
"Erfolgsfime mit der richtigen Dramaturgie" - ein Buch von Werner van Appeldorn über dramaturgische Entwicklung von Filmprojekten aus den Sparten Unterhaltungsfilm, Dokumentarfilm und Lehrfilm.
Bücherrezension/Kurzfassung aus der Filmecke:
“Erfolgsfilme mit der richtigen Dramaturgie”
Von: Werner van Appeldorn
Wer bei Werner van Appeldorn nach Regiekredenzien auf imdb und Konsorten sucht, wird nur zwei Filme aus den 50ern finden. Nichtsdestotrotz ist “Erfolgsfilme mit der richtigen Dramaturgie” voll guter und inspirierender Ideen, die in der wahren Welt oft zu wenig Beachtung bekommen. Appeldorn behandelt drei Typen an Filmen:
- Unterhaltungsfilm (Spielfilm, Feature)
- Dokumentarfilm (Reportage, Nachrichtensendung)
- Lehrfilm (Instruktion/Tutorial, Schulfilm)
Dazu kommt noch eine besondere Art von allen diesen Filme:
Interakativer Film
Eine neue und nur selten verwendete Art des Films wird durch das Buch hinweg theoretisch behandelt: Der interaktive Film (in anderen Quellen als Computerspiel klassifiziert). Hierbei hat der Zuseher die Möglichkeit, beschränkt mit dem Film zu interagieren und in einer Ego-Perspektive den Film zu erleben. An manchen Stellen kann er Entscheidungen treffen, die dann meistens wieder auf den Haupthandelsstrang zusammenführen. Für jede Entscheidungsmöglichkeit müssen neue Szenen gedreht werden, was die Produktion natürlich viel aufwändiger macht. Während diese Gattung von Film anscheinend nie die wirklich breite Masse erreichte, so gab es einige erfolgreiche Experimente auf dem Gebiet. [In einer Zeit, in der Realtime-Rendering immer näher zu "polierter" 3D-Grafik rückt, könnten Appeldorns Überlegungen dank technischer neuer Möglichkeiten wieder an Wichtigkeit gewinnen, Anm. d. Toby] Auch im Dokumentar- und speziell im Lehrfilm ist Interaktivität eine interessante Überlegung, da der Zuseher Reporter spielen kann bzw. mit einer Figur im Film eine interaktive Lehrer-Schüler-Beziehung entwickeln kann.
Das Buch teilt sich in mehrere Bereiche, in jedem Bereich wird auf die Filmtypen spezifisch eingegangen:
Wirklichkeit
In diesem Kapitel stellt sich Appeldorn die Frage, was eigentlich Wirklichkeit ist und wie es im Film dargestellt wird. Es gibt einen grossen Unterschied zwischen filmischen Wirklichkeiten und “realen” Wirklichkeiten; etwa im Spielfilm muss eine Wirklichkeit kreiert werden, die zwar fiktiv aber glaubwürdig sein muss. Im Lehrfilm und Dokumentarfilm muss eine Auswahl an Wirklichkeit passieren – welche Teile der Wirklichkeit sollen gezeigt werden?
Erwartung
Der Zuseher stellt eine bestimmte Erwartung an einen Film. So, wie wir es in der Kunst kennen, wenn das Feedback auf ein neues Bild total kacke ausfällt, weil es “Nicht dem Titel entspricht”, muss man sich in der Filmwelt noch viel genauer überlegen, unter welcher Flagge man sein Projekt segeln lassen will. “Mord in der Scheune” und “Liebesabenteuer mit einem Verdächtigen” kann beispielsweise für den selben Film stehen, kreiert aber ein völlig andere Erwartung. Ebenso steht es mit Filmbeginnen, in denen eine Balance zwischen der richtigen Stimmung für den Film und erwartungssteigernder Actionsequenzen gefunden werden muss. Verschiesst man am Anfang eines Films sein ganzes Pulver, kann es schnell zu Frustrationen beim Zuschauer kommen. Beim Dokumentarfilm oder Lehrfilm muss man den Zuseher informieren, was er in diesem Film zu sehen bekommt – aber nicht, damit er sagt “gut, jetzt weiss ich alles”, sondern das Gefühl bekommt, den Rest des Filmes sehen zu wollen.
Spannung
Appeldorn führt eine grafische Darstellung der Dramaturgie eines Films ein: Ein gedärmeförmiger Verlauf, in dem die Spannungslevels eines Films als Wellenberge und -Tiefen dargestellt werden. Ähnlich wie beim Konzept des Spannungsbogens gibt es viele kleine Spannungsschwankungen und einige grosse Wellenberge. Die Frage ist: Wo platziert man diese Spannungsberge hin, um es dem Publikum nie langweilig werden zu lassen? Soll man am Anfang auf Spannung bauen, in der Mitte abflauen und dann wieder am Ende ordentlich reinhauen? Was ist dann in der Mitte? Wird man die Zuschauer verlieren? Es ist ein ständiger Balanceakt ohne Patentrezept – Appeldorn’s Ausführungen lassen einen tiefer denken und Horizonte erweitern. Der Dokumentar- und Lehrfilm muss damit jonglieren, wann welche Inhalte präsentiert werden und in welcher Reihenfolge einzelne Beiträge geschnitten werden, um die Aufmerksamkeit des Zusehers aufrechtzuerhalten.
Information
In diesem Kapitel geht es um die Frage: Wie viel soll der Protagonist wissen? Die Charaktere im Film? Der Zuseher? Was, wenn der Zuseher zum Protagonisten wird, beispielsweise im interaktiven Film? Wie viel Information sollte man bereitstellen, um die Spannung nicht zu gefährden oder die Verständlichkeit des Films zu untergraben? Soll Information visuell oder im Dialog übermittelt werden? Im Dokumentarfilm schlägt Appeldorn vor, anstatt den typischen Schemata, die Verhältnisse darstellen (plastikartige Streifen, die Millionen von Staatsschulden darstellen) tatsächliche Objekte mit Realitäts- und Protagonistenbezug herzustellen; beispielsweise könnte der Reporter kleine Münzstapel aufstellen und sie kommentieren, anstatt eingeblendete Grafiken für sich sprechen zu lassen.
Masse und Gewichte
Genau so wie in der 3D-Grafik, Fotografie oder Malerei eine wichtige Bildung die der gestaltungslehre ist und verschiedene visuelle Elemente visuelle Gewichte bekommen, ist es im Film unerlässlich, eine Gewichtsverteilung zwischen verschiedenen Charakteren, Dialogen und anderen dramaturgischen Elementen zu finden. Wenn ein Charakter zu viel Gewicht bekommt, könnte der Zuschauer verwirrt werden, wer denn nun die Identifikations-/Hauptfigur ist. Wie in allen anderen Bereichen gilt dem Balancieren und Jonglieren die wichtigste Rolle.
Bild und Ton
Der Ton ist oft genauso wichtig wie das Bild und kann dank neuer Technologien das Sehverhalten eines Zusehers beeinflussen – etwa mit Surround sound, bei dem man darauf vorbereitet wird, eine Kameradrehung oder Schnitt zu erwarten, weil im Hintergrund etwas raschelt. Auch die Musikwahl und benutzte Stimmen beeinflussen die Wahrnehmung des Zusehers stark.
Meine Schlussbemerkung
Es ist wichtig, als Künstler im “unkreativen” Geschäft des Produzenten herumzukramen und selbst etwas für das Drehbuchschreiben zu lernen. Schliesslich macht man einen Film nicht für sich selbst, sondern auch für den Zuseher. Der individuelle Regisseur muss lernen, wie er sich nicht nur ausdrücken, sondern verständlich und spannend ausdrücken kann. Appeldorns Buch mag teils technisch etwas veraltet sein, aber ich würde jedem angehenden Filmemacher – Regisseure, Drehbuchautoren wie auch Produzenten – dieses Buch uneingeschränkt empfehlen. Es mag etwas langatmig an manchen Stellen sein, aber die vorgeführten Beispiele sind unheimlich interessant und entwickeln sich im Laufe des Buches exemplarisch. Sehr interessant!
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Gerade um die Dramaturgie haben sich ne Menge schlauer Leute ne Menge schlauer Gedanken gemacht. So zufällig ist das garnicht. Ich habe Syd Field, Tom Lazarus, Joachim Hammann auf dem Nachttisch liegen und je mehr ich drüber nachdenke um so mehr haben sie recht.
Danach ist der Kern des klassischen Films die Heldenreise. Jemand bricht auf aus seinem gewohnten Leben um irgeindein Ziel (Frau/Gold/Mörder) zu finden. Dabei hat er ziemliche, sich steigernde Schwierigkeiten (durch das Böse), die ihn an seine Grenzen bringen (Ausweglosigkeit). Aber er überwindet sich und seine Grenzen (wird zum Held) und erreicht am Ende sein Ziel als reiferer/geläuteter/besserer Mensch. Ein Film zeigt also nicht irgendeine unbedeutende Episode in Lebenslauf seines Helden, sondern die überhaupt wichtigste Zeitspanne in seinem ganzen Leben. Die in der sich alles entscheidet. Die in der er der wurde der er am Ende ist.
Es ist verblüffend wie haarklein Megablockbuster (zuletzt Avatar) genau diesem Schema folgen. Irgendwie scheint das ein tief liegendes menschlichliches Bedürfnisse zu treffen. Es ist das Geheimnis des amerikanischen Kinos.
Sehr weise, ja!
Dieses Muster habe ich auch schon oft beobachtet. Was du auch ansprichst, die Entwicklung des Hauptcharakters, ist ganz wichtig. Es ist oft ein beklemmendes Gefühl einen Film zu sehen, in dem die Charaktere sich nicht entwickeln; es fühlt sich wie Stagnation an. Diese Heldengeschichte, dieser wichtigste Zeitabschnitt, das ist essentiell. Das Kürzen und komprimieren einer komplexen Handlung innerhalb von 1,5-2 Stunden mag auch geübt werden.
In diesem Buch geht es auch darum, nie zu lange Zeitspannen ohne Dramatik oder fesselnde Plotelemente zu überwinden. Die Sache ist bloss, das ganze stromlinienförmig und glatt aussehen zu lassen – in manchen Filmen merkt man nämlich, dass die Konflikte auf dem Weg zum Ziel nur des Konflikts wegen da sind und nichts zur Story beitragen. Die Filme sind dann dementsprechend un-erfolgreich
Wenn der Charakter sich nicht entwickelt, dann ist es Fernsehen. Klar, wo soll sich ein Charakter auch 178 Folgen lang hin entwickeln. Der Zuschauer will ja gerade jede Woche seine ‘alten Bekannten’ wiedersehen (DrHouse, Monk, NCIS, AkteX, SexAndTheCity). Ein bisschen was kann man tun, wenn eine Serie von Anfang an auf ein Ende hin läuft (Lost, 24, FlashForward, UglyBetty), aber typischerweise begegnen einem ‘fertige’ Charaktere, die sich nicht entwickeln.
Stattdessen besteht die Handlung darin, dass die Welt in Unordnung kommt (durch Krankheit oder Verbrechen oder Monster) und der Held die Ordnung wieder herstellt (durch Heilung/Verhaftung/Vernichtung). Auch eine wichtige Grundstruktur, schliesslich verdienen viel mehr Leute ihre Brötchen mit dem Fernsehen als mit dem Kino.
Es gibt auch berühmte Film(Serien), in denen sich der Held kaum oder garnicht entwickelt. Z.B. JamesBond. Wenn man einen zweiten und dritten und vierten Teil von Superman oder Rocky dreht, muss man dem Zuschauer natürlich die bekannte Person wieder liefern. Ich denke heute drehen viele Regisseure so gerne Prequels, weil sie dann nämlich ‘gefahrlos’ die Entwicklung des Helden zeigen können. In einem Sequel ist das ein grosses Risiko.
Anders als im amerikanischen Film scheint mir Im asiatischen Film die Wiederherstellung der Ordnung in der Welt tendziell wichtiger zu sein, als das der Held eine neue Entwicklungstufe erreicht. Aber so ein Fachmann bin ich da auch wieder nicht.
PS: Das Buch kenn ich nicht, aber “Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt” ist in Deutschland ein echter Klassiker
Da haste total recht, sehr cooler Denkansatz!
Im Fernsehen gibts tatsächlich weniger Charakterentwicklung; wobei es eben Serien gibt, wo diese Entwicklung Basis des Plots ist, zB “The OC” – dort hat sich der kleine, schüchterne Seth zum wortgewandten Typen mit Hammerfreundin entwickelt, oder der rauhe Ryan sich in einen barmherzigen Erwachsenen verwandelt. Die Verwandlungen haben in Serien aber mehr “Rückfallgehalt”, wo in Filmen einfach nicht die Zeit ist, dass der Held dauernd in alte Muster zurückfällt.
Ich glaube, das perfekte beispiel für sich nicht entwickelnde Charaktere sind Srien wie die Simpsons oder Southpark … da sind die Folgen auch nicht aufeinander aufgebaut sondenr können unabhängig voneinander betrachtet werden. Bei Dr. House etc. haben die einzelnen folgen weniger miteinander zu tun als zB bei The OC, wo man als Zuschauer einfach keinen Zutritt findet, solange man die Serie nicht von Anfang an verfolgt
Dass der Fliwatüüt-Film so bekannt ist, hab ich gar nicht gewusst. Werd das im Artikel mal ausbessern