Debakel und Spektakel in der Studentenregierung: Director of Publicity

In keinem Blogpost bisher erwähnt: Die Wahlen vor dem Sommer 2010.

Wahlkampf – wer gewinnt den Walanteil der Wähler?

Der Wahlkampf am Santa Monica College rund um die 16 Positionen im Student Government laufen folgendermassen ab: Einige Leute, meistens aus ehemaligen Student Governments, schliesses sich zu einer “Slate” zusammen; so etwas wie eine Partei, die sich von den Wählern wählen lässt und sich gegenseitig bewirbt. Sprich, auf den Plakaten einer Slate stehen die Namen der jeweiligen Anwärter, d.h. man hat mehr Manneskraft und finanzielle Mittel.

Die zweite Möglichkeit des Wahlkampfs besteht darin, alleine vorzubreschen und sich für eine bestimmte Position zu bewerben.

Die Wahlen waren also gekommen, und ich wollte mich einer Slate anschliessen. Die grösste Slate, angeführt von einem Mädchen namens Tiffany, hat allerdings schon einen Director of Publicity- Anwärter namens Alex, den ich letztes Jahr bereits getroffen habe. “Director of Publicity” ist mein Wunschposten, seitdem ich für den Vorgänger ein Jahr lang als Primary Commissioner geschuftet habe. Ich entscheide mich dazu, als Fels in der Brandung auf eigene Faust loszulegen. Zwischen Filmemachen und Studieren und Freundin und Freelancen geht es dann also in den Wahlkampf – ich kaufe einen Lattenzaun im Home Depot und reisse ihn vor Ort auseinander, um bereits zugespitzte Holzscheite zu gewinnen. An diese klebe ich Pappendeckel, auf die wiederum  meine Wahlkampfbotschaften kommen sollen. Lorena druckt einige grellfarbene Zettel mit meiner Wahlkampfbotschaft aus, ich klebe sie auf meine Schilder und ramme diese, ohne Angst auf Gewebsverlust, in die steinharten Rasenflächen von SMC.

Gleichzeitig mit mir sind ein paar andere  Slates und Einzelkandidaten im Rennen. Alle haben eine Sache gemeinsam: Ihre Publicity ist nicht allzu herausragend. Ich sehe das als meine Chance, schliesslich wäre es doch logisch, den Anwärter für Publicity zu wählen, der die besten Publicity-Fähigkeiten im Wahlkampf zu Tage bringt. Als fleissiger Workaholic lasse ich massenhaft Beispiele meiner Arbeit (eine Auswahl von http://www.tobiasdeml.com ) bei der Drogerie CVS drucken und klebe sie entlang einer durchsichtigen Wäscheleine von einem recycleten Kamerakran als Stützpfeiler zu einer der vielen Palmen am Quad, sodass die anderen Studenten meine Arbeit sehen können und müssen. Aufmerksamkeitserregend, inspirierend etc. etc. – und ich fiebere den Wahlergebnissen entgegen.

Den gesamten Kofferraum mit Holzprügeln vollgestopft - topgefährliche Aktion! Alle folgenden Fotos von Hiroki Kamada.

Den gesamten Kofferraum mit Holzprügeln vollgestopft - topgefährliche Aktion! Alle folgenden Fotos von Hiroki Kamada.

Mit Schildern und Pflötzen bewaffnet geht es auf Vampirjagd.

Mit Schildern und Pflötzen bewaffnet geht es auf Vampirjagd.

Der klingende Wahlspruch: "The one and only". Die Feststellung, dass es wohl nur einen überdrehten Österreicher am SMC gibt, hat durchaus Daseinsberechtigung.

Der klingende Wahlspruch: "The one and only". Die Feststellung, dass es wohl nur einen überdrehten Österreicher am SMC gibt, hat durchaus Daseinsberechtigung.

Selbst ist der Politiker - da reicht nicht nur der "erste Spatenstich", wenn man in den Zirkel der Auserwählten kommen will.

Selbst ist der Politiker - da reicht nicht nur der "erste Spatenstich", wenn man in den Zirkel der Auserwählten kommen will.

Ich spreche mit Studenten persönlich, gehe auf mehrere hundert innerhalb kleinerer Gruppen zu und versuche, Wahlstimmen zu gewinnen. Es sieht super aus, viele high-fiven mich und schreien “I will vote for Toby!”. Wählende Studenten bekommen gratis Eiscreme von der abdankenden Studentenregierung fürs Stimmabgeben. Ich fiebere den Ergebnissen entgegen, welche über Nacht kalkuliert werden.

Der Tag der schwarzen Zahlen

Ich öffne die Augen. Jetzt muss ich wohl Teil der Studentenregierung sein. Geil. Politik, Drama, und vor allem eines: Die Möglichkeit, etwas zu bewegen, etwas aufzubauen und einen Einfluss ausüben zu können. Einige Emails warten ungeduldig in meiner Inbox, doch “A.S. Election Results” bekommt den Vorzug. Ein PDF file, klick … und da habe ich es vor mir:

Hello All,
The AS Elections 2010 Results are in!

Congratulations AS Board Elect 2010 – 2011!!

Danke, danke, zu viel der Güte… hier bin ich:

DIRECTOR OF PUBLICITY: 1780 (Total Votes)

ALEX _________ 818

Michelle ______ 498
Tobias ________ 464

WAS?! Ich bin total geschockt. All die Mühe, all die Portfolio-Show, all die guten Worte… und ich bekomme gerade mal halb so viele Votes wie Alex? Scheisse. Und wer zu Teufel ist Michelle? Von deren generellen Existenz habe ich noch nicht einmal irgenwas mitbekommen – und sie hat mehr Stimmen als ich gekriegt!
Ich vermute sofort eine gemeingefährliche, anti-österreichische Verschwörung, suche nach möglichen Motiven. Einige Tage später beruhige ich mich, vergönne Alex den Posten und freue mich auf mehr Zeit fürs Filmemachen.

Transkontinentale Benachrichtigung in Europa

Es muss irgendwann im Spätsommer 2010 gewesen sein: Ich sitze, wie jeden Tag, vor meinem Laptop und fülle Facebook mit Bildern und Text – plötzlich poppt ein Chatfenster auf, und Alex, der zukünftige Director of Publicity, sagt hallo. “How’s it going, Alex?” “Oh good … but bad news: My grade point average became too low to participate in the Board of Directors. Meaning, my position is open, and I think the board likes you. You’d have a good chance if you decide to apply.”

Wow, damit habe ich noch weniger gerechnet als damit, die Wahlen anfangs zu verlieren. Ich drücke mein Bedauern für Alex’ Notenstand aus – denn auch wenn er in den Wahlen gegen mich bei weitem gewonnen hat, so ist er nichtsdestotrotz ein klasse Kerl und es ist schade, dass seine Noten so schlecht stehen. Jetzt erst einmal den Urlaub in Europa geniessen, denn diese ganzen Politikoptionen sind erst in LA interessant.

Das Problem mit dem Willen – Prioritäten setzen

Kaum in LA angekommen, werde ich überschwemmt von attraktiven Möglichkeiten: Josh möchte einen Dokumentarfilm in Spielfilmlänge mit mir in Costa Rica drehen, ich und Hiroki überlegen uns, einen narrativen Spielfilm dieses Collegejahr zu drehen. Obendrauf begrüssen mich Leute aus dem Student Government am Campus und fragen “Und, Tobi, wirst du dich für den Director of Publicity bewerben?”. Eine Entscheidung ist schwer, denn jegliche Director-Position im Student Government ist eine Hingabe von Zeit und Energie, die ich auch in Film investieren könnte.

Wie sonst auch in meinem Leben entscheide ich mich schlussendlich für die Lebenserfahrung, und die Möglichkeit in einer Studentenregierung zu sitzen, hat man meistens nur einmal. Ich reiche mein Bewerbungsschreiben ein (mit dem Vermerk “You guys know me already from the elections”) und bekomme ein Bewerbungsgespräch zugewiesen.

Es ist nicht genug: Filmemachen VS. Bewerbungsgespräch

Jeden Donnerstag sitze ich in “Advanced Film Production” – so auch an jenem Donnerstag, an dem ich mein Bewerbungsgespräch habe, soll ich um spätestens 2:30PM bei den Associated Students (der Studentenregierung) auftauchen. Deren Büros sind allerdings am Hauptcampus – und ich bin in dem “Academy of Entertainment Technology”-Campus, der ca. 10 Minuten mit dem Auto entfernt liegt. An diesem schicksalsträchtigen Donnerstag drehe ich meinen Film in der Klasse. Die Produktion beginnt um ca. 1 Uhr, und ich habe zwei Stunden für die Fertigstellung. Falls ich tatsächlich zwei Stunden brauche, dann komme ich 40 Minuten zu spät zu der Bewerbungsgesprächsreihe – bis dann sind alle zuständigen Studenten bereits auf ihrem Heimweg. Ich versuche verzweifelt, mit der Sekretärin Priscilla einen alternativen Termin auszumachen, doch keine Chance: Entweder ich tauche um 14:30 auf, oder ich habe meine Chance für dieses Jahr und damit für immer verspielt.

Ich bin am Set. Ich bin Regisseur. Rund um mich meine Mitstudenten. Scheinwerfer und Körperwärme heizen die Situation auf. Yonathan schreit herum – das ist sein Job als Regieassistent. Mein Handy klappt auf und zu, ich checke die Uhrzeit. Ich schwitze. Jeder schwitzt. Ich mag dem Filmdreh meine volle Aufmerksamkeit schenken, trotzdem lenkt der Zeitdruck ein klein wenig ab – und meine Mitstudenten werden mich seltsam angucken, wenn ich den Dreh eine halbe Stunde vor dem tatsächlichen Schluss beende. Aus irgendeinem Grund – jemand hatte den Raum reserviert oder so – wird plötzlich die Nachricht publik, dass wir um 2:30 fertig sein müssen. Das kommt mir gerade recht.

2:34 – der Dreh ist abgeschlossen. Ich helfe ein paar Sache wegräumen, trage einem Freund auf, meinen Laptop und andere Dinge zu verstauen und renne zu meinem Auto. WROOOOOM ab geht’s zum Main Campus, QUIIIEEEETSCH in den Parkplatz der Lehrer, auf dem uns Studenten das Parken nicht gestattet ist und mit Abschleppen bestraft wird. Das Risiko muss sein, einen Parkplatz um 2:45 zu finden ist unmöglich. Ich fahre das Auto neben einen SUV, kratze zielgenau den Betonblock mit der Unterseite der Firebird-Nase, springe aus dem Wagen und sprinte zu den A.S. Büroräumen. “Where are they holding the interviews??”, keuche ich, als ich die Lobby der Associated Students stürme.
“In the conference room”, bekomme ich als Antwort – das heisst, sie sind noch dort! Ich werde in den Konferenzraum gelassen, keuchend begrüsse ich die Gesichter, die ich schon vom Wahlkampf kenne. Anwesend sind drei Studenten:

  • Leo, der ICC Chair (Direktor der ca. 70 SMC Clubs),
  • Tiffany, die A.S. Präsidentin und
  • Chantelle, die A.S. Vizepräsidentin.

Thank you – Thank you: Eine gebräuchliche Phrase in der Politik

Ich keuche “Thank you for waiting, guys” und plumpse in meinen Stuhl. Tiffany holt einen der Advisors, der sicherstellt, dass die Bewerbungsgespräche fair ablaufen.

Ich blicke um mich, treffe Chantelle’s Blick und sehe eine lautlose Lippenbewegung die selbst ein Blinder lesen kann: “Thank you”.
Benny betritt den Raum, ich stelle meine Motivationen vor und beantworte Fragen. Die abschliessende Frage des Bewerbungsgesprächs lautet:
“If you were a car, which one would you be and why?”
“I would be either a Pontiac Firebird or a Nissan 240SX, both are cars I owned, two fast and cool sports cars. I would be these cars except guzzling less gas and taking more care of myself than GM takes care of the Pontiac’s transmission and engine. If that’s all, I have to get back to my car, I parked it illegally in the teacher’s lot.”

Die Kommission schliesst das Gespräch ab, ich renne hinaus.
Tatsache ist: ich renne fast immer von A nach B. Zum Einen, weil es gesund ist zu Rennen, aber viel eher weil ich mir mehr zumute als ich tatsächlich in Ruhe tun kann – das Problem der Balance zwischen Engagement und Entspanntheit. Ein hochphilosophischer Gedanke, den man sich in meiner Situation immer wieder vorführen muss, um sich nicht selbst zu überlasten.
Zurück beim Pontiac ist meine Windschutzscheibe so jungfräulich wie Schneewittchen: Ich habe es ohne Strafzettel und Abschleppen geschafft, Filmemachen und Politik unter einen Hut zu kriegen – jetzt fragt sich nur noch, ob es den ganzen Tohuwabohu wert war.

FORTSETZUNG: Studentenregierung, Director of Publicity und Teil 1 von CCCSAA

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.