Dreharbeiten zu “The Collector”

Yonathan, ein Freund aus dem Filmclub der dem werten Stammleser spätestens seit Film Festival, Bachelorisierung und Stipendienverleihung Frühling 2010 bekannt sein sollte, lädt mich dazu ein, mit Hiroki gemeinsam an einem Film mitzuwirken, den Yonathan produziert (organisiert). Dabei betont er, dass der Regisseur ein SMC-Student ist und mit seinem Kurzfilm “The Hitchhiking Game” zu den Cannes Filmfestspielen zugelassen wurde, inklusive Flugticket. Hiroki soll Cinematograph (auch: DP, Director of Photography) und ich sein Assistent sein. Ohne Zögern sagen wir beide zu.

Callback im Konferenzraum – wo sich Schauspieler übertrumpfen

Gerade in der Mitte zwischen Filmclub und meiner Filmgeschichts-Klasse geselle ich mich zu den Schurken im Konferenzraum hinzu. Wir befinden uns am AET-Campus, dem “Academy of Entertainment Technology”-Campus von SMC, etwa zehn Autominuten vom Hauptcampus gelegen, rund um einen teuer glänzenden Riesentisch versammelt; Yonathan, Hiroki, der Regisseur Darian, ich, und ein halbes Dutzend Schauspieler, die um verschiedene Rollen “wettschauspielen”. Das Casting war bereits vor mehr als einer Woche, jetzt sortiert Darian die guten Weintrauben von den fast guten aus.

Eine der Schauspielerinnen scheint bereits fix am Film dabei zu sein – die Hauptdarstellerin. Ich sitze am Tisch, komplett verblüfft von der Professionalität, mit der dieser Film gemacht wird. Die Hauptdarstellerin ist urkomisch und ein Improvisationstalent; der Film selbst hat ein ernstes Thema mit einem unterhaltsamen Unterton. Ich bin komplett fasziniert von guten Schauspielern… sie kreieren eine erstaunliche Illusion der falschen Realität, erwecken eine nicht existierende Person zum Leben. Auf dieser Seite des Tisches sitzt das kritische Auge, das Entscheidungen fällen muss. Während des Readthroughs wurschtelt Darian durch die Headshot-Fotos der Schauspieler und trifft bereits erste Entscheidungen. Das Callback ist so etwas wie  eine frühe Probe; man lernt die Schauspieler besser kennen und kann sicher gehen, dass die Chemie zwischen den Charakteren stimmt.

Shooting 1-2-3-4

Die Dreharbeiten dauern vier Tage; Mittwoch Nachmittag, Freitag, Samstag und Sonntag. Es gibt wie immer leckeres Essen am Set und eine Unmenge “Sodas” – so nennt man in Amerika die oft kaffeinhaltigen Erfrischungsgetränke wie etwa Coca Cola oder Mountain Dew, die aus einer chemischen Sosse, ein paar CO2-Bläschen und High Fructose Corn Syrup bestehen. High Fructose Corn Syrup ist die  aus Mais gewonnene, amerikanische Billigversion von Zucker; durch die unnatürliche Molekülstruktur wird dieses Süssungmittel schlechter vom Körper abgebaut. Geht man in den Supermarkt, so kann man alles mögliche Zeug kaufen, das mit High Fructose Corn Syrup versetzt ist und einen fett und hässlich macht. Das einzige Cola mit echtem Zucker kommt, woher sonst, aus dem schönen Mexiko.

Am ersten Tag ersetze ich Hiroki und bin Director of Photography – mit Kamerafahrten und Kamerakran inklusive. Am zweiten Tag schiessen wir ein dem Haus einer Produzentin in Malibu; am dritten Tag verdunkeln wir ein Sushi-Restaurant, das aus drei riesigen Glaswänden besteht (um Nacht zu simulieren). Am vierten Tag schiessen wir in Malibu am Strand und im Bett.

Die erste Location, an einem der Strände in Malibu.

Die erste Location, an einem der Strände in Malibu.

Das mit schwarzen Plastikplanen verhangene Sushirestaurant

Das mit schwarzen Plastikplanen verhangene Sushirestaurant

Am Set im Sushirestaurant. Sieht aus wie Nacht - obwohl es draussen komplett hell ist!

Am Set im Sushirestaurant. Sieht aus wie Nacht - obwohl es draussen komplett hell ist!

Die (leere) Kunstgalerie, in der eine wichtige Szene des Films spielt.

Die (leere) Kunstgalerie, in der eine wichtige Szene des Films spielt.

Links die amerikanische Hauptdarstellerin, in der Mitte der Deutsche Co-Star (der zwischen Deutschland und Amerika fürs Schauspielen hin- und herpendelt) und rechts der Österreicher, der diesen Blog schreibt.

Links die amerikanische Hauptdarstellerin, in der Mitte der Deutsche Co-Star (der zwischen Deutschland und Amerika fürs Schauspielen hin- und herpendelt) und rechts der Österreicher, der diesen Blog schreibt.

Wie auch immer, auf jeden Fall überdosieren wir den Hochfruktose-Maissyrup. Trotz des verführenden Zuckergetränks geht alles relativ glatt am Shoot… relativ, mit zwei Ausnahmen:

Zu viele DP’s schwitzen zu viel

Als Kameramann der speziellen Perspektiven muss man klettern können...

Als Kameramann der speziellen Perspektiven muss man klettern können...

Üblicherweise gibt es einen DP auf einem Filmset. Ein Director of Photography. Deshalb heisst er auch Director.
Dieser hat manchmal untergeordnete “Camera Operators”, die  die Kamera bedienen. In TV-Produktionen benutzt man manchmal zwei Kameras gleichzeitig, um Zeit zu sparen und zB Konversationen mit einem Take abschliessen kann. Für das Collector-Projekt wurde Hiroki als DP angeheuert, also bin ich gewissermassen sein Assistent. Eine Woche vor dem Shoot finden wir heraus, dass er Mittwochs keine Zeit hat – und ich springe statt ihm ein. Ein paar Tage vor besagtem Mittwoch bekoomme ich einen Anruf vom Regisseur, der mich um Erlaubnis fragt, einen “2nd Camera”-Kameramann ans Set zu bringen. Dieser zweite Kameramann ist ein echt netter Kerl, Alex, und macht Aufnahmen von der Stadt and dem Meer mit seiner Canon T2I, während wir die Hauptszene auf einem Strandsteg mit der Canon 7D drehen. Wir wechseln den Drehort zu einer Kunstgalerie, wo wir zwei Stockwerke gleichzeitig beleuchten müssen. Während ich auf dem Obergeschoss arbeite, übernimmt er das Untergeschoss, und alles läuft schön flüssig.

Am Wochenende treffen Hiroki und ich mit vier Stunden Verspätung ein – wir haben eine Collegeklasse in der Früh – und platzen ins Set in Malibu hinein. Alex ist derzeit DP, und Hiroki soll übernehmen. Hirokis Kumpel Teruaki kommt ebenfalls mit – und bringt seine T2I, für den Fall des Falles. Irgendjemand hat noch eine weitere videofähige DSLR-Kamera dabei und nimmt “Behind the Scenes”-Dinge auf. Plötzlich sind es vier oder fünf Kameramänner am Set, wir alle fühlen uns für den Film verantwortlich und obwohl es keine Reibereien oder Eifersuchts-Blödsinne gibt, ist die Präsenz von so vielen Kameramännern doch irgendwie überflüssig.

Am nächsten Tag taucht dann auch noch Josh mit seiner neu gekauften 7D auf – und wir schiessen Szenen gleichzeitig aus vier verschiedenen Perspektiven. Verwirrend – und ein Alptraum für den Editor/Cutter, der durch vier mal so viel Material wie üblich wühlen muss.

Pamela Anderson wohnt hier – und ich steck dir deine Kamera in deinen Arsch

Am letzten Tag befinden wir uns in Darians abgeschiedener Malibu-Kommune, in der einige Malibu-Menschen und Celebrities wohnen. Malibu ist eine kleine Stadt nordwestlich von Los Angeles, direkt am Meer, in der viele Berühmtheiten abtauchen und sich von der grossen Stadt in erreichbarer Ferne einlullen lassen. So auch in dieser von einem Schlagbaum bewachten Hügelwelt, in der einige schrullige B-Promis wie etwa Pamela Anderson wohnen (sie wohnt wahrscheinlich in einem Wohnwagen). Jedenfalls sitze ich mit Hiroki und Josh in  Hiroki’s Jeep und begutachte die Gegen, während der Geländewagen sich die kurvigen Strassen hochschleppt.

Auf einer Weggabelung entscheiden wir uns für rechts – falsch geraten, wir kommen immer tiefer zum Strand hinunter auf einer unbefestigten Staubstrasse. Hinter uns her tuckert ein anderer Wagen der Filmgesellschaft – Freunde von uns, die sich in der Mega-Hausanlage ebenfalls nicht auskennen. Kurz vor dem Strand stehen ein paar Golfbuggies und eine Fläche, auf der wir wenden können. Während Hiroki und Wagen Nr. 2 umdrehen, steige ich aus und schiesse Fotos von der friedlichen, bewölkten Landschaft. Mir begegnet ein etwa 50-jähriger Mann im hautengen, schwarzen Neoprenoutfit der ansässigen Surfer. Seine Haare sind nass und gegen seine Halbglatze gepresst.

“Who THE FUCK do you think you are?!”, schreit er mich an und positioniert sich etwa 20cm von meinem Gesicht weit weg – fertig zum Zungenkuss oder Kannibalenfrühstück.
“Oh, I’m just taking photos of the beach, no problem.”
“What are you doing here? Who let you in?”
“Oh, Darian … we are shooting a movie here…”
“Does he FUCKING live here? Do I look like  you can take photos here??”
“Yes, he lives up there.”
“Tell you what, smartass. I’m gonna go down to the beach and when I come back, I don’t want to see any of you here. If you and your fucking friends don’t leave RIGHT NOW I’m gonna take your FUCKING camera and put it up your ass! And I’m gonna FUCKING call the cops on your idiots! You have no permit! And tell Darian that I am  Walther and I’m gonna fuck him up. I’m gonna fuck all of you up if you don’t leave RIGHT NOW.”

Nach ein paar weiteren Kaffeekränzchen-Phrasen dampft er hinunter zum Strand und ich laufe den kargen Hügel hoch zum Rest der versammelten Crew. Nach kurzer Erklärung des Sachverhalts entscheidet sich Darian, schnell die Szene am Strand zu schiessen und dann abzuhauen. Wir begeben uns hinunter zum Strand und beginnen zu filmen, als eine gorillaförmige Gestalt den Strand entlang auf uns zugestampft kommt.

“Is that Walther?”, fragt Darian. Ja, das ist Walther. Und Walther ist stinkewütend.

“I’m FUCKING told this little asshole here, and you, Darian, you …” – ich erspare dem werten Leser weiteren Englischunterricht. Während Darian versucht, den wütenden alten Mann zu besänftigen, kommt ein anderer fetter Promi-Typ auf uns zugewatschelt – mit einem grossen, metallenen Paddel in der Hand. Scheisse, jetzt haben wir nicht nur einen verrückten Choleriker sondern auch noch einen unberechenbaren Fettwanst vor uns. Filmemachen mit kleinem Budget involviert eine gute Portion dieser “Kamera-Licht-Action-und jetzt gibts eins auf die Fresse”-Situationen.

Glücklicherweise ist der Paddel-Pensionist etwas weniger cholerisch und erklärt uns, dass es vor ein paar Wochen eine Schlägerei zwischen Bewohnern der Anlage und ein paar Papparazzis gegeben hat. Zwei magische Sätze retten die Situation und erlauben uns, unsere kurze Szene zu schiessen:

  1. “This is a Student Film, we make no money with it and study at Santa Monica College.”
  2. “We will be out of here in five minutes!”

Gerade noch… damit wird die kurze Szene, an der ein Junge am Meer steht, komplizierter als die am Abend folgende Sexszene. Filmemachen ist einfach oft komplett absurd.

Ein Teil der Filmcrew, vor dem Gemeinschaftshaus der Malibu-Anlage.

Ein Teil der Filmcrew, vor dem Gemeinschaftshaus der Malibu-Anlage.

Shooting am Strand. Dank des Boompoles kommt das Mikrofon nicht in den Weg der Kameras.

Shooting am Strand. Dank des Boompoles kommt das Mikrofon nicht in den Weg der Kameras.

Eine meiner Aufnahmen aus dem Film

Eine meiner Aufnahmen aus dem Film

Eine der intimen Szenen im Film, die ich vom Kofferraum aus aufnehme.

Eine der intimen Szenen im Film, die ich vom Kofferraum aus aufnehme.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.