Herbst 2010 – Film im Dauerprogramm am College

Das darf natürlich nicht fehlen: Lautes Geschrei ausserhalb der Klassenräume, das aus der Kehle eines Jesusfanatikers stammt. Muslime und Schwule böse, Bibel gut! Ich Robinson, du Freitag!

Das darf natürlich nicht fehlen: Lautes Geschrei ausserhalb der Klassenräume, das aus der Kehle eines Jesusfanatikers stammt. Muslime und Schwule böse, Bibel gut! Ich Robinson, du Freitag!

Nur wenige Tage nach meiner Rückkehr – die dank Nonstop-Filmprogramm im Flugzeug schnell und ohne grosse Probleme verlief – geht das College wieder los. Hiroki, Josh und der Rest des Filmclubs sind wieder Teil des Programms. Das sind meine Klassen dieses Semester:

Philosophie: Logik

Diese Klasse beschäftigt sich mit der Frage, ob Sprache logisch ist und sich in einer mathematischen Form erklären lässt. Was ist ein Argument? Wie lassen sich Argumente in einer Kurzform darstellen, die unabhängig von der gesprochenen Sprache ist? Sprich, etwa “George Bush ist doof und George Bush ist ein Präsident – daher gibt es doofe Präsidenten.” wäre ein Argument und lässt sich in der Form “Alle G sind D, alle G sind P -> manche P sind D” darstellen.

Eine interessante Klasse, die in weiterem Verlauf fast wie ein Programmierwettbewerb wird: Logische Verbindungssymbole und Variablen ergeben Schaltungsdiagramme mit OR, AND, XOR, NOR etc.-Funktionen – und alles davon basiert auf Sprache. Hochinteressant, wenn man einmal Programmierer oder Redner werden will. Die Klasse wird von einem meiner Lieblingsprofessoren unterrichtet, bei dem ich damals schon Ethik belegt habe – leider gibt es in Logik weniger Diskussionsraum als in Ethik.

Astronomie: Leben im Universum

"Contact" von Carl Sagan

"Contact" von Carl Sagan

Diese Klasse dreht sich um die Frage, ob wir alleine im Universum sind. Das Interessante ist, dass man in dieser Klasse nichts über die Existenz von Ausserirdischen lernen kann, sondern viel mehr über die Forschungsmethoden und Wahrscheinlichkeiten für ausserirdisches Leben; über die chemischen Voraussetzungen von Leben und die physikalischen Gegebenheiten, die Kommunikation und Reise erschweren.

Die Klasse wird von einem dicklichen Engländer mit blondgelockten Haaren und kleiner Brille unterrichtet. Er redet oft von Bier, macht sich über Amerikaner lustig und – das Beste – hat keinen sexuellen Filter. Damit stellt er das komplette Gegenteil von 95% aller amerikanischen Lehrer dar.

“Guuuys, welcome to the SMC Planetarium. We will woatch the stoar signs today and it’s gonna get realley doaark in heeare. Pleasee, refrain from plaaying with your cellphounes, the broight screen will lessen your expearience in the doarkness. If you want to play with your cellphoune, just leave the hand in your pants and play with yoursealf. Or with your neighbour, it’s moure fun to dou it togeathrr.”
“Oh Professor, you should have told us earlier, now I’m sitting next to the wrong person!”
“No proublemm, we can also play musical chairs in the doark!”

Einzige Pflichtlektüre in dieser Klasse: Der Science-Fiction-Literaturklassiker “Contact” von Carl Sagan.

Film 1: Internationaler Film

Diese Filmgeschichteklasse hat ein langweiliges Element; all diese alten Schwarz- und Weissfilme werden total langsam erzählt und enthalten für unsere Generation unübliche Darstellungsweisen. Nichtsdestotrotz, dank dieser Klasse habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen kompletten, alten Schwarz- und Weissfilm angesehen und lerne über die Bewegungen und geschichtlichen Kontexte, die deutschen Surrealismus, italienischen Neorealismus, Russischen Propagandafilm etc. hervorgebracht haben. Die Klasse besteht aus ca. 50% Stummfilmen und 50% Tonfilmen.

Es ist durchaus interessant zu sehen, wie anders ein Film sein kann, und wie sehr diese Filme nicht mehr in das heutige Konzept passen. Filme inkludieren Panzerkreuzer Potemkin, Der letzte Mann, Die grosse Illusion und Umberto D. Ein grosser Vorteil an dem Wissen über diese alten Filme ist es, einen Art Überblick über die gesamte Filmkunst zu gewinnen… sprich, die langweiligen Momente werden von Aha-Erlebnissen verdrängt.

Film 32: Fortgeschrittene Filmproduktion

"Total Directing" von Tom Kingdon

"Total Directing" von Tom Kingdon

Diese Produktionsklasse ist sehr praxisorientiert: Wir werden darin unterrichtet, wie man mit Schauspielern arbeitet und als Teil des Vorbereitungsprozesses improvisiert, Kamerawinkel findet usw. Wir dürfen eine Reihe von Lichtern ausprobieren und Szenen damit ausleuchten; wir lernen, unter Druck und mit kurzem Zeitbudget zu arbeiten und gute Qualität auszuspucken. Unser Professor ist einer der Ratgeber des Filmclubs. Das Buch ist definitiv die beste Handbuch-Anleitung zum Job des Regisseurs, das ich bisher in die Hände bekommen habe.

Zu finden hier: Total Directing (Tom Kingdon).

Obwohl die fortgeschrittene Klasse üblicherweise die Anfängerklasse als Voraussetzung hat, kann ich mich durch meine Vorkenntnisse hineinschmuggeln. Die erste Aufgabe, über die ich in einem baldigen Post schreiben werde, ist eine Dialoginterpretation: Man bekommt eine Seite Dialog vorgesetzt und muss eine Geschichte rundherum erfinden – inklusive der Charaktere, die den Dialog sprechen.

Film 1: Filmwertschätzung

Vom selben Professor unterrichtet wie Film 32, lernen wir in dieser Klasse ganz einfach, uns an Filmen zu erfreuen und sie zu analysieren. Wir sehen uns Filme wie etwa Out of Rosenheim, Casablanca, Jules und Jim, Memento und Der Mieter. Unser Professor kümmert sich mit trockenem Humor und Liebe fürs Detail darum, dass wir uns selbst die richtigen Fragen stellen und all diese Filme hinterfragen.

Die Auswahl der Filme erledigt er, und mischt dabei Sonderlinge (Der Mieter) mit Klassikern (Casablanca). Eine durchaus interessante Klasse, die vor allem durch die Klassendiskussion wertvoll wird – wo ich feststelle, dass manche Mitstudenten eine komplett andere aber valide Interpretation für die Filme parat haben als ich selbst… obwohl ich mir total sicher war, dass meine Interpretationsweise die einzig richtige war.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.