Aus Sushi wird ein Werbefilm in der Wüste


Fortsetzung von Sushi Sushi in der Wüste

Hiroki bei den ersten Dreharbeiten neben dem Freeway nahe der Wüste

Hiroki bei den ersten Dreharbeiten neben dem Freeway nahe der Wüste

Mein Kopf ist nicht so kühl wie ich es gerne hätte, aber definitiv kühl genug – Standardprogramm, als Student mit Regieabsichten im Ausland muss man die Entspanntheit im Blut haben. Wir stellen den Wagen ab und ich fächle den Eingeweiden des Firebird Weihrauch, Mürrhe und kühle Landluft zu. Wir befinden uns in einem Tal mit saftigen Grasflächen und steil aufsteigenden Bergen – fast wie in Oesterreich, bloss eben mit einem Ameisenhaufen-artigen Megasiedlung, wo ca. 10.000 baugleiche Einfamilienhäuser das Tal bedecken. Als der Firebird wieder schön kalt ist, fahren wir weiter, rollen im Stau im “N”-Gang (neutral, mit abgedrehtem Motor) und kommen endlich in die weite Steppenlandschaft, die nach den San Bernhardino Mountains auftaucht. Wir fahren über einen Pass – und dann taucht sie vor uns auf: die Wüste.

Man stelle sich die Mojave Desert nicht wie die Sahara vor, sondern viel mehr wie ein extrem karg bewachsenes Trockeland, das sich farblich zwischen beigen Erd- und Santönen bewegt und mit grau-grün-braunen Dornenbüschen bewachsen ist. Von einem der grossen, amerikanischen Autobahnen gelangen wir auf eine landstrassenähnliche “Interstate” – hier gibtz es zwei Spuren in jede Richtung, und die Fahrbahnen sind durch einen etwa 20-100 Meter breiten Trennstreifen-Graben getrennt. Nach endloser Fahrt wird es endlich dunkel und wir gelangen nach Lodlow – dem kleinsten Dorf, das ich je betreten habe. Es besteht aus:

  • 2 Tankstellen
  • 1 Fastfood-Restaurant
  • 1 Cafe
  • 1 Motel
  • 1 Wohnwagensiedlung

Und sonst … nichts! Abgesehen von den Autoscheinwerfern auf der Interstate und der grell beleuchteten Tankstelle ist rund um uns keine einzige Lichtquelle. Man kann die Milchstrasse mit blossem Auge sehen. Wir reservieren ein Zimmer für zwei Nächte im romantischen Ludlow Motel und bekommen gratis Softdrinks und Kaffees 24 Stunden am Tag inklusive … fast wie ein all-inclusive Magic Life Club in der Mitte der Mojave Desert. Unser Zielort, die Kelso Dunes, sind etwa eine Fahrstunde von unserem Basecamp entfernt.

Mit freiem Auge oder Langzeitbelichtung erkennbar: Die Milchstrasse.

Mit freiem Auge oder Langzeitbelichtung erkennbar: Die Milchstrasse.

Des Nachts wird der Kran gebaut

Mit im Gepäck haben wir fünf grosse Holzleisten, die ich damals für den Bau meiner Tür gekauft aber nie verwendet habe. Zwei davon sind drei Meter lang, die anderen drei etwa anderthalb. Mit einer wackeligen Idee von einem Kamerakran bringen wir die Holzprügel ins Motelzimmer und beginnen mit einem 99 Cent-Schraubenzieher übriggebliebene Schrauben in das Holz zu drillen. Mit Ductape – dem besten Klebeband des Universums – fixieren wir Hiroki’s 15$-Kamerastativ auf dem Kopf des Krans, verbinden einen Draht mit dem schwenkbaren Kopf, bauen ein paar Drehvorrichtungen mit Ductape, Batterien und Messern und viola – der Kran ist leicht bedienbar und verleiht jedem Shot den Look eines teuren Megakranshots. Ein Tutorial zum Bauen eines solchen Kamerakrans wird bald folgen.

Der Kamerakran-Kopf im Portrait - samt Durchdreh-Vorrichtung und Tilt-Kontrolle

Der Kamerakran-Kopf im Portrait - samt Durchdreh-Vorrichtung und Tilt-Kontrolle

Zufälligerweise parkt direkt im Nebenzimmer auch ein Firebird-Verrückter. Brutale Maschine.

Zufälligerweise parkt direkt im Nebenzimmer auch ein Firebird-Verrückter. Brutale Maschine.

Und ab gehts – mit vollem Tank, versteht sich

Im einzigen Cafe von Ludlow, einem Überbleibsel der wilden 60er Jahre. Links mein bleibender, verschwitzter Arschabdruck auf der Sitzbank, rechts Hiroki beim Lesen der Ludlower Tageszeitung.

Im einzigen Cafe von Ludlow, einem Überbleibsel der wilden 60er Jahre. Links mein bleibender, verschwitzter Arschabdruck auf der Sitzbank, rechts Hiroki beim Lesen der Ludlower Tageszeitung.

Dazu wacht man gerne auf: Im dorfeigenen Schrottplatz finden wir diese romantischen Einschusslöcher (?) in einem rostigen Truck.

Dazu wacht man gerne auf: Im dorfeigenen Schrottplatz finden wir diese romantischen Einschusslöcher (?) in einem rostigen Truck.

Am nächsten Morgen richten wir uns ein gemütliches Frühstück im einzigen Cafe von Ludlow ein und schlürfen all-unclusive Tankstellenkaffee – todesüberzuckert und total lecker, wenn man sich erstmal an die amerikanische Küche gewohnt hat. Noch einmal fleissig vollgetankt, den Kamerakran getestet und los geht’s… vorerst in einen zerstörten Vorort der Wohnwagensiedlung, direkt neben einem kleinen Industriebahnhof. Dort testen wir den Kamerakran dann tatsächlich aus, und unsere Draht-Schwenkvorrichtung erweist sich als holprig und schwer zu kontrollieren. Kaum entscheiden wir uns, den Bahnhof wieder zu verlassen, fährt ein riesiger Güterzug durch den Bahnhof – und wir nehmen die Verfolgung auf einem Schotterbett auf. Ohne zu wissen, ob das Schotterbett vielleicht abrupt in einem Felsenhaufen endet oder nicht, fahren wir parallel zum Zug. Leider ist das Auto zu langsam bzw. die Kamera zu holprig, als dass wir den Shot im finalen Schnitt verwenden könnten… aber die Aktion hat schon etwas vom Gefühl von einem der Cowboy-Überfälle mit Pferden in popeligen Westernfilmen.

Hiroki auf einem abgestellten Bahnwagon mit dem Kamerakran im Einsatz, während ich auf und ab brause.

Hiroki auf einem abgestellten Bahnwagon mit dem Kamerakran im Einsatz, während ich auf und ab brause.

Ab auf der Interstate geht es zuerst in Richtung Osten, dann weiter auf einer einspurigen Landstrasse in Richtung Norden. Immer wieder springen wir aus dem Auto, lehnen uns beim Fenster hinaus oder montieren den Kamerakran aus dem Auto hervorstehend mit der Kamera am Ende, um teuer aussehende Shots zu erzielen. Und dann kommen wir endlich zu den Dünen.

Die Wüste fühlt sich so an, wie sie aussieht: Still, verlassen, friedlich und wunderschön.

Die Wüste fühlt sich so an, wie sie aussieht: Still, verlassen, friedlich und wunderschön.

Ich beim Inspizieren des Kamerakrans - es soll ein Shot vom Reifen angefertigt werden.

Ich beim Inspizieren des Kamerakrans - es soll ein Shot vom Reifen angefertigt werden.

Bügeleisen, Staubsauger und festgefahrene Feuervögel

Nach dem 40min-Ausbuddeln des Firebird bleiben nur dicke Spuren und vollgeschwitze Boxershorts zurück...

Nach dem 40min-Ausbuddeln des Firebird bleiben nur dicke Spuren und vollgeschwitze Boxershorts zurück...

Auch wenn der Grossteil unseres 1-minütigen Werbeclips den fahrenden Pontiac Firebird zeigen wird, so ist es doch ganz nett, dass der Höhepunkt unseres Films sich um die Kelso-Dünen dreht. “Here would be a great place!”, sage ich und deute auf eine sandige Anhöhe neben dem staubigen Parkplatz. Es sist etwa vier Uhr nachmittags – noch etwa zweieinhalb Stunden, um die Szenen aufzunehmen. “Let’s try it, hopefully we won’t get stuck!”, meint Hiroki und springt aus dem Wagen. Mit Anlauf schaffe ich es auf den Hügel… Paradeleistung. Wäre da bloss nicht die Detailfrage: Wie komme ich wieder runter?

Ein kurzer Test im Rückwärtsgang verrät mir, dass sich mein Auto bereits selbst einschaufelt.
“Do you guys need help?”, ruft uns ein vorbeigehendes Wandererpärchen zu. “No thanks, later maybe!”, muss ich antworten – diesen Shot wollen wir im Kasten haben. Hauptsache, wir graben das Auto vor Sonnenuntergang wieder aus. Los gehts also mit den ca. 8237498234 Accessoirs, die wir mitgenommen haben – von rotem Bademantel über grauem Ductape besteht unser Kostüm aus allerlei Genialitäten, die wir im Kofferraum aufbewahren. Eine der Szenen kann ich hier noch nicht verraten, sonst wäre die Pointe des Films nur mehr halb so lustig. Schliesslich sind wir mit den Totalen fetig – sprich Shots, wo das Auto auf der Anhöhe zu sehen ist. Mit den Holzprügeln, die ich im “Fall des Falles” mitgebracht habe, buddeln wir losen Sand aus der zukünftigen Fahrtrinne und legen die dünnen Holzleisten unter die Hinterreifen. Einen halben Meter weit kommen wir, bis sich das Auto wieder im Sand versenkt – und eine Kurvemüssen wir obendrein noch fahren, um das Auto wieder zurückzubekommen. Dank der ganzen Bademantelaufnahmen – mehr dazu später – bin ich nur in Boxershorts und buddle fleissig weiter, um zum harten Sand zu gelangen, der unsere einzige Möglichkeit zu sein scheint, ein bisschen Geschwindigkeit im Rückwärtsgang zu erlangen.

Nach etwa einer halben Stunde fahren und buddeln sind wir am Punkt totaler Erschöpfung angelangt. Was, wenn es finster wird und wir in der Wüste übernachten müssen? Was, wenn das Auto einfach für immer hier bleibt?
Hiroki setzt sich hinters Steuer. Ich öffne eine Tür und stemme mich gegen den Rahmen. WROOMMM… der Wagen startet. “3,2,1 … GOOOO!”
Meine Zehen bohren sich in den weichen Untergrund, meine Oberarme zittern unter der Anstrengung. Hiroki, der das Auto ein paar Mal gefahren hat, schiebt sich im Rückwärtsgang wie ein Schneepflug durch den bröselnden Untergrund. Immer wieder graben sich die Reifen ein, doch dann gewinnt das Auto an Geschwindigkeit. “WATCH OUT HIROKI!”, rufe ich und sehe schon, wie die geöffnete Tür, von der ich mich bereits gelöst habe, einen baumartigen Busch umrasieren wird – oder im Fall, dass der Busch doch eher ein Baum ist, die Tür eben auf dem Wüstenboden zurückbleibt. Hiroki schlägt einen Rückwärtshaken um den Busch, rasiert einen kleineren Busch direkt um und landet schlussendlich auf dem Staubparkplatz. Geschafft.

Wir sind total erschöpft – genauso wie die Sonne. “Quickly, let’s make the last shots before the sun goes down! We should go up the dune!” Doch für unseren Zielpunkt, den Gipfel der Düne, ist es viel zu spät. Stattdessen begeben wir uns auf einen kleinen Hügel und schiessen eine unserer Szenen: Ein Golfspieler im Bademantel, der Golf in der Wüste spielt. Zwanzig Minuten später ist die Sonne hinter dem Horizont verschwunden, und es wird Zeit, nach Ludlow zurückzukehren…

Der Firebird bei Nacht - mit einer Taschenlampe und Langzeitbelichtung ergibt sich dieses "Painting with Light".

Der Firebird bei Nacht - mit einer Taschenlampe und Langzeitbelichtung ergibt sich dieses "Painting with Light".

Letzter Tag in der Mojave

Eigentlich hatten wir vor, uns ein paar ausgetrocknete Seen auf der Rückfahrt anzusehen, aber scheinbar haben wir noch weit nicht alles Material abgedeckt, das wir für unseren Film brauchen werden – also zurück zu den Dünen, um unsere Dreharbeiten abzuschliessen und endlich die grosse Düne zu erklimmen.

Hiroki beim Fussmarsch durch das urbane Ludlow in Richtung Stadtzentrum Chevron-Tankstelle.

Hiroki beim Fussmarsch durch das urbane Ludlow in Richtung Stadtzentrum Chevron-Tankstelle.

So sehen die rollenden Heuballen aus den Filmen also wirklich aus: Es handelt sich um leicht dornige Büsche, die kugelförmig um ihren Hauptstengel wachsen - und sich dann von den Wurzeln trennen, um mit Rolltaktik neue Samen zu verstreuen.

So sehen die rollenden Heuballen aus den Filmen also wirklich aus: Es handelt sich um leicht dornige Büsche, die kugelförmig um ihren Hauptstengel wachsen - und sich dann von den Wurzeln trennen, um mit Rolltaktik neue Samen zu verstreuen.

Kaum sind wir zurück in der Dünengegend, beginnen wir den Aufstieg. Mit grossem Cowboyhut, Steadicam und Lederkoffer – hier sind Kamera und Verkleidungen versteckt – geht es auf in die unendlichen Sandweiten. Für Trinkwasser ist kein Platz. Dreissig Minuten Fussmarsch später, stelle ich plötzlich fest, dass wir die Golfschläger im Tal vergessen haben. “One of us runs back, the other takes the luggage and goes up.” Hiroki entscheidet sich für das Kofferschleppen, also sprinte ich zurück zum Auto. Auf keinen Fall können wir Zeit vergeuden, denn Tageslicht ist beschränkt und heute Abend wollen wir wieder zurück in LA sein.

Etwas mehr als eine Stunde später komme ich an der Spitze der Düne an, mit Wasser, Golfschläger und am Weg aufgeklaubte Kinderschuhe in den Händen. Hiroki wartet bereits auf mich und nach kurzer Landmarken-Pinkelpause beginnen wir zu filmen. Dank der Steadicam haben wir eine Möglichkeit, die Kamera im Sand zu fixieren und aufnehmen zu lassen, während Hiroki bzw. ich den Golfspieler schauspielern und der andere weiche Sandbatzen nimmt, ausserhalb der Kameraperspektive in die Luft schleudert und sandige Windböen imitiert.
Einmal fällt die Kamera um und Sand rieselt in das Innere – eine nervige Angelegenheit.  Klarer Höhepunkt der Aktion ist eine Gruppe von Wandersleuten, die unseren Drehort verwüsten, sich aber im Gegenzug ahnungslos auf meine durch eine dünne Sandschicht bedeckte Pisse setzen.
Grossköniglich.

Das Gebiet markiert - man bemerke die geschmackvolle Kombination meines Urins mit dem Gipfel der Kelso-Dünen. Im Hintergrund beginnen ahnungslose Wandermänner, den Berg zu erklimmen.

Das Gebiet markiert - man bemerke die geschmackvolle Kombination meines Urins mit dem Gipfel der Kelso-Dünen. Im Hintergrund beginnen ahnungslose Wandermänner, den Berg zu erklimmen. Sie werden sich später aus Versehen direkt in meine ausgeschiedenen Körperflüssigkeiten setzen. Stinkelbergenheimer.

Das Dreamteam mit runtergelassenen Hosen und nicht vorhandenen Manieren vor der andlosen Ausgeburt der Wüste

Das Dreamteam mit runtergelassenen Hosen und nicht vorhandenen Manieren vor der endlosen Ausgeburt der Wüste

Als wir die Düne verlassen, senkt sich die Sonne langsam – und wir schaffen es gerade noch, die letzten Szenen am Fuss der Düne zu drehen; dort, wo wir gestern noch mit dem Firebird versunken sind. Da die Mastershots – alle Aufnahmen, in denen man den Wagen sehen kann – bereits gestern erledigt wurden, brauchen wir den Firebird kein zweites Mal im Sand versenken. Nach einem letzten,  handgestrichenen Fingerfarben-Ernussbuttertoast-Abendmahl geht es dann zurück in die Stadt der Engel.

Lecker, lecker: Mit Erdnussbutter geht alles viel einfacher. Auch ohne Messer lässt es sich gut leben.

Lecker, lecker: Mit Erdnussbutter geht alles viel einfacher. Auch ohne Messer lässt es sich gut leben.

Posen zum Abschied - mit SMC-Sweater und Firebird als Krücke braucht man sich keine Sorgen mehr als Student leisten kann.

Posen zum Abschied - mit SMC-Sweater und Firebird als Krücke braucht man sich keine Sorgen mehr machen.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.