Der Julia-Marathon eine Woche vor Abreise – Teil 1

Vorgeschichte

Mehr oder weniger durch Zufall und Dank Facebook kam ich vor einigen Monaten wieder in Kontakt mit einer meiner Schauspiel-Lehrerinnen aus Wien (damals nahm ich Schauspielklassen aus allgemeinem Interesse und weil ich Charakter-Animator werden wollte). Julia, so heisst meine ehemalige Phonetiklehrerin, wollte sich in Los Angeles ein wenig umsehen und erzählte mir dann von der Idee, ein Showreel (kurzer Zusammenschnitt schauspielerischer Höhepunkte um sich für Filmprojekte zu bewerben) zu machen. Ich war anfangs etwas zögernd, sah dann aber meine Chance: Wenn wir Szenen für ein Showreel machen, die nicht nur schauspielerisches Talent zeigen, sondern auch Cinematographisches bzw. Regiearbeit, dann wäre das eine Win-Win Situation für alle Beteiligten.

Hiroki, wie üblich, war Feuer und Flamme für die etwas unübliche Idee (wie schon damals für unseren Pontiac-Werbefilm in der Wüste und die 72-Stunden-Schlaflosigkeitsidee).

Vorbereitung

Wir treffen uns mit Julia in einem Cafe und diskutieren unsere Möglichkeiten. Wir wollen vier Szenen aufnehmen, die sie in ihrem Reel verwenden kann – und die wir in unserem Reel ebenfalls verwenden können. Sprich: Grossartige, ausgefallene Drehorte, interessante Effekte, ausgeprägte Bewegungen und intensiver, emotionaler Dialog mit viel Spannung.

Nach etwas Diskussion kommen wir auf vier verschiedene Drehorte und Szenen:

  1. Klippen in Palos Verdes: Eine Selbstmordszene
  2. Telefonzelle in Downtown LA: Ein Abschiedsmonolog
  3. Chinatown-Bazar: Eine Verfolgungsjagd mit anschliessender Konfrontation
  4. LA River / Eisenbahnschienen: Eine Freunschaftsszene

Über die Sommermonate werde ich nach Europa zurückkehren, also planen wir den Dreh auf das Wochenende vor meiner Abreise – und damit können wir unser Material sogar beim SMC Film Festival (vom Filmclub organisiert) einreichen. Sprich: Samstag und Sonntag ist Drehtag, Sonntag und Montag Nacht ist Editing-Zeit, Freitag ist Film Festival und am Montag fliege ich ab nach Österreich. Stress hilft der Kreativität…

In der Nacht vor unserem ersten Drehtag treffe ich mich mit Hiroki in meinem Apartment und wir gehen gemeinsam durch unsere Notizen. Kamerawinkel, Shotlisten und Dialog-Kamera-Beziehungen. Er wird DP (Director of Photography / Cinematograph) sein, während ich Regie führen werde. Julia hat für die Klippenszene sowie für Chinatown schon jeweils einen Schauspielpartner aus der Schauspielschule gefunden und die Dialoge für Chinatown und die Telefonzelle geschrieben. Phänomenal, ich bin komplett hin und weg von ihrem Geschreibe.

Hiroki hat inzwischen die Klippenszene zu seinem Baby gemacht und den Dialog verfasst.

“Toby, is it ok if I direct the cliff scene?”, fragt er. “And you can be DP on it?”

Also führe ich Regie in drei Szenen und bin Kameraman in einer – grossartig, das ist mir total recht. Hiroki hat bereits die Klippenszene ge-storyboardet, während ich nur Bilder in meinem Kopf habe bezüglich der Szenen, in denen ich Regie führen werde.  Bei jedem Dreh, in dem mehr as zwei Leute involviert sind, sollte man ein “Call Sheet” oder “Shot Schedule” bereit haben; ein simpler oder superkomplexer Zeitplan für den Dreh. So sieht unserer aus:

—-SATURDAY—-
Pick Up: 6:30 AM
Arrival in Downtown: 7AM (first establishing shot right at arrival)
Start Shoot in Downtown: 7:30AM
Finish Shoot in Downtown: 10:30AM
LUNCH, COMPANY MOVE
Arrival Chinatown: 12PM
Start Shoot Chinatown: 1PM
End Shoot Chinatown: 4-5PM
——————-

—-SUNDAY——
Pick up: 6:30AM
Arrival at Cliff: 7:30AM
Start Shoot: 8:30AM
End Shoot: 12PM
LUNCH, BREAK, REHEARSAL, COMPANY MOVE
Arrival Train Tracks: 4:30PM
Start Train Tracks: 6:30PM
End Train Tracks: 7:30PM
——————

Aus Angst, nicht um 6 Uhr aufwachen zu können, schlafen Hiroki und ich auf einem Campingbett bzw. Stühlen in meinem Wohnzimmer. Mein Bett steht diese Nacht ganz leer. Mann, bin ich aufgeregt!

Downtown Telefonzellen-Monolog

Die Telefonzelle in Downtown Los Angeles, an der wir den Telefonzellen-Monolog drehen. Gefunden ganz gemütlich von zuhause aus mit Google StreeView.

Die Telefonzelle in Downtown Los Angeles, an der wir den Telefonzellen-Monolog drehen. Gefunden ganz gemütlich von zuhause aus mit Google StreeView.

Wir kommen fast nach Zeitplan an, parken uns auf einem Parkplatz direkt hinter jener Telefonzelle – die ich mit Googlemaps gefunden habe – und beginnen zu drehen. Ich als Schmalspurregisseur, Hiroki als Cinematograph. Die Szene ist von Julia geschrieben und beschreibt einen intimen Abschied: Sie spricht ganz leise und behutsam. Hiroki und ich, wir Volldeppen, dachten bei unseren Vorbereitungen natürlich nicht an das Soundequipment und die Möglichkeit, dass die städtische Müllabfuhr und Frühverkehr etwas lauter sein würden als gewisperte Abschiedsworte.

Standbild aus dem Rohmaterial von "Phone Booth Farewell". Im Hintergrund ist Downtown LA zu sehen.

Julia Koch: Standbild aus dem Rohmaterial von "Phone Booth Farewell". Im Hintergrund ist Downtown LA zu sehen.

Die viertelwegs wirksame Lösung:  Julia spricht lauter, ich stehe hinter ihr (im Kamada-Off) mit ein paar Matten, die wir zufällig dabeihatten. Damit lässt sich der Sound ein wenig verbessern und das ganze Gemurmel des Stadtverkehrs wird etwas dumpfer. Wir drehen ziemlich schnell, sind fast eine Stunde vor Zeitplan fertig. Damit heisst es: Nichts wie ab nach Chinatown und dort Adam, den Schauspielpartner für unserer nächste Szene, treffen. Angekommen in Chinatown setzen wir uns in ein gemütliches Cafe und übertragen die Aufzeichnungen der Kamera auf Hiroki’s Laptop. Noch eine Stunde bis geplanten Drehbeginn.
“Toby, there is a problem.”, meint Hiroki und deutet auf den Bildschirm seines Macbooks.
“What is it?”
“It doesn’t want to transfer the files.”

Scheisse. Bald wird Adam zu uns stossen, unsere 12GB-Speicherkarte ist beinahe voll und der  USB-Transfer funktioniert nicht. Kein Wunder, schliesslich versuchen wir gerade, 12GB von der Karte in den Laptop zu pferchen. Zu allem Überfluss stellen wir fest, dass auf dem Laptop nur noch ca. 10GB frei sind.

Fortsetzung  folgt hier…: Teil 2 des Julia-Marathons

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.