“Interrogation Scene” – eine Übung

In Film 32, der Fortgeschrittenen Filmproduktion, wird uns ein 1-seitiges Drehbuch vorgesetzt. Eine simple Dialogszene. Wir sollen den Dialog interpretieren und in Kontext bringen.

Die Vorlage

A

Shit…

B

Five minutes or its off.

A

is that supposed to get a reaction? Am I supposed to hurry up
now?

B

Don’t mess this up.

A

I’m almost done.

B

What’s taking so long!

A

I told you, my way or now way.

B

I don’t care what way just do it!

A

You know what kills me. Everyone wants to get it done but no
one knows how.

B

Makes you a valuable asset.

A

Only till you get what you want.

B

We’re in this together, my friend.

A

You’re in this for you, you could give damn what happens to
anyone else.

B

You’ve got five minutes.

Wir haben eine Woche, um uns etwas zu überlegen. Zwanzig Minuten vor Klassenbeginn komme ich am Campus an, und habe meine Hausaufgaben komplett verschwitzt. Ich haste in den Computerraum, installiere schnell CeltX auf dem Schulcomputer und tippe das Drehbuch ab. Dabei ändere ich es, indem ich Szenenbeschreibungen und Umstände hinzufüge:

Das fertige Skript

INT. POLICE STATION – DAY

Everything is dark. AGENT JAKE comes out of an interrogation
room, in which we see the back of the suspect.

Agent jake

(going through his hair)

Shit…

STEVENSON, his strict boss, is approaching him.

STEVENSON

Five minutes or its off.

AGENT JAKE

is that supposed to get a reaction? Am I supposed to hurry up
now?

Agent Jake nervously rubs his hands. He is sweating.

STEVENSON

Don’t mess this up.

AGENT JAKE

I’m almost done.

STEVENSON

What’s taking so long!

Stevenson reaches behind him and takes an electro shocker. He
presses it in Agent Jake’s hand. LONG BEAT. They exchange looks, a power
struggle. Agent Jake rejects the shocker with a determined look on his face.

AGENT JAKE

I told you, my way or now way.

STEVENSON

I don’t care what way just do it!

AGENT JAKE

You know what kills me. Everyone wants to get it done but no
one knows how.

STEVENSON

Makes you a valuable asset.

AGENT JAKE

Only till you get what you want.

Agent Jake grabs the door handle and presses it down, about
to re-enter the interrogation room. Stevenson pushes himself between the door
and Agent Jake. He puts his hand on the Agent’s shoulder, smiles and hands him
the electro shocker.

STEVENSON

We’re in this together, my friend.

Agent Jake shakes off Stevenson’s hand and pushes away the
offered electro shocker.

AGENT JAKE

You’re in this for you, you could give damn what happens to
anyone else.

Stevenson swallows, gives Agent Jake a look, then steps away
from the door.

STEVENSON

You’ve got five minutes.

In drei Rundgruppen lesen wir uns gegenseitig unsere Interpretationen vor; die Gruppe entscheidet dann, welche Idee verfilmt werden soll. Gewählt wird die Geschichte von zwei Schülern, die neben das Lehrerauto scheissen – und meine Verhörraumstory. Zum ersten Mal muss ich das Handwerk eines Regisseurs wirklich ausüben: Die Schauspieler müssen aus der Mitte unserer Gruppe stammen, sind dementsprechend nicht unbedingt gute Schauspieler. Meine Aufgabe wird es also sein, ihre Darbietung zu perfektionieren und ihnen Regieanweisungen in den Proben zu geben.

Eines der zentralen Elemente in der Szene: Der Elektroschocker. Selbstgemacht, versteht sich.

Eines der zentralen Elemente in der Szene: Der Elektroschocker. Selbstgemacht, versteht sich.

Proben / Rehearsal mit Laienschauspielern: Eine besondere Freude

Zuerst bitte ich zwei meiner Klassenkamerade, Jared und Frank, die Rollen zu spielen. Jared führt Regie auf dem Pakrplatz-Abscheissfilm, also muss er absagen. Relativ spontan frage ich den nächsten, der physisch in die Rolle passen könnte: Wes. Rothaarig, gross gebaut und durchtrainiert, leichter Bart. Gegen ihn spielt Frank – kleiner, pummelig, sanfte Züge, Brille, glattgekämmte Haare. Perfekt – der Polizei-Bully und der Verhör-Analytiker haben sich gefunden.

Bei unserem ersten “Linereading” – die beiden können ihre Texte schon relativ gut – stelle ich fest, dass die beiden einfach dastehen und ihre Zeilen sprechen. Das ist oft ein Fehler in Amateurfilmen; dass Leute nichts zu tun haben, während sie reden – einfach nur “Talking Heads”. Dank der Regieanweisungen, die ich im Skript verankert habe, kommt Bewegung ins Spiel; die beiden drehen sich voneinander weg, können nonverbal ihre Überzeugungen und Positionen kommunizieren. Unser Professor betritt die Probe, sieht sie sich kritisch an. Er hat eine leichte Tendenz zum Runtermachen und kritisch sein – meine Aufgabe ist es, die konstruktive Kritik herauszufiltern und zum Verbessern meiner Regiearbeit zu verwenden.

Mir fällt ein weiteres Anfängerproblem auf: Die gesamte Konversation ist eine Wurst. Im wirklichen Leben gibt es Pausen, schneller sprechen, anderer Ton, Ablenkungen usw. die den Gesprächsfluss unterbrechen. Niemand wird mir ein komplett flüssiges Gespräch abkaufen. Also baue ich ein paar Pausen ein, sogenannte “Beats” um das Tempo und den Rhythmus bzw. den Ablauf des Gesprächs zu adjustieren (in Anglogermanisch: Pacing).

Nachdem der Rhytmus einigermassen überzeugend ist, arbeite ich mit den zwei Schauspielern an ihren Bewegungen und der physischen Interaktion. Wes, der anscheinend mehr Schauspielerfahrung hat, improvisiert ein paar Bewegungen, die perfekt zu seinem Charakter passen.  Der Professor stürmt noch einmal herein, analysiert unseren Fortschritt und  betont, dass ich den beiden Ziele (Objectives) geben muss: Was will jeweiliger Charakter erreichen, und in welcher Form verhält er sich? Eine Anweisung wäre beispielsweise: “Versuche, ihm die Waffe abzunehmen – so, als ob du dringend aufs Klo musst!”. Ich gebe dem Polizei-Boss die Anweisung, zu bedrohen und Druck auszuüben; den analytischen Psychologen weise ich an, zuerst zermürbt, dann grundsatzbedacht zu handeln.

Das Proben hat sich 100.000.000.000 mal gelohnt, die Darbietung nach dem Proben ist mit der Darbietung vor dem Proben unvergleichlich.

Shooting unter Druck … Druck ist gut.

(Während ich diesen Artikel schreibe, stehe ich nach stundenlangem Locationscouting mit meinem Firebird in Downtown Los Angeles – Motor überhitzt. Als ich den Wagen damals kaufte, musste ich ein paar Reperaturen vornehmen, woraufhin ich aus Versehen eine Schraube fallen liess. So weit kein Problem … wenn die Schraube dann nicht in die Rotoren des Motor-Luftkühlers gekommen wäre und den Ventilator zerstört hätte. Jetzt überhitzt der Wagen immer, wenn er nicht durch Fahrtwind gekühlt wird. Während es aus meiner Motorhaube heftig evaporierte Kühlflüssigkeit herausspeit, steht mein Laptop am Wagendach. Das Beste? Ich habe von irgendjemandem gratis Internetempfang…)

Ein Bild, das ich im Internet gefunden habe -  so in etwa stelle ich mir Lichtton und Helligkeit vor, und zeige es meinem Director of Photography.

Ein Bild, das ich im Internet gefunden habe - so in etwa stelle ich mir Lichtton und Helligkeit vor, und zeige es meinem Director of Photography.

Zurück zum Thema: Die Verhörszene siedeln wir ein einem Lehrergang an, den wir verdunkeln und ausstaffieren; von Ryu bekomme ich ein paar alte Audiogeräte, die wie Verhörmaschinen und Aufnahmegeräte aussehen; die beiden Kumpels aus der Klasse kommen in passendem Anzug und Hemd-Outfit. Es kann losgehen. wir haben zwei Stunden Zeit, die gesamte Szene abzudrehen; in eineinhalb Stunden musss ich selber aber aufbrechen, sonst verpasse ich mein Vorstellungsgespräch bei den Associated Students, der Studentenregierung.

Der Dreh selbst läuft teils hektisch ab; durch einen glücklichen Zufall (eine andere Gruppe hatte den Raum bereits vor uns reserviert) müssen wir in anderthalb Stunden fertig werden – das passt fast genau in meinen Zeitplan mit der Studentenregierung. Die Beleuchtung des DP’s sieht nett aus, aber nicht so, wie  ich es mir vorgestellt habe. Im Nachhinein kein Problem – denn wenn es gut aussieht und man unter Zeitdruck steht, dann sollte man es dabei belassen, das es nicht genau so wird wie man es sich vorgestellt hatte.

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So in etwa sollte der Lichteinfall auf beide Charaktere aussehen, ein weiteres Inspirationsbild.

So in etwa sollte der Lichteinfall auf beide Charaktere aussehen, ein weiteres Inspirationsbild.

Die Props, die ich gebracht habe – Elektronikkram und ein Elektroshocker – sehen super aus. Für den Elektroshocker fuhr ich zwei Stunden quer durch West Los Angeles und erreichte – bis ich dann auf die Idee kam, einfach eine Taschenlampe mit einem ausgeschnittenen Stück Dosenaluminium zu kombinieren und genau den richtigen Look für den Elektroschocker aufzusetzen. Die beiden Schauspieler spielen ihre Rollen und Bewegungen schön konsistent – das ist sehr wichtig für den Schnitt. Jetzt muss ich nur noch den Sound ordentlich bearbeiten, sodass sich der werte Leser daran laben kann…

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.