FUN 48 – oder auch: Insomnia 72

Ausschnitt aus "The Tape" - zu sehen ist Hauptdarsteller Alonzo Pizzarro.

Der SMC Film Club veranstaltet jedes Semester einen Kurzwettbewerb mit dem futuristischen Namen FUN 48.

48 Stunden Filmemachen in Kleingruppen von 3-10 Leuten.
Bevor der Event am Wochenende steigt, werden Themenvorschläge Dienstags im Filmclub eingesammelt: Jeder überlegt sich einen Charakter, einen Gegenstand und einen Satz und wirft das ganze in einen Topf. Es ist nicht gestattet, Vorbereitungen zu treffen – ausgenommen Locationscouting und Casting.

In unserer Gruppe sind Hiroki (dem Leser bereits als japanischer Filmstudent bekannt), Josh (ebenfalls), ich und:

Tim: Ein ruhiger, grossgewachsener, spindeldürrer Typ aus dem “Valley” – er fährt etwa eine Stunde mit dem Auto quer durch LA zum College.
Alonzo: Sein Freund und Schauspieler, mit Locken bis zu den Nippeln, breitem Grinsen und etwas femininer Brille.
Thiago: Ein Mordskerl aus Brasilien, der aussieht wie ein Italiener mit Schultertattoos, steht auf Gangsterfilme und trägt 95% der Zeit eine Kappe (selbst wenn er duscht… denke ich zumindest)
Ed Woo: Ein amerikanisch-chinesischer Junge aus dem Filmclub mit Hiphop-Gestik, etwas zuviel Redematerial und stets seitwärts lehnender Haltung.
Larry: Ein Mann in seinen 60ern, der seit 12 Jahren im Filmclub ist (er nimmt jeweils eine Klasse pro Semester um Langzeitstudent sein zu können), von alles ausgebuht/stillgemacht wird, möglicherweise nicht ganz bei Sache ist und für seine haarsträubenden, körpernahen 1-on-1 Gespräche bekannt ist.

Schreiben im Fettberg

Hiroki und ich fahren die Schlangenlinien des Sunset Blvd. entlang, der gelbe Firebird blitzt immer wieder in den komplett überteuerten Schickimicki-Schaufenstern auf. Mein 2 Jahre altes Handy – das habe ich seit meinem ersten Aufenthalt in LA – klingelt. Es ist Thiago, einer unserer Teammates für FUN48. “Toby, they just made the raffle! So… there is three props, two characters and one line.”
“Cool, so, what are they?”
“Props are a knife, fishnet stockings and a Cheetos bag. The two characters are a Chinese superman and a lonely homeless man. And the line is ‘That’s the most ridiculous thing I’ve ever seen… but damn, it’s hot!’. Cool, huh!”

Hiroki und ich beginnen parallel mit unseren Gruppenkameraden zu rätseln, wie wir diese Vorgaben in einem halbwegs intelligenten Film unterbringen können. Der Plan ist es, die ganze Freitagnacht zusammen das Script zu verfassen, es am Samstag zu filmen und Samstag Nacht bzw. Sonntag Tag/Nacht das ganze zu schneiden und nachzubearbeiten. Wir treffen uns zuerst alle in meinem Apartment – wo jeder übernachten darf – und begeben uns dann der Inspiration wegen in eine der amerikanischen 24-Studen-Fettoasen: Eines dieser zwielichtigen Diner mit Klimaanlagen und Plastikpflanzen. Ich gehe schon mal auf einen der grossen Tische – und als ich mich setze, bin ich alleine. Ich finde die anderen im Eingangsbereich. “We have to wait to be seated…”
“Well, shit on it, there’s a table available and free for us!”, knirsche ich und führe die Gruppe zum leeren Tisch. Als ich mich gemütlich setze, bin ich wieder alleine. Vollkommen verrückt!
Zehn Minuten später wird uns klarerweise genau der Tisch zugewiesen, den ich bereits besetzen wollte. Wir bestellen alle Gerichte jenseits der 1000 Kalorien-Grenze – kleine Snacks zum Abendessen. Nach Plan schreibt jeder eine Geschichte, die wir in ein Script verwandeln sollten.

Beim Brainstormen im Restaurant

Um 11 Uhr nachts verlesen alle ihre Filmkonzepte. Thiago hat eine Komödie geschrieben, Hiroki einen Psychofilm und Tim einen Actionfilm; die anderen (wie ich etwa) waren einfach zu doof. Es entsteht eine riesige Diskussion, bei der sich alle auf zwei Seiten schlagen: Thiagos Komödie VS. Hiroki-Tim-Hybridfilm.  Unsere Demokratie geht so weit, dass wir um 4 Uhr früh in meinem Zimmer sitzen, Thiagos Script fertig geschrieben haben und es bei erneutem Durchlesen gar nicht mehr so lustig finden. Ich schlage vor, wir arbeiten an Hiroki’s Idee weiter, woraufhin Thiago und Ed “plötzlich” müde sind und schlafen gehen wollen. Hiroki und ich raffen uns auf, im Wohnzimmer das Script zu verfassen.

Verpatzter Darsteller

Ich versuche, Larry ein wenig über seine Blockaden zu werfen ... ohne wirklichen Erfolg.

Ich versuche, Larry ein wenig über seine Blockaden zu werfen ... ohne wirklichen Erfolg.

Um 7:00 morgens sind wir fertig mit dem zweiseitigen Drehbuch; ein Kurzfilm mit nur wenigen Zeilen Dialog und viel Benutzung von Symbolik.

Hiroki VS. Josh - zwei Cinematographen im Showdown

Hiroki VS. Josh - zwei Cinematographen im Showdown

Unser perfekter Hauptdarsteller: Larry, der mit seinem weiten Strohhut sowieso schon als Obdachloser durchgehen könnte. Thiago und Ed melden an, dass sie “noch sehr viel Hausaufgaben haben”. Wir machten anfangs aus, dass jeder ein Segment regieren kann, also ein festgelegter Director pro zwei oder drei Szenen. Jetzt, da Thiago und Ed weg sind, sieht es eher nur mehr ich und Alonzo, die Interesse an der Regie haben. Was ich auf anderen Studentenfilm-Sets beobachtet habe, sind sogenannte “Backseat Directors” und “Backseat Cinematographers”. Jeder will Regisseur und Kameramann sein, also wirft jeder seine Meinung in die Szenenplanung, was den Prozess verlangsamt – damit ist eine Aufteilung von Regiezeit viel wertvoller – so kommt jeder einmal zum Regieführen und niemand braucht ihm dreinreden.

Beim Ansehen eines Stücks Footage

Beim Ansehen eines Stücks Footage

Ich klaube Larry bei seinem Haus auf und bringe ihn ans Set. Entgegen Höhnrufen aus dem Filmclub glaube ich, dass wir Larry zu unserem Vorteil im Team haben, nämlich als überzeugenden Schauspieler. Ich soll die ersten Segmente dirigieren, dann wird Alonzo übernehmen. Wir begeben uns vor mein Haus auf die Strasse und ich instriere Larry, er solle seine Hände gegen seine Ohren schlagen, als ob er nichts hören könne. “My God, I can’t hear…” sagt er emotionslos und lässt seine Hände in der Luft stehen. “Larry, I want to see like 5 times more of your emotion! Your character just lost his hearing!”

Doch Larry zeigt überhaupt keine Verzweiflung; es ist beinahe komisch, wie er seine Hände schwingt und alles andere als bedrückt aussieht. Eine Stunde fehlhaften Versuchens später ist es dann vorbei, meine Crew hat genug mit Larry’s “that would hurt me”, “I can’t do that” oder “Why should I do that?!”. Wir treffen die kritische Entscheidung, Hauptdarsteller zu wechseln und besetzen Alonzo neu. Ich hole Brotkrümel aus der Küche und bekleckere seine Haare damit; wir finden zerfetzte Hosen und T-Shirts auf der Strasse und ziehen sie ihm an … und dann kann es auch schon losgehen. Alles läuft ohne Zwischenfälle, und an einem Punkt übernehme ich die Kamera: als Hiroki nämlich zum chinesischen Superman wird. Alonzo und Tim haben Klebeband besorgt, ihm ein Supermanshirt gebaut – und jetzt kommen Hose und Schuhe an die Reihe. Alles wird zugeklebt, während Josh als B-Roll-Kameramann parallel mit mir filmt. Genau bei Sonnenuntergang schliessen wir die Dreharbeiten ab; Larry hat das Set bereits vor Stunden verlassen (er wahr wohl etwas beleidigt, dass wir ihn nicht als Hauptdarsteller hielten). Kaum sind die Dreharbeiten abgeschlossen und alle gehen nach Hause, geht es erst so richtig los mit der Schlaflosigkeit…

Editing bis die Augenadern platzen

So sieht das Setup unserer Endcredits aus: Eine Lampe, ein Stuhl, zwei Holzlatten, an die die Kamera angebracht ist, und ein Tisch mit dem eingezeichneten Bildausschnitt.

So sieht das Setup unserer Endcredits aus: Eine Lampe, ein Stuhl, zwei Holzlatten, an die die Kamera angebracht ist, und ein Tisch mit dem eingezeichneten Bildausschnitt.

Hiroki hockt sich in mein Apartment und wir editieren gemeinsam; er schneidet und ich suche nach Musik, und dann wechseln wir. Um Mitternacht schlafe ich einfach in meinem Stuhl ein. Er weckt mich und wir machen aus, dass er bis 5 Uhr Früh editiert und ich dann übernehme.
Um 6:30 Sonntagmorgens werde ich geweckt und setze mich vor Final Cut. Inzwischen habe ich durch Beobachtung von Hiroki und Übung an meinem Broadcastingprojekt so viel Final Cut gelernt, dass ich beinahe schon automatisch an den Clips herumfutzle. Den gesamten Sonntag lang schnippeln wir am Projekt herum. Abends konstruieren eine komplizierte Aufstellung für die handgemachten End-Credits; mit schwarzen Ärmeln und schwarzen Handschuhen klebe ich beschriebene Ductape-Klebestreifen auf eine schwarze Oberfläche, welche wir mit zwei LED-Taschenlampen aus dem 99c-Store und einer tatsächlich freistehenden Lampe beleuchten. Als es 4 Uhr morgens ist, entschliessen wir uns, einfach durchzumachen. Um 7:30 muss Hiroki los zur Schule. “We’ll finish it at school!”
Auch wenn ich mit After Effects (ebenfalls ‘On the Fly’ gelernt) bereits die Colorierung abgeschlossen habe, hatten wir Renderprobleme und mussten uns mit der FinalCut-Version begnügen.
Dann ist es 2 Uhr nachmittags und wir müssen das Video abgeben. 6 Stunden Schlaf in 72 Wachstunden. Ich bin todmüde, aber auf jeden Fall weiss ich jetzt, wie es ist, unter einer knappen Deadline zu arbeiten.

Aftermath

Als wir den Film im Filmclub zeigen, sind wir absolut nicht zufrieden damit: Zu schlechte Farben, zu unwirkliche Geräusche. Zu wenig Stimmung. In den folgenden Wochen arbeiten wir dann parallel – Hiroki am Sound, ich an den Farben – und schlussendlich kombinieren wir unsere Werke: Tadaaaaa!

Link zum fertigen Film “The Tape”

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.