Salton Sea und die Polterfrauen

Der grösste See Kaliforniens ist nicht, wie viele wohl annehmen, der Atlantik, sondern ein relativ unbekannter Wasserkörper namens Salton Sea. Als erster hörte ich von der Salton Sea als ein Bekannter meinte, es würde dort total apokalyptisch aussehen. Perfekt also für ein Filmprojekt – und tatsächlich, ein Blick auf Wikipedia bestätigte den Verdacht: Die Salton Sea ist eine fortschreitende Umweltkatastrophe, die Postapokalypse im Gurkenglas sozusagen. Kreiert durch einen Dammbruch um 1900, wurde der versehentlich entstandene See innerhalb von 50 Jahren zu einer grossen Touristenattraktion und kleinere Städte begannen, rundherum zu entstehen. Zu dumm, dass der See keinen Ausfluss hatte. Die Salzkonzentration erhöhte sich zunehmend, Abwässer wurden eingeleitet, und die Fische begannen zu sterben. Mit dem Fischsterben kam der Gestank, und heutzutage sind viele dieser kalifornischen Ferienhäuschen-Städte untote Dörfer. Geil. Perfekt für einen Fototrip… und da Lorena gerade bei einem Polterwochenende in Palm Springs (40min von der Salton Sea entfernt) für ihre Freundin Shelby ist (die heiratet), kann ich der Postapokalypse und den gleichsam ausser Rand und Band geratenen Polterfrauen einen Besuch abstatten.

4:00 Früh – die Zeit der wahren Männer

Um 1:00 gehe ich schlafen, um 3:30 wache ich auf. Wer sowas nicht aushält, kann in der Fotografiebranche gleich mal scheissen gehen. Sonnenaufgang bei der Salton Sea soll um 5:48 sein, und ich will unbedingt vor Sonnenaufgang ankommen. Ich springe in den Pontiac Firebird und brause in die stille Nacht. Für eine Stunde bei 130 km/h und 2100 Kurbelwellen-Umdrehungen pro Minute ist von Ländlichkeit keine Spur – Los Angeles ist und bleibt die nie endende Stadt. Endlich dann passiere ich die Besiedlung, bleibe kurz bei einem Unfall stecken, komme auf einen dünnen Freeway und fahre in ein niedliches Gebirge hinein. Der Himmel ist schon gefährlich hell, obwohl ich erst 25/40 des Weges zurückgelegt habe. Gerade, als ich mich ärgern will, komme ich in eine gigantische Nebelfront. Unmenschlich… man sieht die eigene Rotzglocke vor den Augen nicht mehr.

Plötzlicher Nebel in einem kleinen Gebirgszug verpatzt mir die Sicht. Mit einer halben Hand lenkend, mit eineinhalb Händen die Kamera haltend und fokussierend, durch die Kamera starrend und Bilder schiessend, bewege ich mich alles andere als behutsam durch das Wetterphänomen.

Plötzlicher Nebel in einem kleinen Gebirgszug verpatzt mir die Sicht. Mit einer halben Hand lenkend, mit eineinhalb Händen die Kamera haltend und fokussierend, durch die Kamera starrend und Bilder schiessend, bewege ich mich alles andere als behutsam durch das Wetterphänomen.

Armee der Windräder

So schnell wie ich in die Nebelschwaden gerate, so schnell werde ich daraus wieder ausgespuckt. Die Sonne leckt bereits die Bergwipfel am Horizont, mein geplantes Sonnenaufgangsfoto an der Salton Sea ist Geschichte. Bevor ich aber aus Wut noch die Musik lauter drehen kann – ich bin ein ganz Gefährlicher – taucht eine taubstumme Armee auf. Don Quixote’s perverser Alptraum, Al Gore’s feuchte Fantasie – eine unübersehbare Matrix von Windrädern. Ich bin förmlich luft- und sprachlos. Da die Sonne so oder so gerade aufgeht, parke ich auf dem kaum existenten Pannenstreifen und mache erstmal eintausend Fotos.

Unendlich viele Windräder in dem Bergkorridor direkt neben dem Freeway. Man fährt mindestens 15 minuten bei ca. 100km/h, bevor man den Windpark wieder verlässt.

Unendlich viele Windräder in dem Bergkorridor direkt neben dem Freeway. Man fährt mindestens 15 minuten bei ca. 100km/h, bevor man den Windpark wieder verlässt.

Gerade, als die Sonne aufgeht, werden ihre jungen Strahlen von grossen Windanlagen zersäbelt. Und ich bin live dabei.

Gerade, als die Sonne aufgeht, werden ihre jungen Strahlen von grossen Windanlagen zersäbelt. Und ich bin live dabei.

Der Pontiac Firebird bei einer kleinen Fotorast vor dem gigantische Windpark.

Der Pontiac Firebird bei einer kleinen Fotorast vor dem gigantische Windpark.

Weiter gehts auf der Autobahn; eine Hand am Kameraauslöser, die zweite Hand am Kamerazoom, die dritte am Fokus (mein Autofokus ist kaputt), und die vierte Hand am Lenkrad. Fraglos ein äusserst gefährliches Vorgehen – merkt man, wenn man das Auge vom Sucher absetzt und plötzlich vier Spuren weiter links ist, als man die Kamera ansetzte. Oder, wenn plötzlich vor der Linse eine scharfe Kurve auftaucht… naja, halb so wild, als Fotograf lebt man sowieso gefährlich.

Tal der toten Fische und “keinen verlassenen Häusern”

Endlich komme ich bei der Salton Sea an. Ohne Ahnung, wo ich die coolsten Fotomotive finden werde, nehme ich die Abfahr bei Salton City und schlage ich mich durch Kiesbetten-artige Strassen, die scheinbar  einst für Besiedlungsprojekte konstruiert wurden – doch die meisten Grunstücke von Salton City sind entweder leer und verwahrlost, unfertig bebaut und verwahrlost oder von verfallenen Häusern belegt und verwahrlost.

Ganz Salton City? Nein! Ein kleines Dorf in Gallien … ach quatsch. Zur Anerkennung der Bewohner von Salton City muss ich sagen, dass es tatsächlich noch ein paar Gebäude gibt, die einen gepflegten Rasen und ein gewaschenes Auto vorzeigen können. Die Inhaber lassen sich aber nicht wirklich blicken. Mein einziger Menschenkontakt in Salton City sind zwei Jugendliche und deren Vater, die gerade den familieneigenen Sattelschlepper um halb acht Uhr morgens waschen. Ich frage -rein aus Skandalgeilheit – den kleinen Jungen, der gerade die ihn überragenden Vorderräder des väterlichen Trucks wäscht: “Hey, are there any abandoned buildings around here? Like, abandoned businesses or something like that?”

Der kleine Junge versteht nur Bahnhof, vermittelt mir den grossen Bruder und schrubbt weiter am Chromgummi.

“Abandoned buildings? No … I haven’t seen any. Sorry. Maybe in the next city.”

Wie realitätsfern kann man sein? Vor einer minute habe ich noch einen mit Müll beladenen Garten eines halb zerfallenen Bungalows durchmistet, und jetzt erzählt mir dieser Hanswurst, dass hier heile Welt ist? Kann sein, dass die Ausdünstungen der toten Fische schizophrene Fata Morganas für diese armen Jungs erschaffen. In der Nachbetrachtung muss er wohl rechtgehabt haben. Wie diese Fotos beweisen, ist Salton Sea immer noch ein Touristenmagnet der Extraklasse; das reinste Paradies für Immobilienhändler:

Tote, verdorrte Fische am Strand von Salton City. Darf ich Ihnen das Fischfilet des Tages anbieten?

Tote, verdorrte Fische am Strand von Salton City. Darf ich Ihnen das Fischfilet des Tages anbieten?

Das einzig Lebendige in diesem Ort war wohl mein Pontiac Firebird ...

Das einzig Lebendige in diesem Ort war wohl mein Pontiac Firebird ...

Ein toter Baum, der wie ein Skelett in den tiefblauen Himmel ragt. Gruselig.

Ein toter Baum, der wie ein Skelett in den tiefblauen Himmel ragt. Gruselig.

Zerfetzte Telefonbücher an der Aussenseite eines komplett leerstehenden und mit Müll überhäuften Hauses.

Zerfetzte Telefonbücher an der Aussenseite eines komplett leerstehenden und mit Müll überhäuften Hauses.

Zwei Minuten weit von der Truckerfamilie, die mir versichert, Salton City hätte nie einen Massenauszug erlebt: Vier Häuser, die nie vollendet wurden: Drinnen sind die Verkabelungen bereits gezogen und Steckdosen platziert - aber von Bauarbeitern oder Besitzern fehlt seit Jahren wohl jegliche Spur.

Zwei Minuten weit von der Truckerfamilie, die mir versichert, Salton City hätte nie einen Massenauszug erlebt: Vier Häuser, die nie vollendet wurden: Drinnen sind die Verkabelungen bereits gezogen und Steckdosen platziert - aber von Bauarbeitern oder Besitzern fehlt seit Jahren wohl jegliche Spur.

Da zog selbst ich meine Augenbrauen hoch: Ein Motorboot, das mitten im Boden steckte und gen Himmel ragte. Das hat bei seiner Jungfernfahrt wohl einen Senkrechtstart versucht...

Da zog selbst ich meine Augenbrauen hoch: Ein Motorboot, das mitten im Boden steckte und gen Himmel ragte. Das hat bei seiner Jungfernfahrt wohl einen Senkrechtstart versucht...

Ein verlassenes Haus am Rande der Salton Sea Marina.

Ein verlassenes Haus am Rande der Salton Sea Marina.

Dann besuche ich die Polterfrauen (als einziges Nicht-Weibchen), grille für sie bei 40 Grad im Schatten, esse fast vier Hamburger und mache mich auf den Heimweg. Spass muss sein.

Dr. Grillmeister und Lorena beim zügellosen Fressen. Das Wetter war heisser als das Essen.

Dr. Grillmeister und Lorena beim zügellosen Fressen. Das Wetter war heisser als das Essen.

Verdorrte Bäume markieren die Ausfahrt aus der Wüste. Nach ihnen kommt man wieder in den Windkorridor - und dann zurück in die chaotische Zivilisation von Los Angeles.

Verdorrte Bäume markieren die Ausfahrt aus der Wüste. Nach ihnen kommt man wieder in den Windkorridor - und dann zurück in die chaotische Zivilisation von Los Angeles.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.