Frühlingssemester 2010: Statistik, Geschäftsrecht, Makro-Ökonomie, Yoga, Drehbuchschreiben, Geschichte

Seit wann habe ich hier nichts mehr geschrieben? Seit drei Wochen? Vollkommen verrückt. Ich würde ja gerne 48-Stunden-Tage haben… aber das spielt es nicht.

Frisch erholt zurück am sonnigen Campus. Foto von Hiroki Kamada. (schamlos von meiner Festplatte gestohlen)

Frisch erholt zurück am sonnigen Campus. Foto von Hiroki Kamada. (schamlos von meiner Festplatte gestohlen)

Im Frühlingssemester 2010 geht es ganz schön her: Wie schon damals im Herbst 2009 nehme ich 16 Units, was mit etwa 16 Wochenstunden Schule korrespondiert; weitere 16 etwa für Hausaufgaben und weitere 8384209384 für den Rest. Ich lebe 19-Stunden Tage, üblicherweise 5 Stunden Schlaf pro Tag. Der gesamte Campus ist nach dem etwa leeren Wintersemester wieder auf volle Kapazität bevölkert und erste Gangs sammeln sich wieder an – wie in amerikanischen Filmen, wo eine bestimmte soziale Gruppe immer an einem Platz abhängt. Da gibt es die Magickartenfreaks (ja, tatsächlich!) unter den Palmen, die Schwarzen auf den Betonbänken, die Jongleure am Gras und die Religionsfreaks auf kleinen Tischchen am Quad. Lustig, dass ich “die Schwarzen” bemerke, aber ganz abseits von Rassismus gibt es wirklich eine Wolke an schwarzen Jungs und Mädels, die täglich an einem bestimmten Platz rumhängt.

Dieses Semester ist meinem Wunsch gewidmet, kein verhungernder Künstler zu werden – aus diesem Grund setze ich mich mit Statistik, Ökonomie (Wirtschaft) und Geschäftsrecht auseinander.

Nun also zu den Klassen, die ich im Frühling nehme:

Statistik

Auch wenn ich diese Geschmacksrichtung von Mathe schon im Gymnasium genommen habe, so muss ich im College hier mindestens eine Mathematikklasse belegen, um meine Grundbedingungen für amerikanische Universitäten zu erfüllen. Unser Professor könnte durchaus professioneller russischer Pokerspieler sein; jedes zweite Wort klingt wie “Njet”, “Nastrovje” und “Njumbers”. Nicht zu vergessen, sein zwei Lieblingsphrasen: “Jany Qjuestions?” und “Pjoker in Ljas Vjegas”.
Darüber hinweg ist der Mann sehr begabt im monotonen Kauderwelsch-Produzieren, hat aber eine grossartige Weise, Statistiok für das alltägliche (Glücksspiel-)Leben relevant zu machen. Zu dumm, dass er beim Benoten keine Tinte spart und für einen kleinen Folgefehler gerne mal 8 Punkte abzieht. Bisher habe ich nur “A”s in den Collegeklassen bekommen, aber so wie es anfangs mit Statistik und dümmlichen Rundungsregeln aussieht, wird das knapp werden. Wenn das nur gut geht…

Geschäftsrecht

Als ich zum ersten Mal die Klasse im Business-Gebäude des Campus betrete, fallen mir die seltsamen Theaterreihen-artigen Sitze auf; der Klassenraum ist nicht gerade ein Auditorium, hat aber eine ähnliche Treppenbauweise. Oben drein hängt ein riesiger Spiegel an der Decke, direkt über dem Lehrtisch. Nach viel Herumrätseln wofür wir diese Baumassnahmen für einen Jus-Kurs benötigen, werde ich darüber informiert, dass der Raum ehemals für Kochklassen benutzt wurde.

Unsere Professorin hat rankig-schlanke Beine (sie könnte in ihrer Freizeit Marathonläufer sein) und ist wie die meisten Professoren um die 50 Jahre alt. Die Strenge strömt ihr nur so aus den Nüstern – wenn zum Beispiel das Handy eines Studenten klingelt, wir ein Punkt von seinem Endzeugnis abgezogen; sprich, bei zehn Mal Handyläuten und perfekter Klassenleistung kann man nicht einmal mehr ein “A” bekommen.
Innerhalb der zweiten Stunde klingelt natürlich mein Handy, wie hätte es anders kommen sollen – tief berötet und voll der Scham versinke ich in meinem Einzelsitz. Nach der Klasse holt sie mich beiseite, in den hintersten Winkel der Klasse und flüstert “This time I will make an exception and won’t subtract you a point. But next time …”
Nächste Klasse läutet mein Handy natürlich wieder (verfluchte Schusseligkeit), ich versinke abermals im Linoleumboden und mein Fehler wird mir abermals vergeben.

Plötzlich finde ich die Professorin nicht mehr streng, plötzlich macht es mir Spass, im Lehrbuch verschiedene Rechtsfälle zu studieren und deren Argumentationen zu lernen. Recht ist echt eine faszinierende Detektivsgeschichte, in dessen Höhepunkt immer der Satz “The accused appealed.” vorkommt. Voll geil – der Satz hat es in sich, beinahe schon Kultfaktor. Würde ich nicht gerne in der Kreativbranche arbeiten, hätte ich jetzt wohl bereits meine Zukunft als dicker, hässlicher, gieriger Anwalt vor Augen.

Jedenfalls wird mir diese Klasse später im Leben ungemein helfen, denn speziell als Dienstleister und Künstler kann man ungemein schnell übers Ohr gehauen werden.

Makro-Ökonomie

Mit “Macro Economics” meint man in Amerika die Lehre der Steuern, Staatsverschuldung, des nationalen Markets mit Angebot und Nachfrage und das Studieren des Börsenmarkts. Unser Professor trägt einen Turban und sieht wie ein typischer,  indisch-schlacksiger Zeitungsverkäufer aus Österreich aus. Von sich selbst hat er wohl ein ähnliches Bild… “I only go shopping in 99 Penny store.” – zumindest behauptet er das und bestärkt uns alle paar Stunden mit ein paar Armutsanekdoten. Interessanterweise kommt er aus Kenia und hat als Wirtschaftsberater in Südamerika, Asien und Afrika gearbeitet.

Als ich zur ersten Klasse erscheine, und er auf die linke Seite der Tafel geht, höre ich seine Stimme von der rechten Seite des Raums. Ein Wunder? Nein, ein Ghettoblaster. Unser Wirtschaftsprofessor hat doch glatt einen Radio in die Klasse mitgebracht, den er mittels Funk-Ansteckmikrofon beschallt und damit nicht so laut sprechen muss.

“If you write on your test paper, I will give you an F!“, becirct er uns bei der ersten Prüfung. Papier ist einfach kostbar. Klarerweise komme ich etwas zu spät, bin komplett gestresst und beginne hektisch auf meinem Angabezettel herumzukritzeln. “DO NOT WRITE ON THE TEST PAPER!” höre ich aus dem Radio. Ja heilige Scheisse … hoffentlich sieht er meine Kritzeleien nicht. Als der Test dann benotet zurück kommt, verkündet er stolz: “There was only ONE student that wrote on the test paper.” – und sieht mich ganz böse an. Ich entschuldige mich nach der Stunde und werde davon informiert, dass ich kein “F” bekommen habe – aber solche Schlampigkeiten in Zukunft unterlassen muss.
Mann, wie stressig.

Drehbuchschreiben

Beim Verlassen der Drehbuchklasse - hier werden die Maestros geboren.

Beim Verlassen der Drehbuchklasse - hier werden die Maestros geboren.

Drehbücher sind keine Bücher, sondern eine Kombination aus theaterhaften Dialogen und Szenenanweisungen. Reaktionen, Gefühle, Bewegungen und Beziehungen müssen allesamt in Bewegung und Sprach ausgedrückt werden – im Gegensatz zu Prosa, wo solche Gedanken einfach niedergeschrieben werden können. Beispielsweise, “Er ist nervös” wird zu “Er richtet seine Krawatte, Schweiss tritt auf seine Stirn und er kratzt sich am Kopf”.

Unser Professor in dieser AET(Academy of Entertainment and Technology Campus)-Klasse  sitzt in einem Rollstuhl und kann seine Finger nur limitiert bewegen. Ich weiss bis heute nicht, wie er auf einer Schreibmaschine oder Computertastatur tippen kann; prinzipiell sind seine Finge immer gebeugt und nie gestreckt. Trotz seiner Rollbestuhlung ist er einer der lebendigsten Professoren am Campus; würde man ihn nicht sehen und sich nur von Stimme und Ausdrucksweise eine Person vorstellen, wäre er ein Professor, der mit Händen und Füssen und entsprechend lebendiger Gestik erklärt. Nichtsdestotrotz, der Mann hat eine so geniale Weise, sich auszudrücken und schamlose Beschimpfungen von sich zu geben, dass das reine Beobachten zu einer Lehrstunde wird – saucooler Typ.

Er benutzt Kraftwörter, um uns wachzuhalten. Seine Fantasiebeispiele werden von Stunde zu Stunde kurioser – und das liegt nicht nur daran, dass die Klasse fast bis zehn Uhr Abends dauert. “Imagine, you miss a train. What could happen?” – Alle schweigen – “Well, you could, for example, be mugged by an Iranian nurse who turns out to be the sister of the train operator. You fall in love but then discover that your grandmother was actually a lesbian hermaphrodite and fathered this nurse. Just one example. Or, there could be CIA agents who…”
So geht es jedesmal. Ich lache mich halb tot, während andere Studenten sich beschweren, es sollte mehr über Technik des Schreibens geredet werden. Pah, diese Pussies.

Europäische Geschichte

Anfangs ein grosser Turnoff – diese Klasse hatte ich doch schon zig mal back in good ol’ Europe! Nach gründlichen Recherchen sehe ich, dass die Klasse Grundbedingungen erfüllt und mir damit den Weg zum Abschluss ebnen kann.  Und tatsächlich, ich bekomme einen neuen Zugang zu Ludwig dem 14., Bismarck, Mode im 16. Jahrhundert, seltsamen, französischen Bräuchen von denen ich nicht einmal etwas wusste (Chariwari … sehr geiles Genitalverherrlichungsfest). Unsere Professorin hat eine graue Pilzkrempenfrisur und eine spürbare Faszination mit Geschichte, die sie in topmotivierter Form und spassigen Anekdoten uns näherzubringen versucht – und wir sind hellauf mitbegeistert

Um ehrlich zu sein: Die Klasse ist um 8 Uhr morgens. Wie schon im Gymnasium schlafe ich auch trotz englisch erzählter Geschichte und netter Professorin gerne ein…

Yoga

Lorena und ich entscheiden uns, gemeinsam Yogis zu werden – und belegen eine Klasse am Freitagmorgen. Freitagmorgen ist der Name eines studentischen Wormlochs, das theoretisch nicht einmal existiert; der Freitag eines Studenten sollte üblicherweise um 12:00 beginnen. Unsere Professorin (kann man überhaupt Prof. Yoga sein?) ist eine nette junge Dame zwischen 25 und 30, die manchmal Yoga mit Kamasutra verwechselt – oder waren es die Erfinder von Yoga, die gerne 30 gespreizte Beine in die Lüfte ragen sehen wollten? Seien wir einmal nicht so engstirning.
Vor mehr als einem Jahr habe ich mir meinen Nacken beim ersten Yogaversuch derart verstaucht, dass ich für drei Monate meinen Bett mit den Armen regelrecht hochheben musste, wenn ich mich aus dem Liegen aufrichten wollte. So gesehen ist die Entscheidung, eine ganze Yogaklasse zu belegen, durchaus meisterhaft und mörderisch zugleich. Als Erstes lernen wir die sogenannte “Sun Salutation”; eine Abfolge von Bewegungen (wie eine Katta in Karate), bei der man die Posen Berg, Mittagessen, Planke, aufrechter Hund und Abwärtshund durchläuft.

Die Yoga-Posenabfolge "Sun Salutation" schwarz auf weiss.

Die Yoga-Posenabfolge "Sun Salutation" schwarz auf weiss.

Zeit fürs Schreiben: Im gemütlichen Yogakeller müssen wir ein Tagebuch führen.

Zeit fürs Schreiben: Im gemütlichen Yogakeller müssen wir ein Tagebuch führen.

Für alle, die noch nie Yoga gemacht haben: Bei Yoga macht man eine Abfolge von Bewegungen, die einen in bestimmten Streck- oder Dehnposen verharren lassen; die Bewegungen erfolgen geschmeidig und sind zu einem grossen Teil auf einer Matte am Boden auszuführen.
Vor jeder Stunde müssen wir einen Tagebucheintrag schreiben, welche unsere Lehrerin am Ende des Semesters einheimsen und durchlesen wird.

Für die Gesundheit: Echte Biopommes am Campus. Gratis noch dazu...!

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Es geht nichts über ein bisschen Gesundheit: Frisch geschnittene Äpfel - mit Karamel, Schlagobers und Zuckerstreusel!

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About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.