Pornöse Verrücktheiten in Bremen – Teil 2 (und Abschied von Europa)

Fortsetzung von “Pornöse Verrücktheiten in Bremen – Teil 1

Rasierschaum-Abenteuer, Frauen mit Eimern und ein bisschen Entsetzen

Die Lust der Fotografie treibt uns wieder in die späten Nachtstunden – und alles was nicht niet- und nagelfest ist, wird in die Fotografie mit eingebunden. So auch eine Dose Rasierschaum, die ich mir in Prag zugelegt habe. Dank der Geduld des kleinen Bruders Simon – der mit Pommade und offenem Hemd jede Frau schwach werden lässt – werden Fotos von ungeahnter Schaumigkeit möglich. Der vorletzte Abend, gerade noch einen Tag von unserem Film entfernt.

Kurzbeschreibung des Films: Ein junger Freier verliebt sich in eine Hure, trifft sich mit dem Zuhälter um sie freizubekommen, doch versagt. Beim Versuch, sie aus dem Puff zu befreien und mit ihr davonzulaufen entsteht ein Streit zwischen den Beiden; der Türsteher bekommt Wind davon und knüppelt beide auf den Kopf. Eine der drei Personen muss nun vor dem Zuhälter gerade stehen – doch wer, ist uns unbekannt…

Vanessa, die Freundin von Grossbruder Benedikt, lässt ebenfalls nicht locker, deshalb setze ich ihr einen Mülleimer auf den Kopf. Ein paar Fotos sagen mehr als ein doofer Absatz:

Eimerfrau mit Zange

Eimerfrau mit Zange

Vanessa beim Hexenschuss-Posaunen

Vanessa beim Hexenschuss-Posaunen

"Aaaach ... Tobi, Mensch..."

"Aaaach ... Tobi, Mensch..."

Der traurige Simon

Der traurige Simon

Schaffe, schaffe, Häusle baue.

Schaffe, schaffe, Häusle baue.

Der Schaumkönig

Der Schaumkönig

Hingerotzt und draufgetrötet - so fühlt sich der entsetzte Schaumkönig in gelb.

Hingerotzt und draufgetrötet - so fühlt sich der entsetzte Schaumkönig in gelb.

Garagengaudi

Der letzte Tag in Bremen naht; wir haben uns entschlossen, den Mileufilm im Keller zu drehen und radeln, vollgefüllt mit Streichwurstsemmeln, zum Baumarkt. Schnippschnapp, ein paar farbige Leuchtstoffröhren und Farbscheinwerfer später ist das Bordell im Keller fertig gezimmert. Wir starten einen Drehanlauf, versagen allerdings mangels Darstellern kläglich. So die Vorgeschichte, denn als es ans Eingemachte kommt, haben wir keine Skrupel und laden einen von Hannes’ Nachbarn, Rainer, dazu ein, den cholerischen Zuhälter für uns zu mimen.
Gesagt und getan, am letzten Tag in Bremen steht uns ein alter Mercedes in einer dunklen Garage zur Verfügung; Vanessa erklärt sich nach langen Manipulationstiraden dazu bereit, die Hauptdarstellerin zu spielen, während wir Simon dazu bringen können, unseren romantischen Freier zu besetzen. Die Szene in der Garage – zwei Konversationen, jeweils mit Zuhälter und Nutte bzw. Zuhälter und Freier, sind in mehr als akzeptabler Zeit abgedreht. Der einzige Nachteil: Wir alle haben jetzt Lungen wie Schornsteinfeger, denn zehn Minuten in einem geschlossenen Auto und einer konstant qualmenden Zigarre sind einfach unsaubere Arbeitsbedingungen.

Danach - samt Verehrer - und davor.

Danach - samt Verehrer - und davor.

Die Garage als Drehort: Hier lebt der Rotlichtkönig mit seinem Prachtschlitten.

Die Garage als Drehort: Hier lebt der Rotlichtkönig mit seinem Prachtschlitten.

Rainer und Zigarre - tödlicher kann man sich wohl keinen Zuhälter / Nuttenhirte vorstellen.

Rainer und Zigarre - tödlicher kann man sich wohl keinen Zuhälter / Nuttenhirte vorstellen.

Ein echter Puff im Trainingsraum

Nach der Garage geht es ans Eingemachte, gemeinsam mit dem Herrn Nachbar Ralph, der uns von seiner juckenden Kimme erzählt, ein paar Sauereien in den Raum stellt und mich dann doch glatt auf meine erste Motoroller-Fahrt schickt: Am Bremer Strich. Dort gehen wir Hurenshoppen; leider finden wir keine Prostituierten, schliesslich ist es gerade einmal fünf Uhr nachmittags. Das Bordell ist so gut wie einzugsbereit, und wir bezahlen gut – doch die Fische beissen nicht an. Ich rumple schon davon mit dem Moped, als Hannes und Ralph eine richtig heruntergekommene Orgasmusarbeiterin anquatschen – mit einem ihrer Freier gegen eine Mülltonne gelehnt. Nach kurzen Verhandlungen (Preisübersicht in Bremen: 20 für Oral, 30 für Verkehr, 40 für beides – vielen Dank) und der Sicherstellung, dass sie sich auf unserem Filmdreh nicht nackig machen muss, ist die Dame in Sweatpants und Schlabberpulli überzeugt: 20 Euro und etwas Warmes zum Essen sind ein Spitzenangebot.

Wir verabreden uns für 22:00 beim Hause Windolph. Ralph-Ralle ist zwar nicht allzu angetan von ihren Äusserlichkeiten, doch für Hannes und mich zählt nur das Innere: Eine Originalhure für unseren Filmdreh.

Meine Höchstpersönlichkeit beim Auskundschaften der Bremer Rotlichtszene. "Hurenwatching", jeden Freitag um 20:15 auf RTL.

Meine Höchstpersönlichkeit beim Auskundschaften der Bremer Rotlichtszene. "Hurenwatching", jeden Freitag um 20:15 auf RTL.

Hier ein paar Behind-the-Scenes Aufnahmen von der Entstehung unseres Kellerbordells:

Die richtigen Lichter für die richtige Stimmung.

Die richtigen Lichter für die richtige Stimmung.

Hier, im ehemalige Fitnessraum, wird das Puffzimmer zusammengestöpselt.

Hier, im ehemalige Fitnessraum, wird das Puffzimmer zusammengestöpselt.

Der Hauptdreh

Es naht das letzte Abendmahl – Semmeln mit Streichwurst – und dann ist es soweit: Wir müssen drehen. Lustigerweise fehlt uns der Türsteher in der Szene, und wir treffen zufüllig einen Typen im Hof der Hausanlage – er erklärt sich mit einem beinahe flüsternden Ton dazu bereit. Ich stehe in der Küche vor einer Abstellplatte und kritzle auf einen Pizzakarton – nämlich den Dialog und die Szenenbeschreibung. Hannes und ich haben schon alles halbwegs durchgedacht, aber der Dialog und Szenenverlauf wäre ohne diesen Pizzakarton nur von guten Schauspielern mit Improvisationstalent zu vollführen.

Nicht, dass unsere Schauspieler ohne höchste Begabung wären, aber mit Text spielt es sich einfach besser. Jedenfalls ist es dann zehn Uhr und keine Nutte weit und breit in Sicht – die hat wohl Überstunden am Strich geschoben  und war sich zu fein für unsere königliche Kompensation. Wir drehen daher nur die Szene in dem Nuttenzimmer selbst und müssen den armen Türsteher warten lassen. “So ist das einfach auf Filmdrehs, ein paar Leute müssen stundenlang warten”, meint Hannes – doch ich bin den Tränen nahe, wenn ich ihn ganz alleine draussen rauchen sehe. Naja, egal. Das Beste kommt dann nämlich total unverhofft – Ralle, der Nachbar mit der juckigen Kimme, improvisiert seinen 5-Sekunden-Auftritt in eine dreiminütige Tirade von Phrasen wie “ich mag es natural”, “erstmal ordentlich abkacken”, “ah du bist ne ganz schön geile Fotze” usw. Ich sitze in der Ecke des Zimmers, kann mich vor Lachen kaum halten. Bei einer Aufnahme pruste ich einfach laut brüllend mitten in die Szene hinein.

Vanessa im fertig eingerichteten Koitushotel.

Vanessa im fertig eingerichteten Koitushotel.

Ralph beim Dreh. "Erstmal schön Abkacken" war mein Lieblingszitat.

Ralph beim Dreh. "Erstmal schön Abkacken" war mein Lieblingszitat.

Eine Runde Tee nach dem Dreh - samt unserem mordsgefährlichen Türsteher, der leider nie zum Einsatz kam.

Eine Runde Tee nach dem Dreh - samt unserem mordsgefährlichen Türsteher, der leider nie zum Einsatz kam.

Werter Leser, ich kann Ihnen leider noch kein Endprodukt zeigen, aber nicht jugendfreier Humor ist eines der Versprechen, das ich in diesen Film stecke. Der Dreh ist um etwa ein Uhr morgens abgeschlossen; wir trinken Tee und ich stelle meine fertig gepackten Koffer in den Flur. Der Zug fährt um 7:44 morgens ab, alles klar und dufte. Doch dann…

Das Bahndrama

7:44, Bremen: Der Zug trifft pünktlich ein. Hannes und ich verabschieden uns – meine Freunde in Europa müssen sich dauernd von mir verabschieden – und ich ziehe ab. Um 11:30 soll er in Düsseldorf sein, mein Flug geht um 13:00.

8:20, zwischen Bremen und Dortmund: Der Zug bleibt mitten auf der Strecke stehen. Wehe, ich verpasse meine Verbindung in Dortmund.

10:40, Dortmund: Mit sieben Minuten Verspätung da. Ich packe meine fünf Gepäcksstücke und renne ein paar Gleise weiter. Schweisstriefend.

10:44, Dortmund: Der Zug, der angeblich ankommen sollte, kommt nicht. Eine Durchsage verkündet eine Verspätung von 30 Minuten; ein Ersatzzug in 20 Minuten wird angeboten. Kein Problem.

11:40, zwischen Dortmund und Düsseldorf Flughafen: Der Zug steht nun seit schon mehr als 15 Minuten auf der Strecke, zum dritten Mal. “Oberspannungsleitung Problem, lalala” trötet es aus den Lautsprechern. Ich komme mit einem Franzosen ins Gespräch, der sich als Veranstalter des Aurora-Festivals in Griechenland und weltreisender DJ herausstellt. Cool, aber das hilft mir jetzt auch nichts.

12:00, Düsseldorf Flughafen Bahnstation: Der Franzose und ich laufen zur SkyTrain, der Verbindung zwischen Bahn und Flughafen.

12:23, DUS International: Ich trenne mich vom Franzmann und laufe zum Airberlin-Schalter. 40 Minuten bis das Flugzeug abhebt. Schweiss. Hochroter Kopf. Sabber läuft meine Mundwinkel herunter. Mein Mund ist staubtrocken. Wie ein halb verdursteter Wandersmann krakle ich mich am Schalter hoch. “Düsseldorf nach Los Angeles. Hier ist mein Pass. Der Flug geht in 40 Minuten.”

12:24, im Kopf der Dame hinter dem Airberlin-Schalter auf DUS International: “Oh, Internationale Flüge… ja, da kann man nichts machen, die sind eine Stunde vor Abflug für Gepäck geschlossen…”. Ein entsetzter Österreicher starrt mich an. Er säuselt irgendetwas von Autorität und ob man da noch etwas machen könnte. So ein Depp, nein, da kann man nichts machen. “Ich werde sehen was ich tun kann.”, sage ich und rede in das Telefon. Ich weiss nicht einmal, ob ich tatsächlich die Verwaltung angerufen habe oder einfach nur so tue als ob ich mich für ihn einsetzen würde. Mann, bin ich gespannt auf meine Mittagspause. Ich lege das Telefon auf. “Nein, sorry, da kann man wirklich nichts mehr machen. Wenden Sie sich bitte an das Service-Team dort drüben.” Der etwas nervige junge Mann zieht ab. Jetzt kann ich endlich Pause machen!

14:30, DUS International: Nach Stunden des Verhandelns schliesse ich mit einem der 50 Last-Minute-Reisebüros am Flughafen einen 600-Euro-Deal für ein neues Ticket zwei Tage später ab. Ich fühle mich zwar meiner Würde beraubt, aber wenigstens war es mein eigenes Geld, das ich für mein Vertrauen in die deutsche Bahn bezahlt habe. Lehrgeld – bei der Bahn immer eine Stunde Verspätung einrechnen.

Die Bremer Stadtmusikanten

Ich entschliesse mich nach einem Facebook-Chat mit Vanessa dazu, zurück nach Bremen zu gehen; mein Interrail-Ticket hat noch zwei Reisetage frei. Zurück in Bremen grinst mich ein jeder an, Ralle lacht laut, wir trinken Tee und essen Streichwurstsemmeln. Die Welt ist wieder in Ordnung.

Am nächsten Tage geht es dann in die Innenstadt, ein Gruppenfoto von den Gebrüdern Windolph zaubern. Mit der Mittelformatkamera im Gepäck und der EOS 40D, die ich Hannes im Effeff abgekauft habe, begeben wir uns in die Gasse hinter dem Bremer Stadtamt. Durch mein stundenlanges Intrigieren und Manipulieren bringe ich die drei dann schliesslich dazu, einen Menschenstapel zu bauen, so wie es damals die Bremer Stadtmusikanten taten. Gut, dass Benedikt so viel trainiert, sonst wäre aus dem Stapel nie eine Viermanns-Gruppe geworden, sondern nur drei Scheinheilige. Da bei ersten Versuchen das Gitter in der Nähe der Wand tiefe Furchen in meiner Hand hinterlässt, nimmt Benedikt Simon’s Schuhe in die Hände – oder besser noch, die Hände in die Schuhe. Eine Sicherheitsbeamte aus dem Stadtamt Bremen sieht unsere angestrengten Versuche in der Überwachunsgkamera, stürmt heraus und… bietet uns einen Stuhl zum Hochsteigen und ein Telefonbuch zum Dämpen der Kniebelastung an! Ausserdem drückt sie dann auch den Knopf des Selbstauslösers auf der 40D – im Endeffekt hat sie also dieses Foto geschossen, nicht ich.

Die Bremer Stadtmusikanten / Tobias Deml, 2010. Von oben nach unten: Hannes Windolph, Simon Windolph, Tobias Deml, Benedikt Windolph. Als Hintergrund dient das Bremer Stadtamt.

Die Bremer Stadtmusikanten / Tobias Deml, 2010. Von oben nach unten: Hannes Windolph, Simon Windolph, Tobias Deml, Benedikt Windolph. Als Hintergrund dient das Bremer Stadtamt.

Am nächsten Abend ist es dann soweit, mein Ersatzflug geht früh morgens und ich verbringe die Nacht am Flughafen. Ein zweites Mal verabschieden wir uns, und ich steige in die Bahn Richtung Amerika. Jetzt erst einmal ordentlich abkacken.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.