Ein Blowjob, zwei Kameras und fünf zerdrückte Filmemacher

Es ist neun Uhr früh. Ich trage einen roten Bademantel, bin ungeduscht und arbeite emsig an einem Grafikjob. Es klopft an der Tür. Josh. Shit.

“HEEEEYY Josh … I’ll put on my clothes in a second … wanna have some breakfast?”
So geht es jedes Mal. Josh und ich verabreden uns zum Filmen, und ich bin immer komplett unvorbereitet. Da Josh meistens Hunger hat, funktioniert meine Taktik allerdings ausgezeichnet – da kann ich ihn für 15 Minuten mit Müsli ablenken, während ich mich anziehe und Zähne putze. Ich arbeite einfach zu viel…

Unsere heutige Destination: West Hollywood, das Hostel in dem alles begann. Vor mehr als zwei Jahren, nämlich März 2008, habe ich hier zwei Wochen voll verschwitzter Socken und asiatischer Touristen verbracht. Während dieser Zeit traf ich einen Stuntman aus Deutschland, Mikel, der mir unmenschliche Geschichten verzählte und mir LA mit seinem halb-Deutsch-halb-Englisch schmackig machte.

Italiener+Mustang=Chaos

Der Mustang und Manuels Motorrad

Der Mustang und Manuels Motorrad

Nun, zwei Jahre später, dreht er an einem Kurzfilm, finanziert von einem Freund und deutschen Bauherrn. Vor einigen Wochen rief er mich an, präsentierte mir und Josh das Skript und angelte uns zwei für das Projekt; Josh als DP und mich als AD – also Kameramann und Regieassistent respektive. Wir kommen bei Fairfax Ave. at Melrose Blvd. an und Mikel stellt uns einem der Hauptcharaktere vor, ein grossgewachsener Italiener namens Simoni mit Haaren auf den Zähnen und kleinem, schmalzigen Zöpfchen am Hinterkopf. Er soll einen Aufragskiller in dem Film spielen – und wir werden heute die Szenen drehen, in denen er vorkommt. Der Italiener erzählt mir von verschiedenen Filmfestivals und betreibt fröhliches Namedropping – ein möglicherweise grosser Fisch in nicht allzuferner Zukunft, falls seine Geschichten wahr sind.

Mikel organisiert derweil komplett entspannt alle restlichen Besorgungen, während wir alle auf Manuel (Auslandszivildiener aus Vorarlberg) warten. Er kommt schliesslich mit seiner geilen Canon 5D Mark II (jene mit FullHD-Videofunktion) an, und wir begeben uns hinunter auf die Strasse – wo uns Mikel mit einem gemieteten Ford Mustang 2008 erwartet. Geiler Wagen.
Mikel hat einen Mini-Bildschirm (die, mit denen man DVDs im Auto ansehen kann) und eine portable Mini-Autobatterie organisiert. Er nimmt ein Messer, schnneidet den Stromstecker vom DVD-Bildschirm ab, zwirbelt das Kabel auf, verbindet es mit den Polen der Batterie, klebt Isolierband rundherum steckt die Batterie in einen Rucksack und schultert denselben- fertig ist der portable Regiebildschirm samt Energieversorgung. Mit einem Kabel, das zwischen Joshs Kamera und Mikels Bildschirm hängt, kann Mr. Regisseur alles genauestens verfolgen.

Manuel, Mikel und ich sitzen auf der Rückbank, unser italienischer Auftragskiller fährt und Josh sitzt halb angeschnallt am Beifahrersitz, von Reflektoren in die Enge gedrängt. Kaum kommen wir an ein Stoppschild, wirft es uns alle gegen die Sicherheitsgurte. Halb stranguliert japsen wir nach Luft und versuchen, Reflektoren und Kamera stabil zu halten – Mr. Italy ist solche empfindlichen Bremsen wohl nicht gewohnt…

Wir drehen bis es dunkel wird, mit der Tagline “Rocco, I’m coming, I’m cooooming!” – noch macht das keinen Sinn.

Tag Zwei – gut, dass der Kunde König ist

Simoni, Mikel, Josh und Manuel

Simoni, Mikel, Josh und Manuel

Frühmorgens geht es dann ans Eingemachte: Der Grund, warum Mr. Italia “I’m coming Rocco, I’m coming!” ruft, ist nicht nur, weil er zu seinem Ziel kommt, sondern ebenfalls, weil er einen Blowjob verpasst be-kommt. Eine Bekannte von Mikel stellt sich zur Verfügung, ihren Schopf im Auto hoch und runter wippen zu lassen; Simoni ist ihr kein Unbekannter, und fürs Filmdrehen macht man bekanntlich alles. Manuel, Mikel, Simoni und das Mädel fahren auf eine kurze Spritztour, um den Blowjob mit derFahrtgeschwindigkeit zu verknüpfen.

Es ist etwa Mittags, und ich warte beim Hostel bis die Filmcrew wieder von ihrer Spritztour zurückkehrt. Kaum kommt der Mustang zu einem schroffen Stop – unser italienischer Gangster hat das Bremsen immer noch nicht kapiert – steigt Mikel aus und deponiert seinen Rucksack neben mir streckt sich ein wenig… und neben mir taucht plötzlich eine graue Säule aus dem Nichts auf. Ich drehe mich um – und sehe weder Beton noch Zement, sondern eine Menge Rauch. Die Quelle liegt im Rucksack, der unheimlich nach verbranntem Plastik stinkt.
UAAAH! – ich stosse einen Schrei aus und kicke den Rucksack um, bis die Batterie herauspurtzelt. Ein klassischer Kurzschluss wie aus dem Lehrbuch hat das Kabel erhitzt und in Brand gesetzt; das Kupfer liegt Blank und das Plastik hat sich in die Stratosphäre verabschiedet.

Zwanzig Minuten später haben wir ein Ersatzkabel gebastelt (weiter Kabel wurden zerschnitten) und den Bildschirm neu angeschlossen. Ohne Erfolg: der Bildschirm bleibt schwarz.
“I’ll return it, just take a break you guys… JA DU!”, meint Mikel und packt Batterie und Bildschirm. Wir verlieren etwa eine Stunde Zeit, bevor Mikel zurückkehrt. Ich frage ihn, wie zum Teufel er seine abgefackelte Batterie austauschen konnte … und dann auch noch den Bildschirm. “Ja du, I just said the battery started smoking, and I wanted a new one as a replacement … also haben die mir eine neue Battery gegeben. Ja du!”
In den USA gibt es eine teuflisch geile Einstellung gegenüber Geschäftskunden: Man kann Produkte retournieren und austauschen, beinahe ohne Erklärung oder Kontrolle.

Ausgerüstet mit neuem Bildschirm und frischer Batterie begeben wir uns in die Hollywood Hills, wo wir ein paar romantische Szenen mit famosem Ausblick drehen: Direkt neben dem Hollywoodsign und mit Downtown LA im Hintergrund. Da Mikel noch keinen Haupdarsteller für den Film gefunden hat, muss ich mir einen mexikanischen Kapuzenpullover überstreifen und als Austausch-Haupdarsteller (mit dem Rücken zur Kamera) herhalten.

Dunkelheit = das Ende

Wir verbrauchen zu viel Zeit in den Hollywood Hills; ich als Regieassistent muss die Zeit überwachen. “Ja du, that’s fine, no problem!” meint Mikel. Die letzte Szene soll in Downtown LA spielen< unser Auftragskiller soll mit einem Snipergewehr aus einer Parkstruktur  auf den noch nicht gecasteten Bösewicht zielen. Die Sonnenuhr deutet auf zwei Uhr Nachmittags als wir uns auf den Weg begeben. In Chinatown machen wir einen Zwischenstopp – für ein chinesisches Mittagessen und den Kauf eines relativ realistischen Plastik-Snipergewehrs. Nach dem überteurten Fressgelage folge ich Mikel in einen von Menschen durchwuselten, chinesischen Schwarzmarkt in dem selbstverständlich jedes Produkt stolz eine “Made in China”-Urkunde auf der Unterseite kleben hat. So auch die Sniper-Imitation, die er einem gestressten, mit Elektroschockern herumfuchtelnden Vietnamesen abkauft und stolz in einer Kartonbox aus dem feuchten Untergrundhandelsplatz schmuggelt.

Als wir dann schliesslich in der Industriegegend ankommen, müssen wir feststellen, dass die meisten Parkhäuser Sonntags geschlossen sind. So auch die “Perfekte Location”, die Mikel herausgesucht hatte. Als wir endlich eine Alternative finden, ist es bereits 17:30 und die Sonne zerfliesst im Horizont wie Butter in meinen Nüstern. Wir versuchen alles Mögliche, von Autoscheinwerfern gegen Reflektoren bis his zu Taschenlampen – doch nichts macht das Gesicht unseres Snipers überzeugend tageslichtig.Nach etwa vierzig Minuten erfolglosem Versuchens geben wir auf und entscheiden uns, Montagmorgens die überbleibende Sniperszene in der Nähe des Melrose-Hostels zu schiessen – nur wenige Stunden bevor unser italienischer Freund Simoni seinen Flug zurück nach Europa antritt.

Im Endeffekt klappt dann auch alles; wir kriegen alle Szenen in den Kasten (ein Fenster im ersten Stock des Hostels hält als Sniper-Lücke in einem Hochhaus her) und meine Fehler als Regieassistent – eigentlich müsste ich strenger durchgreifen, um dem Regisseur einen Zeitrahmen zu setzen – sind null und nichtig.

Ein kleiner Ausschnitt aus der Sniper-Szene, die wir in einem Fenster des Hostels gedreht haben. Später wird diese Aufnahme mit einer weiten Aufnahme einer Parkanlage zusammengeschnitten.

Ein kleiner Ausschnitt aus der Sniper-Szene, die wir in einem Fenster des Hostels gedreht haben. Später wird diese Aufnahme mit einer weiten Aufnahme einer Parkanlage zusammengeschnitten.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.