Der Julia-Marathon eine Woche vor Abreise – Teil 2

Fortsetzung von: Der Julia-Marathon eine Woche vor Abreise – Teil 1

Wir sitzen also da, über uns kratzt der Ventilator sein Gewinde, unter ihm kratzen wir uns am Kopf: Der Laptop nimmt die Daten nur verflucht langsam auf. Dazu kommt noch, dass ich die Stelle nicht mehr finde, die ich auf Googlemaps als Hauptdrehplatz auserkoren habe; eine beinahe surreale Hintergasse voller Holztreppen, Wäscheleinen und wackeligen Ziegelsteinwänden. Ich trage Julia und Adam – den Schauspielern – auf, die Dialoge noch einmal gemeinsam durchzugehen (Julia und Adam haben ihren Text und Inhalt selbst kreiert, von mir stammt nur die allgemeine Idee zu der Szene), und bitte Hiroki darum, eine Lösung für das Laptopproblem zu finden – während ich mich auf die Suche nach besagter Hintergasse mache.

Chinatown von der Rückseite

Ich laufe. Ich laufe gerne, fast jeden Tag. Nicht, um zu joggen, sondern um schneller zu sein. Schneller als die Geher, schneller als die Konkurrenz. In meinem Kopf versuche ich, googlemaps wieder ins Gedächtnis zu bekommen. Ich habe eine ungefähre Ahnung, in welche Richtung ich muss – aber weiss nicht, ob ich am richtigen Platz losstarte. Mir weichen allerlei Leute aus; inzwischen fühle ich mich bereits wie in China: Bis auf die Strassenschilder, und selbst die zum Teil, ist fast alles in Chinesisch geschrieben. Selbst die “Bank of America” ist in einer chinesischen Pagode untergebracht. Ich laufe an einer spitzdächrigen Tankstelle vorbei, die ebensogut einem Comic entspringen könnte, haste über die Strasse und laufe auf einen Parkplatz. Neben dem Parkplatz stehen zwei hohe Gebäudereihen – in der Mitte ist ein Loch. Ich schlage mich durch die geparkten, staubigen Autos durch und da steht sie … die schönste Gasse von ganz Chinatown. So, als wäre ich in “Mao – behind the Scenes” gelandet. Original.

Ich folge der Gasse, laufe aus ihr heraus und finde mich plötzlich in einem superkünstlichen, chinesischem Dorf wieder; die Häuser sehen aus wie Filmkulissen aus Pappmache und kleine rote Lampions hängen fröhlich in den blauen Himmel hinein. Geil. Perfekt. Ich entdecke noch eine zweite Hinterstrasse, laufe weiter durch die Filmkulissen, schiesse Fotos, und kehre nach etwa 40 Minuten Faszination in das klimatisierte Cafe zurück. Hiroki hat inzwischen herausgefunden, dass einzelne Files übertragen werden können und schiebt Gigabyte für Gigabyte auf seinen Laptop. Nach einer weiteren halben Stunde steht alles, wir sind aufgeregt – und begeben uns zum ersten Drehort in Chinatown.

Verfolgung ohne Lizenz & Flucht aus dem Filmparadies

Am Anfang steht eine Verfolgungsjagd in einem engen, chinesischen Markt; ein Bazar, in dem allerlei Krimskrams in Geschäften verkauft wird, die den gerade mal 1.5m breiten Gang säumen. Wir montieren die Kamera am mitgebrachten Kran, für den ich bereits Pläne habe – er soll die Verfolgung von oben filmen. Auch mit im Gepäck: Kevin’s Steadicam, die wir bereits in der Wüste gebrauchen konnten. Neu ist allerdings ein 3.5kg schwerer Kühlwasserkanister, den Hiroki und ich am Vorabend an der Steadicam angeklebt und ausgetestet haben – er soll der Steadicam zusätzliches Gewicht geben und so für eine glattere Kameraführung sorgen – und die braucht man, wenn man eine Verfolgungsjagd dreht.

Wir filmen mit und ohne Kran für etwa eine halbe Stunde, als Hiroki ganz erschrocken von einer Kameraverfolgungsjagd zurückkehrt und mir berichtet, dass ein Security ihm angedroht hat, die Kamera wegzunehmen und die Polizei zu rufen, sollten wir das Drehen nicht einstellen. Einzige Ausnahme: Wenn uns ein paar Ladenbesitzer das Filmen erlauben. Ich sage “filmen wir einfach hier weiter” – als plötzlich der verfluchte Security um die Ecke biegt. Hiroki versteckt sich und seine Kamera in einem Geschäft hinter einem Kleiderständer, der Security geht an uns vorbei. “Sorry”, sage ich zum Ladenbesitzer, der uns nach kurzem gespräch sein Geschäft als Filmversteck zur Vefügung stellt. Wir filmen noch zwanzig Minuten weiter, dann geht es ab in die Hintergassen.

Standbild aus der Verfolgungsjagd in "Chinatown Love Rectangle". Mit roter Haube: Julia Koch.

Standbild aus der Verfolgungsjagd in "Chinatown Love Rectangle". Mit roter Haube: Julia Koch.

Köche, Hinterausgänge und ein Voyeur

Bevor der tatsächliche Dialog beginnt, muss die Verfolgungsszene noch abgerundet werden. Wir treffen zufällig auf ein paar Köche, die uns nachstarren.
“Excuse me, could these two actors run out of your back door? We are trying to make a student film here, and it would be cool if they could emerge from there…”

Es wird der Manager aus der dampfenden Küche geholt – nach kurer Verhandlung willigt er zögernd ein. Umso breiter mein Grinsen, als ich das erste Take ansehe: Der Manager hat sich wie eine Comicfigur aus der Tür gelehnt und unseren zwei Schauspielern nachgeschaut. Geil, wir wollen das reproduzieren. “Do you want to be a star in our movie?” – darauf kann er nicht nein sagen und freut sich bestimmt ganz viel, als ihm seine untertanen Köche für den Auftritt applaudieren.

Eine Weile später filmen wir den tatsächlichen Dialog. “We thought about something, let us just show you”, meint Julia zu mir. Gerne, ich habe nämlich nicht einmal den Hauch einer Ahnung, wie sich die Szene abspielen wird. Als Regisseur den Dialog nicht zu kennen, ist mehr als nur überraschend, wie ich zehn Sekunden später feststellen muss – es ist voyeuristisch. Vor mir schreien sich diese zwei Menschen an, und ich stehe zwei Meter daneben – so, als ob ich nicht einmal existieren würde, als ob ich unsichtbarer Beobachter im Privatleben von echten Personen wäre. Vier Minuten später ist der Zauber vorbei, und beide sehen mich fragend an. Ich bedeute Hiroki, den teilweise aufgezeichneten Dialog zu speichern, und hüpfe vor Aufregung.

Standbild aus dem Dialog von "Chinatown Love Rectangle". Zu sehen: Adam Caplan.

Standbild aus dem Dialog von "Chinatown Love Rectangle". Zu sehen: Adam Caplan.

Noch nie in meinem Leben habe ich so etwas pervers Gutes gesehen, so etwas verflucht reales. Ich bin drogenhaft euphorisch und jauchze vor Glück, einfach der Erfahrung wegen. Ich konnte live dabei sein, und habe das ganze Unternehmen auch noch zu verantworten. Saugeil, ich könnte vor Aufregung bis in den Nacken grinsen.
Als Regisseur wäre es ja meine Aufgabe, gewisse Dinge zu korrigieren und anzupassen, oder die Schauspieler in eine andere Richtung zu bewegen. Doch – ich habe keine Kritik. Vielleicht habe ich immer noch zu wenig Ahnung von Regie, vielleicht habe ich zu wenig Ahnung von Schauspiel – und vielleicht liege ich total richtig darin, den beiden einfach zu sagen: “That was perfect! Do you wanna try it again or do you want us to film it already?”

Nach einem zweiten Durchspielen machen uns Hiroki und ich daran, das Ganze zu filmen. Ich bin immer noch am innerlichen Freudentanz, während ich versuche, die Bewegungsabläufe und Blickrichtungen zu koordinieren – denn die müssen bei den drei Durchläufen (ganz klassisch; ein Überblick, einmal die Kamera nur auf Julia, einmal nur auf Adam) ziemlich gleich sein, sonst kommt das mit dem Schnitt in Konflikt. Uuuuund … that’s a wrap for today.

Wieder um 6 Uhr aufstehen, diesmal eine Klippe hinunterspringen

Der Pontiac Firebird hat am Strassenrand zu warten, während wir uns in die Dreharbeiten und die Tiefe stürzen.

Der Pontiac Firebird hat am Strassenrand zu warten, während wir uns in die Dreharbeiten und die Tiefe stürzen.

Diesmal fällt es uns etwas schwerer, so früh aufzustehen; schliesslich sind wir nicht im Zeitdruck des Sonnenaufgangs oder Frühverkehrs. Ab geht es nach Palos Verdes, wo Hiroki und ich bereits “Location Scouting”, also Schauplatzbegutachten, waren. Fotos vom Location Scouting gibt es hier. Da wir also den Drehortz genau erkundschaftet haben, wissen wir in etwa die Shotabfolge und das “Blocking” unserer Schauspieler – also wer wo steht. Wir treffen David am Set, einen Schauspielkollegen von Julia, mit dem sie gemeinsam einen Schauspielkurs belegt.

Diesmal bin ich Kameramann und Hiroki Regisseur, und während er mit David noch letzte Dialogänderungen durchgeht, weise ich Julia an, durch das lange, gelbe Gras zu streifen; bereits beim Location Scouting wusste ich, dass ich dort etwas schiessen will – und es macht eine nette Anfangssequenz. Diesmal kommt unsere beschwerte Steadicam auch zu bestem Einsatz, die ich einfach umdrehe und mit dem Gewicht oben und der Kamera tief unten weich durch das Gras streichen kann. Das Tolles ist natürlich, dass Hiroki sich eine geile 55m-Festbrennweitenlinse zuegelegt hat. Mit diesem Objektiv kann man das Auge des Betrachters auf einen sehr kleinen Ausschnitt des Bildes führen und selbst in sehr dunklen Lichtverhältnissen helle Bilder schiessen. Perfekt also für die – eigentlich verwirrenden – Grashalme, von denen 95% total verschwommen erscheint.

Standbild aus "The Cliff" - hier ist Julia Koch und gelbes Gras zu sehen, das den Film einleitet.

Standbild aus "The Cliff" - hier ist Julia Koch und gelbes Gras zu sehen, das den Film einleitet.

Hiroki und die Schauspieler diskutieren die Herangehensweise an die Darstellung – soll es komplett ernst und tragisch sein, oder soll es eher trockener Humor werden? Gemeinsam streichen sie bestimmte Stellen im Skript, die zu unnatürlich wirken, und proben ein paar Durchläufe abseits der tatsächlichen Klippe. Ich suche mit inzwischen gut Kamerapositionen und guten Halt auf einem gegenüberliegenden Hang.

Das Shooting verfläuft problemlos, wobei ich mich mehrmals sicher in aussergewöhnliche Kamerastandorte begebe (nur Weicheier würden es Lebensgefahr nennen) – beispielsweise lege ich mich auf einen 50cm breiten Vorsprung der Klippe, um eine Aufnahme von unten fabrizieren zu können. Da Julia am Anfang des Filmes allein auf der Klippe steht, verlegen wir all diese Aufnahme für später, damit David früher gehen kann. Rücksicht auf Schauspieler und deren Tagesplanung zu nehmen ist immer ein Bonus am Filmset.

Zu unserem Glück bleibt das Wetter konstant bewölkt für ganze fünf Stunden – so lange dauert der Dreh samt Mittagspause. Ich benutze alles, was in meiner Kameramanntrickkiste verfügbar ist – langsame “sliding”-Aufnahmen, bei denen ich die Kamera auf unserem Holzbalken-Kamerakran (How-To Tutorial für den Kamerakran hier) mittels eines Pappendeckelzuges hin- und hergleiten lasse, Kranaufnahmen, Steadicam – alles, nur kein Stativ. Das Tolle am behelfsmässigen Kamerakran in dieser Situation sind die Aufnahmen, bei denen sich die Kamera übr die Kante der Klippe hinausbewegt – was ohne Kran selbstverständlich nicht möglich wäre.

Standbild aus "The Cliff", mit unserem Kamerakran geschossen. Zu sehen: David Franklin und Julia Koch.

Standbild aus "The Cliff", mit unserem Kamerakran geschossen. Zu sehen: David Franklin und Julia Koch.

Völlig erschöpft vom Drehen entscheiden wir uns, die Szene am L.A. River zu streichen und uns einfach mal schlafen zu legen. Dieser Plan wird selbstverständlich von unserer Getriebenheit durchkreuzt – und ganz  ohne Rücksicht auf unsere Gesundheit sitzen Hiroki und ich an diesem Abend gemeinsam in meinem Wohnzimmer am Esstisch, bewaffnet mit Cola und Früchten, auf unsere Bildschirme starrend: Wir sind bereits am Schneiden des Materials. Und zwar nicht, bis es spät ist – sondern die ganze Nacht hindurch. Schliesslich ist in wenigen Tagen das Filmfestival des SMC Filmclubs – und dafür wollen wir wenigstens Rohschnitte unseres Materials fertig haben.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.