Wie ein Klassenfilm zu einem klasse Film werden könnte

In unserem Kurs “Advanced Film Production” müssen wir über das gesamte Semester hinweg einen Kurzfilm entwickeln, schreiben, in die Gänge bringen, filmen und schneiden. Sprich,

  1. Idea
  2. Screenplay
  3. Preproduction
  4. Production
  5. Postproduction

Ganz einfach, denken wir uns – und tun erst einmal gar nichts. Denn wenn man ein ganzes Semester für ein Projekt Zeit hat, dann kann es einem herzlich Blunzen sein, wenn der Professor mit Deadlines pocht. Irgendwanneinmal sitze ich dann mit Lorena auf ihrer Couch und erkläre ihr den Sachverhalt.

“I don’t know yet what I should make the film about…”
“Well, why don’t you make it about a life experience, like, getting fired?”

BUMM. Das haut mich hin und weg. Der autobiographische Traumabewältigungs-Filmemacher, davon hat die Welt noch nichts gehört. Die Idee ist dann doch irgendwie reizvoll, und ich beginne, abstrakt zu denken: Gefeuert werden … das hat etwas mit Unumkehrbarkeit zu tun, mit starken Emotionen, mit schwerwiegenden Folgen und … und … was wenn man die Zeit umdrehen könnte? Dem Schicksal einen Streich spielen? Plötzlich entfaltet sich der Plan des Films in meinem Kopf.

Rückwärts muss er sein, rüclwärts und experimentell. Entweder er wird scheisse oder grossartig, eines der beiden. Bisher habe ich grossteils “sichere” und “unterhaltsame” Filme gemacht, etwas experimentelles kommt jetzt genau richtig. Ein Film, der rückwärts spielen wird, der die Zuschauer verwirren und faszinieren wird, ein Film mit Symbolik und … und einer Zeitumkehrung.

Ich glotze in meinen alten Blog hinein, den ich damals während meinem Auslandszivildienst schrieb. Fast jeder Tag ein Post, jeder Post ellenlang und krass detailliert – so etwas kann ich mir jetzt einfach zeitmässig gar nicht mehr leisten, jetzt, wo ich nicht 40 Stunden die Woche arbeite sondern eine Million Stunden die Woche studiere, Filme mache, Aufträge abarbeite und eine Freundin habe. Der Blog von damals ist pervers detailgetreu und dokumentarisch, geradezu ein Transkript meines täglichen Lebens. Ich erinnere mich ganz genau an den Tag, an dem ich gefeuert wurde, im Blog finde ich dann auch noch den genauen Wortlaut.

Zum ersten Mal seit fünf Jahren – so lautet der Blogpost und ist für jedermann zugänglich.

Schreiben

Ich kopiere den Blogpost Wort für Wort in mein Drehbuchprogramm Celtx. Die Konversation wird jetzt hyperrealistisch, denn abgesehen von ein paar kleinen Abwandlungen bleibt das Gespräch genau so, wie ich es damals erlebt habe. Ich muss es etwas kürzen, denn damals hat es mindestens 25 Minuten gedauert. Und kaum habe ich das Gespräch fertiggestellt, fallen mir die Stützpfeiler des Films ein:

  1. Zwei Drittel des Film laufen rückwärts, eines vorwärts.
  2. Der gesamte Film ist eine durchgehende Aufnahme, in Realzeit, ohne Schnitt.
  3. Der Film ist voll mit Menschen, die Dinge tun, die rückwärts seltsam aussehen.
Die ersten Storyboards - wie diese Szene in den Film passt, können Sie am Ende des Artikels herausfinden.

Die ersten Storyboards - wie diese Szene in den Film passt, können Sie am Ende des Artikels herausfinden.

Ich präsentiere meinem Professor das Skript.

“That’s a decent idea, but why the whole backwards thing? It’s just a gimmick, it doesn’t relate to the story.”
“Oh shit, that’s true … hm, I should devise a reason why it’s all backwards. I’ll make something up. I just feel it needs to be backwards.”
“It will be complicated, this one shot idea.”
“Yes, I just want to make it a challenge for everybody involved, make something that I’m not capable of making. Oh, and the reason for the backwards thing … is, that we see a character crying and then becoming happy, in the wrong way around. It’s gonna be very confusing.”

Aus den Notizen in meinem Filmmache-Notizbuch entnehme ich eine visuelle Szene, die ich schon immer irgendwo einbauen wollte: Ein Mann sitzt hinten in der Mitte eines Busses und weint bitterlich. Also muss der Film eine Busfahrt inkludieren, sprich, nahe zum Gebäude muss eine Busstation sein. Ich erinner mich an meinen damaligen Arbeitsplatz und die Busanbinding, die war direkt vor dem Gebäude. Ich fantasiere weiter und will den Film auf einer Busstation beginnen lassen, sehr langsam, mit vielen Dingen rundherum …

Die Entstehung des Endes

Zuerst denke ich mir, gut, der Mann geht von der Bussation via Bus zu seinem Arbeitsplatz (alles rückwärts), wird gefeuert, setzt sich draussen hin, hat eine Konversation mit einer Sekretärin, die Zeit dreht sich um, er geht wieder rein, wird wieder gefeuert, und dann …. dann umarmen sich die zwei Männer. Friede. Das klingt gut.

Mein Professor findet das Ende lahm, auch von Hiroki kommt Kritik. Ich überlege weiter – vielleicht sollten sie dann auf dem Riesenrad sitzen und kuscheln? Der Boss setzt sich eine Clownnase auf und sagt “Life is just as serious as you take it!” Möglicherweise auch nicht allzu toll. Irgendwas besseres muss her … was stärleres .. was krasses … un dann kommt mir der Einfall: (Einfall geloescht, damit der werte Leser sich mehr auf den Film freuen kann – so viel sei gesagt: Das Schicksal ändert seinen Lauf, sodass der Boss nun Gerhard mehr denn je braucht). Das macht Sinn in Sachen Philosophie – auch wenn dem Mann alles genommen wurde, ist er immer noch dazu bereit, einem anderen Menschen beizustehen, der ihn ruiniert hat. Grossartig.

Jetzt fehlt mir nur noch eines: Der Film.

.

.

Lies Mehr über “Terminated”:
Alle Posts über den Schaffensprozess von “Terminated” sind im Terminated-Archiv zu finden. Hier einige Beispiele:

  • Das Büro ist fertig dekoriert - voll der Hammer!

    Terminated, Tag 2: Busfahrt und Büro in Downtown LA

    Posted on April 13, 2011 | 1 Comment

    Der erste Drehtag von Terminated beginnt im Morgengrauen. Etwa 30 Leute sind heute am Set, und einige unbekannte Faktoren müssen bewältigt werden: Eine unerlaubte gefilmte Busfahrt, ein unerlaubter Dreh an einer Busstation mit komplexer Handlung, ein quer durch den Verkehr geworfener Fussball und eine 3-minütige 1-shot-Szene, bei der ein Mann gefeuert wird und zu weinen beginnt. So viele Unbekannten für ein Team von Studenten, die nur ein paar Filme am Buckel haben – das bedeutet: You gotta step your game up. Und genau das haben wir vor. Full Story

  • Screenshot of the exclusive rehearsal video

    Terminated, Tag 1: Cast & Crew Meeting (Vorbesprechung und Versammlung)

    Posted on April 5, 2011 | 3 Comments

    Der erste Tag von “Terminated” ist gekommen – heute trifft sich das gesamte Team zu einer letzten Probe, um Kameraarbeit und Schauspieler-Aufstellung für die kommenden zwei Drehtage zu verinnerlichen; wir werden auf gefährlichem Gebiet und mit viel Risiko agieren; Drehgenehmigungen haben wir nur für einen Teil des Filmdrehs, und eine Filmcrew von fast 30 Leuten kann man nicht einfach so absagen. Jeder lernt nun die Geschichte des Films im Detail kennen, den Drehablauf und die Engpässe … noch ein paar letzte Besorgungen, dann kann alles morgen losgehen. Full Story

  • Eine der Busstationen, die zwar wunderschön, aber zu weit weg ist.

    Terminated – Props, Kamerafahrten, Probe und Zeitmessung

    Posted on March 29, 2011 | 2 Comments

    Das Drehdatum von “Terminated” rückt näher und näher – letzte Vorbereitungen müssen getroffen werden. Innerhalb der letzten zwei Wochen finden wir einen Weg, Requisiten zu besorgen und mein Kumpel Ferdl wird zum Produktionsdesigner, Hiroki und ich schiessen Probeaufnahmen vor Ort unter Aufsicht der Gebäudeverwaltung, ich gehe auf eine zusätzliche Drehortsuche und treffe mich schlussendlich mit den Schauspielern für eine Generalprobe. Full Story

  • A DIY Shoulder Mount for around $20-$30, mostly made of plumbin equipment, geared towards Video DSLRs; the tutorial below lets you build one yourself!

    Tutorial: Building a Shoulder Mount for DSLR Filming, $20-$30

    Posted on February 28, 2011 | 5 Comments

    This article (English) is a comprehensive tutorial for building a DIY shoulder mount for $20-$30. Parts consist mostly of plumbing pipes and a big old sweater – the result is a stable rig that can be used for quite smooth hand-held filming while standing and/or walking. This instruction is geared towards Video-DSLR users who want a comfortable, cheap and sturdy (let’s call it indestructible and easily replaceable) shoulder rig. Full Story

  • Der Konferenzraum am AET Campus mit aufgeteilten Casting-Unterlagen zu "Terminated"; von der Perspektive des Filmemachers aus gesehen.

    Der Castingprozess für “Terminated” – Teil 2: Das Casting

    Posted on February 15, 2011 | 5 Comments

    Ein Tutorial zum Casting: Mein Kurzfilmprojekt “Terminated” springt auf ein ganz neues Level der Erfahrung, als ich mich dazu entscheide ein echtes Casting abzuhalten. Und zum ersten Mal in meinem Leben erfahre ich, was es bedeutet, in “Castingliebe” zu fallen – wenn man einen Schauspieler unbedingt und um jeden Preis haben will. So eine pervers gute Darstellung ist ein einmaliges Erlebnis. Der zweite Teil dieses Beitrags handelt über das tatsächliche Casting und die Magie der Schauspieler, die auftauchen – sowie den verbundenen Stress, die peinlichen Momente und die Komplikationen mit Räumlichkeiten, die mir fast ein Disziplinarverfahren einhandeln. Full Story

  • Bürozellen bis zum Nebel des Horizonts - sowas gibts nur in Filmen. Foto: Yonatan Mallinger.

    Location-Durchbruch im Public Works Building

    Posted on February 5, 2011 | 5 Comments

    Nach einer Stunde Verhandlungen kommt ein magischer Moment des Durchbruchs – und uns wird für 0$ Kosten eine der beeindruckendsten Büroräumlichkeiten angeboten, die mein jungfernes Auge je erblickte. Und ich erblicke eine Menge, trotz meiner Kurzsichtigkeit. Damit hat mein baldiger Kurzfilm “Terminated” ein Zuhause gefunden! Full Story

  • Der Aufzugsbereich - wie in einem Film. Absoluter visueller Orgasmus!

    Das Wunder des Location Scouting

    Posted on January 1, 2011 | 1 Comment

    Als Guerilla-Filmemacher sind mir Shooting Permits (Filmgenehmigung eines Ortes) total hanswurst. Bisher musste ich aber auch noch nicht in einem schwer bewachten Gebäude filmen. Mit Yonatan, meinem Produzenten, mache ich mich auf nach Downtown LA, um die Erlaubnis für ein atemberaubendes Bürogebäude zu erhalten. Doch wir werden abgewiesen und Köpfe werden geschüttelt. Es scheint aussichtslos… Full Story

  • Die ersten Storyboards - wie diese Szene in den Film passt, können Sie am Ende des Artikels herausfinden.

    Wie ein Klassenfilm zu einem klasse Film werden könnte

    Posted on December 21, 2010 | 8 Comments

    Für unseren Kurs “Fortgeschrittene Filmproduktion” müssen wir einen Abschluss-Kurzfilm machen. So weit, so gut … dank Lorena bekomme ich eine Idee, und im Nu entwickelt sich eine simple Idee in eine potenziell bahnbrechende Filmentwicklung in meiner Laufbahn. Ergebnis: Noch unbekannt… Full Story

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.