteufel

Zurück in der Corinth Avenue sitzen Hiroki und ich vor seinem Laptop und suchen nach Autovermietungen. 75$ pro Tag, 100$ pro Tag, nein danke $ pro Tag. Wir wollen nur einen Minifilm drehen, kein grosses Budget aufstellen.
“You know what, fuck it. Let’s take my car.”
Als Filmemacher muss man einfach Risiken nehmen – grossartige Sachen ziehen die Gefahr magisch an.

Ich packe allen möglichen Krempel in meinen Pontiac Firebird – allen Krempel, den ich in meinem Apartment finden kann – und drehe den Schlüssel in der Zündung.
WROOOOOMMM – ein Geräusch, das wir dieses Wochenende noch öfter hören werden. Wir machen uns auf in Richtung Osten, vorbei an Downtown LA, vorbei an den Pferderennbahnen vom Nordosten von Los Angeles, hinaus aus der Stadt. Als wir in einen Stau kommen, beginnt das Innere des Autos zu stinken. Ein Blick auf den Kühlflüssigkeitspegel verrät, dass die Suppe heftig am Dampfen ist. Ich fahre zur Seite, hieve die Motorhaube auf und höre die Kühlflüssigkeit fröhlich brodeln. Heilige Scheisse, kaum sind wir aus der Stadt draussen, wird die Horrorvision unseres Mechanikers Realität. Da heisst es jetzt nur kühlen Kopf bewahren…

Kaum haben wir die Stadtgrenzen hinter uns gelassen, dampft es unter der Haube des Firebird - das Auto braucht wohl eine Pause.

Kaum haben wir die Stadtgrenzen hinter uns gelassen, dampft es unter der Haube des Firebird - das Auto braucht wohl eine Pause.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.